24.10.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksEr und wir

"Er ist wieder da" heißt der neueste Hitler-Film. Der Titel, dem gleichnamigen Roman von Timur Vermes entlehnt, ist irreführend. Er war nie weg. Er ist bis heute immer bei uns, gerade in diesen Tagen. Dämon, Pop-Ikone, Menetekel. Je mehr wir meinen, uns von ihm zu entfernen, desto mehr müssen wir feststellen: Wir sind seine Kinder. Hitler ist der deutsche Vater. Regisseur David Wnendt ließ seinen Hauptdarsteller im Hitler-Kostüm durch Deutschland reisen. Hitler tritt auf. Die Menschen kommen. Der Zauber wirkt. Die Menschen suchen die Nähe des "Führers". In Disneyland tanzen die Kinder mit den Animateuren im Micky-Maus-Kostüm. In Deutschland teilen die Erwachsenen ihre Sorgen mit Onkel Adolf.
Man muss da wohl von einer ungebrochenen Faszination sprechen. Selbst der SPIEGEL soll sich in der Vergangenheit für Hitler interessiert haben.
Und auch die Forschung ruht nicht. Gerade hat der deutsche Schriftsteller Norman Ohler über Adolf Hitler als drogensüchtigen "Patient A" spekuliert, den seine "natürliche Intuition" genau dann verlassen habe "als die Einspritzungen, die er sich von seinem Leibarzt verabreichen ließ, seinen Organismus immer mehr durcheinanderbrachten." Die Niederlage – ein Drogenproblem?
Dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder ist derweil aufgefallen, dass das Wort "Lebensraum", ein Schlüsselbegriff in Hitlers Ideologie, auf Englisch nichts anderes bedeutet als "living room" – Wohnzimmer: "Hinter jedem imaginären deutschen Rassekrieger stand eine imaginäre deutsche Hausfrau, die immer mehr wollte" – nämlich so leben wie die Amerikaner. Der Zweite Weltkrieg – ein Ringen um Schrankwände und Couchgarnituren?
Mit dem präsidialen Blick aufs Ganze hat Joachim Gauck im vergangenen Jahr gesagt: "Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir jemals hatten." Vielleicht. Aber offenbar will das nicht viel heißen. In Dresden, der neuen Hauptstadt der Bewegung, attackierte ein Redner am vergangenen Montag "Flüchtelanten", die über Frauen "hergefallen" seien und "in sie ihren Moslemsaft hineingepumpt" hätten. Es tauchte auch der Satz auf: "Aber die KZ sind ja leider derzeit außer Betrieb." Applaus und Gejohle im Publikum. In solchen Momenten schwebt sein Schatten dann über der Szene. Dem entzieht sich niemand.
Mal sehen, was das kommende Jahr bringt. Am 31. Dezember erlischt das Urheberrecht für "Mein Kampf". Jeder kann dann machen, was er will, mit dem Gröbaz, dem Größten Buch aller Zeiten. In welche Abteilung sortieren die Buchhändler den Hitler, Adolf? Bei den Sachbüchern? Oder doch eher als Fiktion? Und wie lange dauert es, bis er auf die Bestsellerliste kommt?
Es heißt, die Geschichte wiederhole sich nicht. In Wahrheit wiederholt sich Geschichte unablässig. Für unsere Eitelkeit ist das eine große Kränkung. Darum wollen wir es nicht wahrhaben.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 44/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jakob Augstein Im Zweifel links:
Er und wir

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt