10.10.2015

DebatteDeutsche Zuversicht

Nie war dieses Land besser als heute. Eine Antwort auf Botho Strauß. Von Nils Minkmar
"Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein": Unter dem Titel "Der letzte Deutsche" hat der Schriftsteller Botho Strauß , 70, im SPIEGEL der vergangenen Woche einen Debattenbeitrag veröffentlicht, in dem er an seinen ebenso berühmten wie umstrittenen Essay "Anschwellender Bocksgesang" aus dem Jahr 1993 anschloss. Aus Anlass der Flüchtlingskrise setzte Strauß sich nun mit dem Verhältnis der Deutschen zur Nation auseinander. Er konstatierte die Auslöschung geistesgeschichtlicher Traditionen, damit einhergehende kulturelle Entwurzelung und beklagte die Hegemonie demografisch und ökonomisch begründeten Denkens bei der Einwanderungspolitik. Unter dem Druck politischer Korrektheit werde dem Einzelnen die Souveränität geraubt, "dagegen zu sein". SPIEGEL-Autor Nils Minkmar antwortet Strauß.

Menschen mit einer komplizierten Geschichte können sich in einer Psychotherapie ihren Dämonen stellen, sie einhegen und dann befreit weiterleben. Und Länder können das auch. Die 25 Jahre, in denen Deutschland bislang an seiner Einheit gearbeitet hat, waren durch vergleichbare Prozesse geprägt. Und diese Prozesse waren auch nötig, nach allem, was wir im 20. Jahrhundert so angestellt haben.
Zu sagen, dass die Nachbarländer und auch viele kritische Landsleute zu Beginn der Neunzigerjahre mit Argwohn auf die deutsche Sozialprognose schauten, wäre ja noch eine Verharmlosung. Dass die Einheit ein wirtschaftliches Desaster werden würde, galt als ausgemacht. Dass die Westbindung schwächer würde, eine preußische und protestantische Kaltfront die Seelen erfassen könnte, war ein plausibles Szenario. Die Anschläge von Hoyerswerda, Mölln und Solingen bezeugten das nach wie vor vorhandene kriminelle rechtsradikale Potenzial in der deutschen Gesellschaft. Dann kamen die Lichterketten.
Am Ende des Sommers 2015 muss man, einigermaßen verblüfft, feststellen: Das Land hat die Kurve gekriegt. Deutschland ist mehr als erfolgreich, mehr als lebenswert, es ist in diesem Sommer schlagartig sympathisch geworden, bewohnt von Menschen, die ihre Freiheit nicht bloß aushalten, sondern sich daran erfreuen. Die Leute in Deutschland sind heute anders.
Am vergangenen Mittwoch geriet im Bahnhof von Lüneburg ein Mensch unter die Räder eines ICE. Im Zug, der mehrere Stunden lang mit verschlossenen Türen dastand, blieb es ruhig. Niemand lenkte die Aufmerksamkeit auf eigene Ansprüche, es gab keinen Wettbewerb, wer den wichtigeren Termin verpasse. Es schimpfte noch nicht einmal jemand auf die Bahn, obwohl eine massive Störung des Fahrplans im deutschen Seelenhaushalt schon zu den deutlicheren Stressfaktoren zählt. Aber alle bewiesen einen Anstand, der früher nicht selbstverständlich war, der im Gespür dafür wurzelte, wer an jenem Morgen das eigentliche Opfer war.
Man bemerkt solche Veränderung zum Besseren häufig.
Die jungen Leute blicken ihr Gegenüber offen an, nicht mehr so schüchtern und unbeholfen, weil es in den Familien nicht mehr so bedrückt und bedrückend zugeht. Politikwissenschaftler berichten uns an Wahlsonntagen mit leicht klagendem Unterton von der Auflösung der traditionellen Milieus. Aber die Erosion der weltanschaulichen Bastionen ist ein Segen. Die Leute kommen mit anderen Einstellungen in Kontakt, das baut Feindseligkeit ab. Lernfähigkeit, Neugier sowie die Bereitschaft, Dinge anders zu machen und sich mit Kolleginnen und Kollegen zu besprechen, gelten mittlerweile als Schlüssel zum beruflichen Erfolg. Daraus ergeben sich neue gesellschaftliche Werte und Praktiken. Still ist es an deutschen Esstischen nun nicht mehr.
Die deutsche Gesellschaft war lange in der Angst verwurzelt. Viele sind damit groß geworden. Die Angst zerfraß ihre Kindheit. Angst vor einer Wiederkehr des selbst herbeigeführten Unheils. Heute nennt man das posttraumatische Störung. Darunter litt das ganze Land. Die Angst war nicht nur Symptom, sie war auch das Medium jener Jahre. Sie hat uns lange begleitet: Ölkrise, Atomtod, Waldsterben. Heroin und Sekten. In einem dieser Abgründe würde man sicher zugrunde gehen. Sollte man Schule und Studium überstanden haben, ohne Suizid, dann wartete, geduldig wie das Fegefeuer, ewige Arbeitslosigkeit. Besonders schlimm stand es um die jeweils aufkommende Populärkultur. Warnungen vor dem Fernsehen waren bloß die Vorstufe für Warnungen vor Walkman, Videoclips, Computer und Mobiltelefon, vor Kabelfernsehen und Internet. Jahrzehntelang war es fünf vor zwölf, waren insbesondere die Intellektuellen rechts wie links schier verrückt vor der Sorge, es könnten Nazis oder Kommunisten die Macht übernehmen. Die Prophezeiung einer baldigen Machtübernahme durch den totalitären Islam ist eine Fortschreibung dieser Paranoia.
Nicht alle dieser Warnungen waren unbegründet. Oft lösten sie Gegenreaktionen aus, schärften die Sinne für tatsächliche Gefahren. In der Häufung aber raubten sie Zuversicht und erwiesen sich einfach als übertrieben. In Wahrheit wurde das Leben in Deutschland besser, und zwar in allen Bereichen.
Die dröhnende Basslinie der kontinuierlichen Angst, der Sound des geteilten Deutschlands, verklingt langsam. Und vielleicht ist es das, was die Jahrgänge, die diese Diskurse und die Kultur von damals miterlebten oder sogar maßgeblich prägten, heute so besonders ängstlich macht. Thilo Sarrazin und Botho Strauß sind gute Beispiele.
Die Mehrheit der hier lebenden Menschen aber teilt solche Ängste nicht mehr. Die Deutschen blinzeln zuversichtlich in die Sonne. Nicht, weil es unter über 80 Millionen keine gefährlichen und gewaltbereiten Minderheiten gäbe, die man besser im Auge behält. Auch nicht, weil es hier keine Ungerechtigkeit, Krankheit und Armut gäbe und weil nun der Endzustand der Geschichte erreicht wäre. Wir sehen aber, und gerade eben in diesen Monaten, das Resultat einer kulturellen Emanzipation, einer harten zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung historischer Komplexe. Diese Aufarbeitung hatte mehrere Komponenten.
Zunächst war da die Öffnung der Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Es war ein Vorgang, der weltweit einzigartig blieb und von Bürgern erzwungen wurde. Die schier unglaublichen Geschichten aus diesen Akten fanden ihr Echo in Filmen, Serien, Romanen und in vielen Familien. Das hat nicht allein das Bild der DDR geprägt, sondern die Bewertung politischer Systeme insgesamt verändert. Mag jemand noch so hehre Werte vertreten, die Behandlung des einzelnen Gegners ist der moralische Maßstab zu ihrer Beurteilung geworden. Es hat die Skepsis gegenüber den bürokratischen Apparaten, großen Erzählungen und kollektiven Beglückungsversuchen gestärkt, und damit das Selbstbewusstsein der Bürger und die Lust, sich einzumischen.
Auch die seit den Neunzigerjahren noch mal intensiver vorgenommene Beschäftigung mit den in der Nazizeit von Deutschen begangenen Verbrechen hat befreiend gewirkt. Arbeiten wie die von Daniel Goldhagen oder Saul Friedländer, die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, haben den Befund ergeben, dass der Massenmord an den europäischen Juden, an Homosexuellen, Kommunisten, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und Deserteuren nicht das Werk einer insgeheim operierenden Minderheit war, sondern aus der Mitte der Gesellschaft heraus geschah. Dass die Deutschen damals hinter solchen Maßnahmen standen, weil Antisemitismus, Militarismus und der Hass auf westliche Werte – diese fatale Dreifaltigkeit der deutschen Überlieferung – die Seelen vergiftet hatten. Es ist erst wenige Jahre her, dass all dies nun anders bewertet wird. Man hört – der Mainzer Historiker Andreas Rödder wies neulich darauf hin – das Wort Nestbeschmutzer kaum noch. Das fiel früher häufig, wenn von den Verbrechen der Deutschen in der Nazizeit die Rede war. Dass sich das Land, von seinen obersten Repräsentanten bis zu vielen aktiven Bürgern, dem Grauen stellt, hat es nicht geschwächt, sondern befreit.
Die dritte in diesem Zusammenhang zu nennende, für Deutsche komplizierte Operation ist das Einüben des Umgangs mit Menschen, die nicht hier geboren wurden oder deren Eltern nicht hier geboren wurden. Die letzten Gefechte in dieser Frage waren die Kampagne der hessischen CDU gegen den Doppelpass und der anhaltende Widerstand gegen ein Einwanderungsgesetz. Das Thema rührt an uralte deutsche Welterklärungsmuster, denn die Identität wurde hierzulande seit Jahrhunderten kulturell, in der Praxis auch einfach optisch festgestellt, weil es lange kein staatliches Gebilde gab, das einen gesamtdeutschen Bürgerbegriff hätte stiften können. Den Staatsbürger unabhängig von der Abstammung zu definieren, das fällt einfach immer noch schwer. Aber wir sind längst auf dem Weg dorthin, die Gesellschaft ist weiter als die politische Norm. Wer hört, wie sich eine dem Äußeren nach gut nach Shanghai passende Familie mit drei Söhnen im Wiesbadener Lego-Store in breitem Hessisch über die Vorzüge diverser Steine austauscht; wer sich an einem Nachmittag die Familien im Stadtpark ansieht oder morgens das Gewusel eines Hauptbahnhofs betrachtet, stellt fest: Was auch immer die Fürsprecher des ethnisch homogenen Nationalstaats unternommen haben, um ihn in Deutschland zu konservieren, es hat nicht geklappt. Wieder kann man sagen: zum Glück.
Italiener, Jugoslawen und Türken haben unseren Wohlstand mit erarbeitet und unsere Städte lebendiger gemacht. Die Sorgen blieben überschaubar. Die Menschen aus diesen Ländern sind Nachbarn und Kollegen, kein zu lösendes Problem. Natürlich schaffen sie auch Deutschland nicht ab, sie stärken es. Das ist die Erfahrung der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte. Mit einem Tag hatte man damals 17 Millionen neue Bundesbürger. Kurz darauf kamen Russlanddeutsche, russische Juden, Flüchtlinge von den Balkankriegen, und das Land ist friedlich geblieben, wurde wohlhabend und schön. Schöner als vorher. Heute tragen unsere beliebtesten Stars die neuen deutschen Nachnamen Naidoo und M'Barek, einer unserer bedeutendsten Intellektuellen heißt Kermani – na und? Die Kultur blüht. Wer wie Botho Strauß heute den Niedergang deutscher Kultur konstatiert, lebt in einer privaten Parallelgesellschaft.
All diese Anstrengungen und Selbsterforschungen mündeten im Wunder dieses Sommers, der zivilgesellschaftlich organisierten, freundlichen Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und den Balkanstaaten. Es war nur folgerichtig, dass die Politiker erst verspätet reagierten. Große Männer sind weder gefragt noch nötig. Die Bürger selbst übernahmen die Initiative in zahllosen Akten der Weisheit.
Vor einigen Jahren lief ich mit dem britischen Historiker Simon Sebag Montefiore durch Berlin. Er kam gerade aus Potsdam, hatte sich wieder einmal Sanssouci angeschaut. Er liebt das späte 18. Jahrhundert, die Aufklärung und, wie die Bundeskanzlerin, auch Katharina die Große. Er überschlug sich in seiner Schwärmerei und endete bei der Aussage: "Das war Deutschlands beste Zeit." Ein skeptischer Blick genügte eigentlich als Widerspruch. Montefiore hat als echter Liberaler kein Problem mit Autokorrektur. Er überlegte neu und befand: "Stimmt gar nicht – die ist ja jetzt." Es gibt kein besseres Deutschland als jenes der Gegenwart, und es gibt wenig Grund, sich vor der Zukunft zu fürchten. Dieses Glück muss man, wie die Freiheit, erst mal aushalten. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 42/2015
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