10.10.2015

BriefeZu viel Gedöns

Nr. 41/2015 Operation Wunderkind – Wie Eltern den Erfolg ihrer Töchter und Söhne erzwingen
"Eltern sollen die Kinder lieben, die sie haben, und nicht versuchen, aus ihren Kindern die zu machen, die sie gerne hätten. Wenn Erzieher, Lehrer und Kinderärzte vor diesen penetranten Eltern kapitulieren, wer schützt dann die Kinder vor ihren Eltern?"
Christiane Frees-Tillil, Potsdam
Die Eltern sind nicht penetrant, denn es ist völlig normal, dass sie ihre Brut bestmöglich schützen, weiterbringen und daher immer mehr kontrollieren, um Erfolg zu garantieren. Viel interessanter wäre es, zu erläutern, wie viel Einfluss eine "Genie"-Förderung tatsächlich haben kann, wie viel an den Genen, der Selbstständigkeit und der Entwicklung eigener Fähigkeiten hängt und warum Kinder sich vielfach doch ihrer Bestimmung nach entwickeln. Interessant wäre es auch, darüber nachzudenken, was Eltern wirklich sinnvoll tun können, um ihre Kinder auf einen guten Weg für eine internationale multikulturelle Welt vorzubereiten, statt Helikopter zu spielen. Dazu kam nicht viel außer: "Lasst sie in Ruhe".
Dirk Weiske, Stuttgart
Eine vortreffliche Darstellung der Elterngeneration Kampfhubschrauber! Phänomene wie SUV-Staus vor der Grundschule, Ranzen schleppende Eltern und sofort als Majestätsbeleidigung empfundene Kritik am eigenen Kind erlebe ich als Vater von drei Söhnen ständig bei Miteltern, die viel zu viel Gedöns um ihre Kinder machen und ihnen letztlich nichts Gutes tun. Deshalb in Abwandlung eines Pink-Floyd-Songs: "Hey parents, leave us kids alone!"
Detlev Winkelmann, Koblenz
Um sich gut zu entwickeln, brauchen Kinder Bewegung, frische Luft, gesunde Nahrung, Schlaf und liebevolles Interesse. Sie sitzen schon viel zu lange in der Schule. Ein eigenes Weltinteresse wird da nicht gefördert, sondern den Kindern eher abgewöhnt, weil sie lernen müssen, wonach sie noch nicht gefragt haben. Es entgehen ihnen Alltagserfahrungen; so gibt es immer mehr lebensuntüchtige "Kopffüßler".
Angelica Mansky, Würzburg
Viele Eltern sind eher Opfer als Täter, Opfer eines radikalen Erfolgsdrucks, dem sie sich ausgesetzt sehen. Besonderer Druck lastet auf gut ausgebildeten Frauen, die mit der Doppelbelastung nicht genug von Wirtschaft und Gesellschaft unterstützt werden. Also: geringere Arbeitszeiten, Kitas und Kigas in den Betrieben, Schutzvorschriften für Eltern, Teilung von Führungspositionen und mehr Kinderfreundlichkeit.
Karin Denk, Münster

Beim Lesen pochte gewaltig mein Lehrerherz, das 40 Jahre lang vor allem für die Schüler schlug, und ich freute mich, auch dokumentiert durch die Aussagen dieser Achtklässler, dass bis heute Eltern und Erzieher mit Kindern und Jugendlichen nicht alles machen können, damit sie zum "Designerkind" pervertieren. Wie Sie richtigerweise betonen, kommen solche Eltern oft mit bereits fertigen Diagnosen an und bedrängen den Lehrer, einen von ihnen ausgesuchten Weg mit dem Kind zu gehen. Oft ist es auch nur Drückebergerei vor den wirklichen Aufgaben bezüglich der Kinder wie, sie einfach lieb zu haben und sie zu begleiten, zu fördern und zu fordern.
Otto Hangleiter, Königsbronn (Bad.-Württ.)
Am Ende eines Artikels, der bunt gemischt derartig viele Variationen eines möglichen Fehlverhaltens der Elterngeneration um die vierzig aufzeigt, dass garantiert für jeden etwas dabei ist, wartet die ewige Lichtgestalt: die gute (west-)deutsche Mutter in Form von Frau Conradi. Natürlich schieben die Autoren gleich relativierend hinterher, es handle sich nicht um ein "Idealmodell", wohl wissend, dass es genau das ist und darüber hinaus für 99 Prozent der Frauen bei uns sowieso unerreichbar – und das schon seit über hundert Jahren.
Elisabeth Köper, Göttingen
Seit 38 Jahren Klassenlehrerin von Pubertierenden, habe ich großes Verständnis dafür, dass sich Eltern in diesen Zeiten überfordert fühlen. Dennoch sollten sie ihre Kinder nicht einfach auf der Schulfußmatte abgeben und bei Misserfolg die Lehrer verantwortlich machen. Zu Hause werden oft nur die Noten abgefragt, statt ein echtes Interesse an den Inhalten zu zeigen. Es ist viel wichtiger, Selbstständigkeit und Durchhaltevermögen zu vermitteln, den Erfolg nach all den Anstrengungen gemeinsam zu genießen, als um Noten zu feilschen.
Margrid Martens, Hamburg
Helikopter- und Mozart-Eltern sind Ergebnis einer absurden Bildungspolitik sowie der immer härter werdenden Leistungsgesellschaft. Was wären denn Kitas und Grundschulen ohne engagierte Eltern? Warum sind manche Grundschulen begehrter als andere? Warum haben wir verschiedene Unterrichts- und Betreuungsmodelle und eine Schwimmhalle an der einen Schule, während die andere um vernünftige Toiletten kämpft? Welcher Chef hat Verständnis in dieser schnelllebigen Zeit, wenn man durch reduzierte Arbeitszeiten nicht sofort auf Anfragen reagieren kann? Dass es da immer mehr Eltern schwerfällt oder sie gar überfordert sind, sinnvolle Grenzen zu finden, ist doch nur verständlich.
Dana Höhne, Frankfurt am Main
Wer sagt diesen "Turboeltern", dass man die Zukunft eines Kindes nicht planen kann? Dieser Machbarkeitsschwachsinn in der Kindererziehung ist schon erschütternd.
Ulrich Stollenwerk, Köln
Kinder haben in der Regel genügend schulische Herausforderungen. Da sollten Eltern ihnen nicht noch zusätzlichen Stress bereiten, indem sie sie zu Wunderkindern machen möchten und sich deshalb gern mit den Lehrpersonen anlegen. Für den Lernerfolg des Kindes ist es ganz entscheidend, dass Schule und Elternhaus harmonisch und vertrauensvoll zusammenarbeiten.
Gabriele Gottbrath, Rektorin i. R., Gladbeck

DER SPIEGEL 42/2015
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