29.12.1997

ZEITGESCHICHTEBlutbad im Bergstädtchen

Zum erstenmal hat ein ausländisches Gericht die Bundesregierung zu Wiedergutmachung verurteilt - für NS-Greuel 1944 in Griechenland, die bislang kaum zur Kenntnis genommen worden waren. 50 000 weitere Klagen stehen noch aus.
Als die Erinnerung kommt, hält es Pagona Skouta, 66, nicht auf ihrem Stuhl. Gebeugt steht die Griechin in ihrem Wohnzimmer und schwenkt den Arm wie eine Sichel auf dem Feld, dazu gibt sie ein knarrendes "Brrr" von sich. Dann sinkt sie wieder auf ihren Stuhl. "Kaputt", sagt sie und wiederholt noch einmal "Kapuuuht", mit langem Dehnungsvokal.
Pagona Skouta war 13 Jahre alt, als deutsche Soldaten am 10. Juni 1944 ihr Dorf Distomo heimsuchten. So waren sie schon oft gekommen, seit sie Griechenland besetzt hielten; die Truppen der Wehrmacht machten in dem Bergstädtchen nahe Delphi gelegentlich halt, um frische Lebensmittel, Obst und Wein zu beschlagnahmen. Manchmal spielten die Besatzer sogar in der Sonne mit kleinen Kindern.
Also schleppte Pagonas Vater wie üblich Wein und Gläser herbei, als sich ein Uniformierter mit SS-Runen am Kragen dem Haus näherte. Sie selbst hielt ein Tablett mit Eiern, Schafskäse und Oliven bereit, wie um einen Gast zu empfangen.
Doch diesmal blieb der Deutsche in der Tür des Raumes stehen, in dem sich 15 Menschen befanden, die Familie, Freunde, Nachbarn. Wortlos hob er seine Maschinenpistole und feuerte mit einem Schwenk "von rechts nach links" in die Runde. Dann malte er mit weißer Kreide ein Kreuz an die Tür, drehte sich um und ging. Das einzige Wort, das sie aus seinem Mund vernahm, sprach er auf der Straße: "Kaputt."
Pagonas Vater Spiros Malamo, 67, ihre Schwester Loukia, 8, Neffe Joannis, 9, und sieben andere Verwandte und Bekannte waren auf der Stelle tot. Das Mädchen überlebte, weil es hinter die geöffnete Tür stürzte. Dort blieb es liegen, bis die Soldaten das Dorf verlassen hatten - inmitten eines Breis aus Blut und Wein, der sich aus leckgeschossenen Fässern in den Raum ergoß, dickflüssig "wie Creme", so Skouta, und am Ende fast 20 Zentimeter hoch.
Im Juni 1944 brachten deutsche Soldaten in Distomo 228 Menschen um. Auf dem Rückweg von einer erfolglosen Jagd auf Partisanen in einem Nachbardorf, bei der die Widerständler drei Deutsche getötet und 18 verletzt hatten, rächte sich die 2. Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments 7 mit einem Blutbad an der Zivilbevölkerung. Das älteste Opfer war 85, das jüngste zwei Monate alt.
Panajotis Sfontouris überlebte, weil ihn seine Großmutter in einem rund 60 Zentimeter tiefen Kellerloch für Vorräte unter den Dielenbrettern ihres Wohnraumes versteckte. Nachdem die Deutschen das Dorf wegen der hereinbrechenden Dämmerung verlassen hatten, rannte der Sechsjährige mit seiner kleinen Schwester nach Hause.
Als er das Zimmer betrat, kniete seine Mutter vor dem Kamin, den Kopf mit großen Augen an die Wand gelehnt. "Ich habe nicht geglaubt, daß sie tot war", sagt Sfontouris. Als er sie anfaßte, kippte sie um. Im Bett lag der Vater, die Schädeldecke weggeschossen. Er hatte gehofft, als simulierender Kranker verschont zu bleiben. An einer Hand fehlten die Finger, samt Ehering.
Im Kinderbett gegenüber fand Panajotis seinen kleinen, nicht einmal zwei Jahre alten Bruder Nikolaos. Ihn hatten die Soldaten nicht erschossen. Er war, offenbar mit dem Bajonett, aufgeschlitzt worden, von oben bis unten. "Als ich ihn hochheben wollte, fiel er richtig auseinander", erzählt Sfontouris, mittlerweile 59 und Besitzer einer Tankstelle. "Wir konnten ihn nur in eine Decke gewickelt aus dem Haus bringen."
Nüchtern sind die Namen und das Alter der Opfer von Distomo in die Marmorplatten eines Mahnmals graviert, das sich auf einem Hügel über dem Dorf erhebt: "Es war ein Inferno in Blut", sagt der Professor für neuere europäische Geschichte an der Athener Universität, Hagen Fleischer, "es gab geradezu sadistische Exzesse."
Männer wie Kinder wurden wahllos erschossen, Frauen vergewaltigt und niedergemetzelt, vielen schnitten Soldaten die Brüste ab. Schwangere wurden aufgeschlitzt, manche Opfer bei lebendigem Leib mit dem Bajonett gemeuchelt. Anderen wurden Köpfe abgetrennt oder Augen ausgestochen.
Das Blutbad von Distomo geschah am selben Tag wie das Massaker im französischen Oradour, bei dem 642 Menschen von einer Kompanie der SS-Panzer-Division "Das Reich" hingemordet wurden. Während Oradour aber in der Enzyklopädie des Schreckens zum Symbol der Nazi-Greuel wurde, sind die grausigen Metzeleien in Griechenland kaum in die Geschichtsbücher eingegangen.
Distomo und auch das Massaker von Kalavrita auf dem Peleponnes (511 Tote), das sich am 13. Dezember jährte, finden selbst in gängigen Nachschlagewerken allenfalls am Rande Erwähnung. Dabei komme ihnen "in der Essenz derselbe Symbolwert" zu wie Oradour oder Lidice, meint der Berliner Historiker und Südosteuropa-Experte Holm Sundhaussen.
Das Versäumnis wird jetzt nachgeholt. Dafür sorgt vor allem ein Gericht in der griechischen Provinzhaupstadt Livadia, rund 20 Kilomter von Distomo entfernt. Die Kammerrichter verurteilten die Bundesregierung, fast 60 Millionen Mark "Schmerzensgeld für den immateriellen Schaden" an die Hinterbliebenen der Opfer von Distomo zu zahlen. Die Klage war von 296 Überlebenden und Nachkommen angestrengt worden, die über 50 Jahre nach Kriegsende "Schadensersatz und Geldbuße für den gleichhohen materiellen und immateriellen Schaden" begehren.
Das Gericht lehnte zwar einen Ausgleich für zerstörte Häuser, verschwundenen Hausrat oder vernichtete Höfe ab. In der schriftlichen Urteilsbegründung, die jetzt vorliegt, kommen die Richter zu dem Ergebnis, daß die "zerstörten Gebäude weder genau beschrieben" noch deren "objektiver Wert" glaubhaft gemacht werden konnten.
Einen Anspruch auf Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen der Opfer hingegen fanden die Richter zulässig und berechtigt. Der Schaden der Bewohner sei "auf Handlungen von Organen des deutschen Staates zurückzuführen" und unter grober "Verletzung von völkergewohnheitsrechtlichen Zwangsnormen" entstanden.
Der Richterspruch aus Livadia bleibt für Bonn zunächst noch ohne praktische Folgen. Die Bundesregierung lehnt jede Zuständigkeit eines ausländischen Gerichtes für sich ab. Zudem bezweifelt die Bundesregierung aber auch jede sachliche Voraussetzung für einen Anspruch der Hinterbliebenen von Distomo.
Das Auswärtige Amt ließ das Massaker in Distomo durch den deutschen Botschafter in Griechenland gegenüber den Opfern als normale "Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung" rechtfertigen. Sie sei "nicht als NS-Tat" im Sinne nationalsozialistischer Verfolgung zu bewerten, sondern als "Vergeltungsaktion" und Reaktion auf Partisanenangriffe. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.
Auch die Absicht der griechischen Kläger, notfalls vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, muß die Bundesregierung wohl nicht sonderlich schrecken. Denn dessen Zuständigkeit leitet sich aus der Europäischen Menschenrechtskonvention von 1950 ab. Gemessen daran seien die Massaker ein quasi "vor-menschenrechtlicher Tatbestand" und die Europa-Richter kaum zuständig, urteilt der Hamburger Völkerrechtler Norman Paech.
Erfolgversprechender wäre da schon der Weg vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das ginge aber nur auf offiziellen Antrag der griechischen Regierung. Oder die Kläger müßten vor ein deutsches Gericht ziehen, wie es ausländische ehemalige Zwangsarbeiter im Kampf um Wiedergutmachung mit Aussicht auf Erfolg betreiben (SPIEGEL 48/1997).
Doch wie auch immer das juristische Tauziehen um die Klage von Distomo ausgeht: Der Richterspruch aus den griechischen Bergen ist politisch und diplomatisch brisant. Denn er bereichert die Debatte über ausstehende Wiedergutmachungsleistungen Deutschlands an bisher nicht entschädigte NS-Opfer um ein ganz neues Kapitel. Außerdem ist das Urteil nur das erste in einer wahren Prozeßflut, die in den nächsten Monaten zu erwarten ist.
Rund 50 000 Klagen griechischer NS-Opfer sind nach offiziellen Angaben vor griechischen Gerichten anhängig. Hintergrund der Klagewelle zum jetzigen Zeitpunkt ist die Sorge örtlicher Juristen, daß die deutsche Wiedervereinigung eine neue Rechtslage begründe und Wiedergutmachungsansprüche womöglich verjähren könnten.
In Kalavrita, am Fuße des Chelmos-Gebirgsmassivs im Norden des Peleponnes, gingen allein rund 1000 Kläger vor Gericht. Sie verlangen zumindest eine symbolische Zahlung für ihre Leiden. "Gerechtigkeit muß sein", verlangt Vassilios Karkoulias, 55, einer der Kläger, das sei doch "ein richtig deutscher Ausdruck".
Karkoulias war anderthalb, als die "Katastrofi", wie es die Griechen nennen, über seinen Heimatort hereinbrach. Zur Vergeltung für Partisanenangriffe auf deutsche Truppen trieb die 117. Jägerdivision der Wehrmacht am 13. Dezember 1943 in Kalavrita alle Zivilisten vor der Schule zusammen. Männer und männliche Jugendliche wurden aussortiert und auf einen nahe gelegenen Hügel am Waldrand geführt. Dort, wo sich heute ein großes weißes Kreuz über den Ort erhebt, wurden die Männer mit Maschinengewehren erschossen. Bilanz: 511 Tote, der jüngste war 13, der älteste 77. Insgesamt forderte das "Unternehmen Kalavrita", das sich laut Wehrmachtsbefehl auch auf benachbarte Dörfer und Klöster bezog, mindestens 1200 Opfer.
Die Aktion wurde mit solcher Gründlichkeit ausgeführt, daß es in der Gegend keine Männer mehr gab. In dem Ort "konnte man nur noch schwarze Kleider sehen", sagt Karkoulias. Der Ingenieur, Vize-Vorsitzender eines "Vereins der Opfer des Holocaust in Kalavrita", verlor seinen Vater, einen Onkel, drei Schwager und "viele Cousins".
Zusätzlich brannten die Soldaten der Wehrmacht alle Häuser nieder und plünderten die Bank. Das Vieh wurde beschlagnahmt, Vorräte und Wertsachen mitgenommen. "Wir sind froh, daß wir damals nicht verrückt geworden sind", erinnert sich der Bürgermeister Panos Polkas, 77, der zu jener Zeit als Partisan in den Bergen gegen die Deutschen kämpfte.
Der Schadensersatz, den manche im Ort erhielten, ist ähnlich wie in Distomo für die Nachkommen der Opfer nicht der Rede wert. Andreas Pavlopoulos, 54, Stadtdirektor und Vorsitzender des Holocaust-Vereins, bekam von der griechischen Regierung 16 000 Drachmen für den getöteten Vater, an den er, damals sechs Monate alt, keinerlei Erinnerung hat. "Selbst für einen kriegsbedingt beschlagnahmten Maulesel gab es mit 20 000 Drachmen mehr", empört sich Bürgermeister Polkas.
Die Summe war das Ergebnis einer bilateralen Vereinbarung zwischen den Regierungen in Athen und Bonn. Ähnlich wie auch bei elf anderen westlichen Regierungen stimmte Kanzler Konrad Adenauer 1960 Reparationen an den Verbündeten zu. Athen erhielt zunächst 115 Millionen Mark.
Weitergehende Forderungen, die von griechischer Seite auf mehrere Milliarden Dollar beziffert werden, wurden - wie in anderen Fällen auch - aufgrund des Londoner Schuldenabkommens erst einmal gestundet, bis zum Abschluß eines endgültigen Friedensvertrages.
Eines Friedensvertrages bedarf es nach vorherrschender Meinung der Völkerrechtler aufgrund des Zwei-plus-Vier-Vertrages und der Deutschen Einheit nun nicht mehr. Aber die Bundesregierung zeigt für die griechischen Ansprüche, symbolisch oder nicht, wenig Verständnis. 50 Jahre nach Kriegsende habe "die Reparationsfrage ihre Berechtigung verloren", läßt das Auswärtige Amt erklären. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern müsse "zukunftsorientiert" gestaltet werden.
Zugleich fehlt es auch nicht an Hinweisen auf deutsche Zahlungen an die Europäische Union, von denen Griechenland schließlich in erheblichem Maße profitiere. Man möge das Thema doch besser ruhen- lassen.
Zeit, zu vergessen? Ein finanziell verständlicher, menschlich verwegener Wunsch. "Kann ich vergessen, daß ich Eltern hatte?" fragt die Distomo-Überlebende Pagona Skouta.
* Vor der Gedenkstätte von Kalavrita.
Von Ertel und

DER SPIEGEL 1/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Blutbad im Bergstädtchen

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"