29.12.1997

SCHAUSPIELERSchattenmann und Kanalratte

Jürgen Vogel, der schnoddrige Anti-Star des neuen deutschen Films, will in der Pennerballade „Fette Welt“ beweisen: Schauspielerei ist eigentlich Politik.
Berlin, Bahnhof Zoo, am hintersten Bahnsteigende von Gleis vier. Ein milchiggrauer Frühwintertag. Außerhalb der Bahnhofshalle fegt ein lausig kalter Wind in Richtung Gedächtniskirche. Die Film-Crew von "Fette Welt" bibbert und bläst Atemwolken in die Luft.
"Totale auf Jürgen!" ruft der Regisseur Jan Schütte. Hauptdarsteller Jürgen Vogel nimmt hastig einen letzten Zug von seiner Zigarette, zupft seinen schäbigen Mantel zurecht und stellt sich an der Bahnsteigkante auf. Dann wird gedreht, nur eine einfache Einstellung: Mann wartet auf Zug.
Aber wie Vogel da wartet, gedankenverloren ins Nirgendwo starrt und von einem Fuß auf den anderen tritt, um die Kälte zu vertreiben - das ist Schauspielkunst. Innerhalb von Sekunden läßt er den angespannten Trupp vergessen, der sich ein paar Meter weiter hinter der Kamera drängelt, und auch die Fahrgäste, die auffällig unauffällig den Hals recken, um einen Blick zu erhaschen. Vogel, der blasse, ärmliche, geduckte Mann an Gleis vier, wirkt furchtbar allein auf dieser Welt: ein Penner, der kein Zuhause und kein Ziel hat. Genau davon handelt "Fette Welt", die Verfilmung eines Romans von Helmut Krausser.
Sein alter Freund Richy frotzele immer, wenn er ihn sehe: "Ah, da kommt ja unser Elendsdarsteller", erzählt Jürgen Vogel ein paar Tage danach in einem Berliner Café - und lacht dazu. Der "Fette Welt"-Dreh ist überstanden; Vogel hat sich die filzige braune Matte, die er für seinen Penner-Part trug, ratzekahl geschoren. Jetzt macht er erst mal Pause, der Elendsdarsteller.
Freund Richy hat recht: Vogel, 29, hat in den letzten Jahren das große Los als Loser gezogen. Er ist der Anti-Held des neuen deutschen Films, ein schnoddriger, proletarischer Narziß. Vogels Figuren tragen Namen wie Ingo, Andy, Dieter, Pit oder Charly - Namen, die nach Berufsschule und Dosenbier vom Kiosk riechen. Vogel hat Muskeln wie einer von der Straße und einen Gang, der wirkt, als hätte er vier Matrosen im Stammbaum. Sein Image: aggressiv, flegelhaft und zugleich unwiderstehlich. Ätzend und verletzend, aber auch verletzlich. Ein Verweigerer, selten ganz erwachsen, häufig mit kriminellen Zügen. Ein Schattenmann und Schmerzensmann.
In "Das Leben ist eine Baustelle" lag er als Jan Nebel, ein vom Pech verfolgter Berliner Jobber, ziemlich neben der Spur; und in "Die Apothekerin" becircte er die pharmazeutisch bewandte Hella, die ihn wenig später unter die Erde brachte. Bald wird Vogel im TV-Drama "Der Pirat" als Junkie zu sehen sein, der "vom Großkotzdealer zur abgefuckten Kanalratte" absteigt - ein Film nach einem authentischen Fall, von Stefan Aust aufgezeichnet und als Buch veröffentlicht (Ausstrahlung im Februar).
Mit seiner Filmauswahl hat sich Vogel, der bislang zweimal den Bundesfilmpreis gewann, inzwischen weit mehr als nur Darstellerruhm erarbeitet. Sein Name steht für den Traum von einem anderen neuen deutschen Film: einem, der nicht nur verbissenen Willen zur Unterhaltung zeigt, sondern auch das Verlangen, reale Geschichten aus der Kohl-Ära zu erzählen. Es ist der alte, idealistische Traum von der Filmemacherei, die etwas bewirken will. "Schauspielerei ist Politik", glaubt Vogel, "die Art, wie ich Menschen zeige, denen es schlechtgeht, wie ich ihnen Respekt erweise - das ist eine politische Haltung."
Beharrlich hat sich Vogel darum dem Beziehungsklamauk verweigert; statt dessen hat er sein Schicksal an begeisterungsfähige Autorenfilmer wie Matthias Glasner ("Sexy Sadie"), Dani Levy ("Stille Nacht") oder Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle") gekettet.
Auch "Fette Welt" ist der vielversprechende Versuch, Bodenhaftung in den in Yuppie-Gefilden schwebenden Deutschfilm zu bringen: nicht zuletzt darum, weil in der Geschichte des Obdachlosen Hagen Trinker, der seinem Namen hochprozentige Ehre macht, etliche echte Berber auftreten. Als Vogel während einer Drehpause in voller Penner-Montur durch den Münchner Hauptbahnhof stapfte, wollten Polizisten seine Papiere sehen; andere Darsteller wurden vom Fleck weg festgenommen. Andernorts probte ein Akteur die Flucht durch einen Bahnhofstunnel - prompt rissen ihn Beamte zu Boden. Es hätte ja was Kriminelles vorliegen können.
Für "Fette Welt" und "Der Pirat" hat Vogel das vergangene Jahr überwiegend auf Bahnhofsklos, im Knast, unter Brükken, in Drogenquartieren, Leichenhallen und zugigen Rohbauten zugebracht. Der Mann ist kein Feind von Traurigkeit.
Warum tut er sich, Idealismus hin oder her, dauernd die Typen mit den angeknacksten Lebensläufen an? "Mir macht es Spaß", sagt Vogel. "Schauspielerei heißt für mich, ich selbst zu sein, nur mit einer anderen Geschichte. Die ziehe ich mir an wie einen Anzug." Darum kann er "nur spielen, was ich verstehe". Einen wie Hagen, der freiwillig auf der Straße lebt, kann Vogel verstehen. "Zwischen Hagen und mir gibt es keinen großen Abstand."
Nur den, daß Vogel den Absprung aus Hamburg-Schnelsen geschafft hat. Vater Vogel war Kellner, die Mutter Hausfrau; vier Kinder, 1600 Mark im Monat, sozialer Wohnungsbau. Vogel machte die Mittlere Reife und ergatterte als Jugendlicher erste Rollen in dem Zeitgeist-Drama "Kinder aus Stein" und in der Familiengeschichte "Novemberkatzen". An der Schauspielschule, die ihn einige Jahre danach aufnahm, hielt er es nur einen Tag aus. Statt dessen drehte der autodidaktische Malocher Film nach Film, fast 50 an der Zahl.
Das ist Vogels Lebensgeschichte - und es ist auch seine Story. Ungefragt redet er davon, daß er es nicht leiden könne, "wenn die Leute sich dafür schämen, wo sie herkommen". Nur "kein Klodeckel drauf" auf die Vergangenheit. Dieses Beharren auf seiner Herkunft paßt, na klar, zum Image des unverfälschten Gossenhauers.
Vogels große Klappe, gepaart mit seiner Erfahrung, hat bei Dreharbeiten Folgen: Er mischt sich ein. Hagen in "Fette Welt" etwa war Vogel anfangs "zu passiv". Er vermißte im Drehbuch die Straßenhärte und auch die knalligen Dialoge, die der Vorlage ihren Jungmannen-Charme gaben. "Was ist dein Hobby?" wird Hagen da gefragt. "Wichsen", antwortet der.
"Das ist doch Klasse", findet Vogel, schaltet sein schiefes, spitzzähniges Grinsen an und läßt sich von der Kellnerin eine Packung Zigaretten kommen.
Roman und Verfilmung wird dennoch nicht allzuviel verbinden. Denn zwischen dem Sprachberserker Helmut Krausser ("Thanatos"), 33, und dem Menschenkalligraphen Jan Schütte ("Auf Wiedersehen, Amerika"), 40, liegen Welten.
Kraussers pathetischer Roman stimmt einen Rattengesang der Großstadt an, eine alkoholgeschwängerte Verherrlichung von Dreck und Chaos. Sein Hagen ist ein ungewaschener, selbstverliebter, klassisch gebildeter Dichter in der Gosse, der mit exaltiertem Weltekel auf das etablierte Deutschland blickt, auf all die "sinnlos durch die Gegend hopsenden Organsammlungen". Zwischen Brillanz und Unerträglichkeit irrlichtert der Roman, 1989/90 verfaßt, über das literarische Terrain.
"So kann man die Geschichte heute nicht mehr erzählen", findet Jan Schütte. Zu viele Leute landen wirklich auf der Straße, als daß man das Berberleben zur Selbsterfahrungsnummer eines spätpubertären Jüngelchens degradieren dürfe. Da ist Schütte ganz Sozialrealist.
Darum läßt sein Film nur die Brandmauern der Handlung stehen: Hagen, der mit einer Pennerclique in München haust, trifft die Ausreißerin Judith (Julia Filimonow) und verliebt sich in sie. Als Judith von der Polizei geschnappt und zu ihren Eltern nach Berlin verfrachtet wird, fährt Hagen hinterher, ohne auch nur ihren Nachnamen zu kennen. Aber Berlin ist groß und kalt und feindselig, und irgendwann gibt Hagen seine Suche auf. Ausgerechnet dann, beim Warten am Bahnhof Zoo, sieht er Judith wieder.
Auch das Zufallstreffen des Pärchens steht an diesem Drehtag auf dem Programm. Die Positionsmarken der Darsteller kleben auf dem Bahnsteig. Sie kommt langsam auf ihn zu, Umarmung, Kuß, "gut siehst du aus", sagt er. Sie lächelt. Der abgerissene Wicht und das frisch gewaschene Mädchen: Werden sie wieder ein Paar?
Wie auch immer "Fette Welt" ausgehen wird: Hagen, der Säufer, der Träumer, der Dieb, ist einer von denen, die Vogel vor sich sieht, wenn er sagt, Schauspielerei sei Politik.
Im Café, er will gerade gehen, kommt Vogel auf einmal die Galle hoch: "Wir haben jetzt fast fünf Millionen Arbeitslose, und die Zahl wird weiter raufgehen. Irgendwann ist dieser Staat nur noch eine Farce. So wie die Leute selbst mit dem Hammer die Mauer eingehauen haben, so werden sie irgendwann den Bundestag einhauen. Sie werden hingehen, die Typen an die Luft setzen, die Konten sperren und selbst die Regierung übernehmen. Das ist das einzige, was ich mir vorstellen kann."
Und dann zieht Jürgen Vogel, der Revoluzzer vor der Kamera, sein Wollkäppi auf, schnappt sich seine Zigaretten und geht.
Susanne Weingarten
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 1/1998
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