10.10.2015

TheaterVerbotene Gefühle

Der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat sein erstes Drama geschrieben. „Terror“ beschäftigt sich mit der Frage, ob man Menschen opfern darf, um andere zu retten. Von Alexander Kluge
Kluge, 83, ist promovierter Jurist, Fernsehproduzent und Schriftsteller. Er lebt in München.
Zwei Schiffbrüchige treiben auf dem Meer. Ein Brett in den Wellen, eine Bootsplanke könnte sie retten, aber sie ist nicht groß genug, um beide zu tragen. Also tötet der eine Schiffbrüchige den anderen, um nicht selbst zu ertrinken. Ist das Mord?
Dieses Gedankenspiel wird dem griechischen Philosophen Karneades zugesprochen. Cicero hat es überliefert. Man nennt es das "Brett des Karneades". Es ist ein berühmtes Fallbeispiel für das, was Juristen heute "Notstandsproblematik" nennen und mit dem sich die Gelehrten seit Jahrhunderten beschäftigen. Der Philosoph Immanuel Kant schrieb über das "Brett des Karneades": "Denn mein Leben zu erhalten, ist nur bedingte Pflicht (wenn es ohne Verbrechen geschehen kann); einem Andern aber, der mich nicht beleidigt, ja gar nicht einmal in Gefahr das meinige zu verlieren bringt, es nicht zu nehmen, ist unbedingte Pflicht." Man beachte wie verklausuliert sich der rigide Kant ausdrückt. Offenbar geht es um ein noch nicht abschließend gelöstes Problem.
2006 beschäftigten sich die Richter des Bundesverfassungsgerichts mit dem sogenannten Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss eines Flugzeugs ermöglichen wollte, um viele andere Menschen zu retten. Die Richter argumentierten mit dem Grundrecht auf Leben und der Garantie der Menschenwürde, unschuldige Menschen dürften nicht als bloßes Objekt zur Rettung anderer behandelt werden. Sie erklärten die Ermächtigung zum Abschuss für nichtig.
Aus dem Gedankenfaden des Karneades und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat Ferdinand von Schirach ein Theaterstück gemacht, das vergangene Woche am Deutschen Theater in Berlin und am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde. Die Bühne verwandelt er in einen Gerichtssaal, in dem er den Prozess gegen einen Luftwaffenpiloten verhandeln lässt, der ein Passagierflugzeug der Lufthansa mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hat, um zu verhindern, dass der Terrorist es als tödliche Waffe in die mit 70 000 Menschen besetzte Allianz Arena in München stürzen lässt.
Ich gehe nicht oft ins Theater. Aber ich wünschte mir mehr solcher Stücke. Wir sind nämlich, was die Probleme des 21. Jahrhunderts betrifft, politische Analphabeten. Ich beziehe mich ein. Bewaffnet mit den Antworten für die Fragen des (bitteren) 20. Jahrhunderts sind wir nur bedingt vorbereitet auf die Herausforderungen unserer Gegenwart. Sollte man die Flüchtlingsströme durch Zäune stoppen? Sind wir kriegsbereit, weil Russland die Krim annektierte? Darf man in Zeiten des Terrors 164 Menschen opfern, um 70 000 zu retten?
Schirachs Stück endet nach einer Pause damit, dass das Publikum in die Rolle der Schöffen wechselt und abstimmt über das Urteil. Ich habe den "Schuldig"-Eingang gewählt. Ein Mord ist ein Mord, egal unter welchen Umständen. Ich halte es mit dem englischen Richter, der 1884 über einen Fall von Kannibalismus urteilte, der sich auf einem Rettungsboot ereignet hatte, als der Kapitän der vierköpfigen Besatzung aus Hunger beschloss, den Schiffsjungen zu opfern. Der Richter verurteilte ihn zum Tode und empfahl gleichzeitig eine Begnadigung. Der Kapitän ist juristisch schuldig, obwohl er das Richtige getan hat.
Ich hielt mich, ein Jurist und Literat, in meiner rechtsstaatlichen Auffassung, für einigermaßen standfest. Trotzdem habe ich mich bei dem Theaterabend mehrmals bei "verbotenen Gefühlen" ertappt. Es ist ein Zeichen für gutes Theater, wenn es uns auf einen nicht manipulierten Prüfstand für unser ideologisches Abgas stellt.
Schirach lässt eine verkehrte Welt entstehen, und das ist, wenn man so will, das Literarische und Poetische an diesem Drama. Es geht um elementare Fragen, nämlich die Einrichtung des Gemeinwesens: die Frage, wer über Tod und Leben bestimmen darf. Bei so grundsätzlichen Fragen wird fast alles, was nach der Strafprozessordnung vor einer Strafkammer verhandelt werden kann, schräg. Das ist der Reiz des Stücks. Die inneren Stimmen in mir beginnen zu rufen, wie es die Kinder tun, wenn Kasper vom Krokodil bedroht wird. Man kommt einen Moment durcheinander und sortiert sich neu.
Sowohl der literarische Autor wie der Jurist Schirach nimmt die Rechtsordnung ernst. Für ihn ist der Rechtsstaat nicht diskutierbar. Er muss gelten, sonst macht sich der Mensch zum Gott. Der Kampfpilot handelte, als sei er der Weltenlenker. Was wäre das für ein Land? Mit 80 Millionen Göttern? Das ist noch einfach zu beantworten.
Aber, über den Theaterabend verteilt, finden sich Fallgruben. In sieben Minuten wird die Maschine mit ihren 164 Insassen in das Stadion stürzen, dann ist das Leben der Insassen ohnehin zu Ende. Sie sind tot und womöglich auch 70 000 Fußballfans. Wie viel Logik und Gefühl hat es, für die "Menschenwürde auf sieben Minuten" einzutreten? Andererseits: Hätten in diesen sieben Minuten nicht doch Passagiere genug Zeit gehabt, um den Terroristen im Cockpit zu überwältigen? (Im Hochgeschwindigkeitszug Thalys von Amsterdam nach Paris gelang kürzlich die Überwältigung eines Attentäters.) Außerdem: Warum haben die Vorgesetzten des Piloten in den 52 Minuten, die dem Abschuss vorangingen, keine Räumung des vollbesetzten Stadions veranlasst? Müsste man nicht die politischen Leiter statt des Piloten verurteilen? Das sind Fragen des praktischen Menschenverstandes.
Verblüffend wohltuend: die Staatsanwältin. Auch hier nimmt Schirach die Strafprozessordnung ernst (die Arbeit der Staatsanwältin soll der Wahrheitsfindung dienen). Diese Vertreterin der Staatsmacht spricht wie eine Ärztin mit dem Piloten, legt ihm die Hand auf die Schulter, bringt Argumente vor, die für ihn sprechen. Das kennt man von Staatsanwälten sonst nicht oft. Das sind Tröstungen im Stück.
Es bleiben existenzielle Fragen, die über den Rahmen eines Strafprozesses hinausgreifen. Wenn Immanuel Kant oder Karneades im Theater gesessen hätten, wären ihnen sicher neue Gedanken abverlangt worden. Was ist mit dem Tötungsverbot, wenn "der andere" (der Terrorist) zwar nicht mich selbst, auch nicht meine Frau und mein Kind, dafür eine ganze Menschenmenge in Lebensgefahr bringt? Ist es dann, um mit Kant zu sprechen, nur eine "bedingte Pflicht" (also dem Urteil des Einzelnen überlassen), eine Gruppe von 164 Menschen zu opfern? Außerdem: Zur Verteidigung der Republik und ihrer Menschen soll der Soldat sein Leben einsetzen. Darf er ersatzweise andere Menschen dem soldatischen Tod überantworten? Wenn es um die Verteidigung des Landes geht, es sich um einen unerklärten Krieg handelt, in dem der Terrorist Menschen und Flugzeug zur Waffe macht?
Theater hat eine große Spannbreite. Heiner Müllers "Zement". Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit". Kleists "Prinz von Homburg". Das sind "Tempel der Ernsthaftigkeit". Bei Schirachs Stück habe ich, trotz des bitteren Ernstes der Fragestellung, viel Komik empfunden. Im Theater ist "Probehandeln im Geiste" angesagt. Was in der Realität unerträglich ist, kann verhandelt werden. Theater sollte eine Alchemistenküche sein für verbotene und abgewehrte Gefühle in uns.
Wie sollen wir Analphabeten (ich beziehe mich, wie gesagt, ein) die Zeichen der Zeit je lesen lernen, wenn wir keinen Ort haben, wo wir unsere Fehler öffentlich zeigen dürfen? Die Premierenbesucher in Berlin und Frankfurt sprachen sich mit knapper Mehrheit für das Urteil "nicht schuldig" aus. Korrekt war das nicht. ■
Von Alexander Kluge

DER SPIEGEL 42/2015
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