10.10.2015

GESTORBENHENNING MANKELL, 67

Er war ein tatkräftiger, herzlicher Menschenfreund und hielt sich selbst nur für einen mittelprächtigen Autor – allerdings im Vergleich mit den Allergrößten der Literatur. Shakespeares "Macbeth" sei "der beste Kriminalroman, der je geschrieben wurde", behauptete der höchst erfolgreiche Kriminalschriftsteller einmal gegenüber einem SPIEGEL-Reporter. Mankell wurde immerhin in vielen Ländern der Welt berühmt mit einer Reihe von Büchern, in denen ein ausnehmend griesgrämiger Kommissar namens Kurt Wallander oft grotesk grausigen Verbrechen hinterherspürt. "Mörder ohne Gesicht" hieß der 1991 veröffentlichte erste von einem Dutzend Wallander-Romanen. Ihr Held ist ein oft trauriger, übergewichtiger, an der Gemeinheit der Welt verzweifelnder Polizist, der sich mit den Erinnerungen an seine Scheidung plagt, ab und zu seine erwachsene Tochter trifft, sehr viel trinkt und hin und wieder Sex mit Frauen hat: ein sensationell finsterer Moralist. Naturgemäß porträtierte sich Mankell in der Figur seines Helden ein wenig selbst. Der Autor wuchs nach der frühen Scheidung der Eltern beim Vater, einem Richter, und seiner Schwester in der schwedischen Provinz Härjedalen auf. 1966 ging Mankell nach einem Schauspielstudium nach Stockholm, um dort als Regieassistent zu arbeiten, und begann sich als Autor von Stücken und Prosatexten zu etablieren. 1972 reiste der 24-Jährige zum ersten Mal nach Afrika, das er "das Abenteuer meines Lebens" nannte. Nach vielen weiteren und oft langen Reisen auf diesen Kontinent beteiligte er sich von 1985 an in Mosambiks Hauptstadt Maputo am Aufbau eines Theaters, arbeitete dort als Regisseur und Prinzipal und pendelte zwischen Mosambik und Schweden. Das Bücherschreiben verstand Mankell stets als Mittel der Aufklärung und des politischen Engagements, angeblich wollte er schon mit seinen frühen Stücken "die Gesellschaft demaskieren". So erzählte er in seinen Afrikaromanen von Ausbeutung, Folter und der Verharmlosung der Schreckenskrankheit Aids, und so beschrieb er in seinen Schweden-Krimis die Zerrüttung des dortigen Sozialstaats und die seelische Verrohung seiner Landsleute. "Was auch immer ich schreibe, die Wirklichkeit ist stets schlimmer", sagte der Schriftsteller, nachdem im Juli 2011 der Attentäter Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet hatte. Als Kämpfer gegen echtes und vermeintliches Unrecht ging Mankell keinem Streit aus dem Weg und verglich Israel mit dem Apartheidstaat Südafrika. Gegen seine 2014 von ihm selbst öffentlich gemachte Krebserkrankung schrieb er klug und lakonisch an. Henning Mankell starb am 5. Oktober in Göteborg.
Von Höb

DER SPIEGEL 42/2015
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