24.10.2015

SPIEGEL-Gespräch„Ich erkenne die Lügner“

Der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, über die Inszenierung von Politik – und die Frage, warum dem Staatstheater die Zuschauer davonlaufen
Peymann, 78, sagt, er habe den ganzen Tag lang darüber nachgedacht, wo das Interview stattfinden könne. In seinem Büro bekomme er immer etwas Staatstragendes, das wolle er vermeiden. Und so hat Peymann das Gespräch inszeniert: Der Intendant hat auf der Probebühne einen schwarzen Tisch, drei Stühle und einen Kamillenstrauß aufstellen lassen.
SPIEGEL: Herr Peymann, wir wollen mit Ihnen über die Inszenierung von Politik sprechen. Der Politik laufen die Zuschauer davon.
Peymann: Es ja auch nicht gerade prickelnd, was da aufgeführt wird. Das Wegbleiben der Wähler ist Symptom für eine recht langweilig gewordene Staatskunst. Obwohl die Ereignisse gerade an Dramatik gewonnen haben.
SPIEGEL: Wegen der Flüchtlinge.
Peymann: Und weil Merkel überraschend agiert, ganz gegen ihre Natur. So etwas ist immer spannend. Das ist eine Art von Improvisation, wie bei Goldoni. Plötzlich erfindet sie etwas, womit niemand gerechnet hat. Ich will nicht sagen, das habe die Dimension vom Kniefall Willy Brandts, aber immerhin. Na ja. Jetzt kommt der Minister, wie heißt der noch mal, der es jetzt richten soll, der Dicke?
SPIEGEL: Altmaier?
Peymann: Ja, der. Altmaier tritt als Retter auf. So eine Art Falstaff, wie bei Heinrich IV., ein trink- und raufsüchtiger Soldat. Ich würde ihn sofort engagieren. Wahrscheinlich müsste man ihn dauernd betrunken machen, dann wäre er ganz toll. Solche haben wir am Theater leider nicht.
SPIEGEL: Wieso nicht?
Peymann: Auf der Bühne geht es nur um Schönheit. Die Schönen werden Schauspieler. Das ist ein Problem, denn man braucht auch Normalität und Hässlichkeit auf einer Bühne. Da könnten wir uns vielleicht bei der Politik bedienen.
SPIEGEL: Sollen Politiker denn überhaupt Schauspieler sein?
Peymann: Sie müssen es sein. Sie haben eine Botschaft, die müssen sie vermitteln. Es kann ja nicht jeder das Skript lesen, also muss es dargestellt werden. Das ist doch nichts Schlechtes. Schauspielerei heißt ja nicht, dass man lügt, man präsentiert etwas.
SPIEGEL: Also sind alle Politiker Schauspieler?
Peymann: Klar. Politiker werden geschminkt, sie werden angezogen, es gibt Garderobiers, es gibt Maskenbildner, Berater. Ich selber hatte mal das zweifelhafte Vergnügen, vom Fraktionsvorsitzenden der Grünen im österreichischen Parlament gefragt worden zu sein, ob ich ihm Unterricht geben kann. Er wusste, dass er ungeschickt ist, dass er sich schlecht bewegt. Sein Problem waren die Hände, wie bei den meisten. Daher halten ja auch alle krampfhaft ihre Hände fest.
SPIEGEL: Deshalb macht Merkel die "Raute"?
Peymann: Merkel hat sich die Handfessel angelegt, damit nichts passieren kann. Die Sprache harmonisiert und tarnt. Aber das Gesicht tarnt nicht. Bundestagsdebatten schaue ich oft ohne Ton.
SPIEGEL: Sie schauen Bundestagsdebatten?
Peymann: Ich studiere das Mienenspiel. Ich sage Ihnen, ich erkenne hundertprozentig die Lügner. Ich hab ja nichts anderes gelernt, als Menschen zu beobachten. Ich sehe, wenn das Innere was ganz anderes sagt als das Äußere. Das ist mein Job.
SPIEGEL: Sind die Politiker oft gute Schauspieler?
Peymann: Wir haben es mit mittelmäßigen Spielern zu tun. Politiker sind die Reproduktion der Bevölkerung. Die Bevölkerung wählt sich selbst, sie wählen nicht die Schönen und Tollen, das ist ihnen zu abgehoben. Die Leute wollen inzwischen, dass ihresgleichen auf sie aufpasst. Am liebsten Papa und Mama. Das ist die Masche von Angela Merkel – die Mutti der Nation. Wenn Menschen über das Mittelmaß hinwegragen, haben sie keine Chance. Der bekannteste Mittelmaßpolitiker ist noch immer Helmut Schmidt. Das Riskanteste an ihm ist das Rauchen. Alles andere: Mittelmaß.
SPIEGEL: Guttenberg?
Peymann: Wer aus dem Mittelmaß rauswill, wird gekippt. Ganz brutal. Heute sterben die Politiker nicht mehr durch Meuchelmord, sie sterben an ihrer Dissertation, an der kleinen, alltäglichen Mogelei. Und dann werden solche Begabungen wie der Guttenberg gestürzt. Politisch verbindet mich nichts mit ihm, aber er hat ein gewisses Charisma. Wir haben in Berlin jetzt den Regierenden Bürgermeister Müller, der absolute Repräsentant des Mittelmaßes. Der ist beliebt ohne Ende, obwohl er völlig unsichtbar ist. Wowereit hat in einer Woche 45 Partys absolviert, und hat nicht einen Ansatz der Beliebtheit von Mittelmaß-Müller erreicht. In Amerika ist das anders. Da wird der, der am besten lächelt, Präsident. Da kann es auch ein Schauspieler schaffen.
SPIEGEL: Dennoch haben Politiker in Amerika wie in Deutschland ein Glaubwürdigkeitsproblem. Hat das auch mit der Inszenierung zu tun?
Peymann: Politiker sind die schwächeren Spieler. Wenn sie sprechen, hört man den Redenschreiber mit. Und so glaubt man automatisch, dass sie lügen. Und wenn sie lügen, merkt man es eh.
SPIEGEL: Wen finden Sie denn talentiert, was den schauspielerischen Aspekt betrifft?
Peymann: Mir fallen immer nur die Gestrigen ein. Egon Bahr zum Beispiel. Jetzt haben wir ihn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begraben, wo eigentlich die Intellektuellen liegen und nicht die Politiker. ER durfte dahin. Bahr war einer der wenigen Seltsamen. Im Grunde ein kleinformatiger Bursche, die Hosen immer zu hoch gezogen, aber er hatte was. Gysi, der ist auch gut.
SPIEGEL: Warum?
Peymann: Ich habe ihm einen Brief geschrieben, wenn er wirklich keine Politik mehr machen will, kann er hier anfangen. Er antwortete, dass er sich dann meldet. Er ist talentiert. Er hatte aber Glück, er war nie an der Macht. Ohne Macht kann man Politik-Clown bleiben. Aber die Politiker haben auch ein Problem: Die haben zu wenig erlebt, worauf sie zurückgreifen können.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Peymann: Viele der großen Politiker der Vergangenheit konnten auf eine Lebenshistorie zurückschauen. Willy Brandt. Wehner. Die waren im Exil. Die Geschichte, die die mit sich rumtragen, erhöht ihre Wirkung. Heute werden die Ungewöhnlichen aussortiert. Ihre Berater, ihre Regisseure schalten sie aus, weil man nicht glaubt, dass sie Erfolg haben könnten.
SPIEGEL: Was Merkel macht, das Inszenieren des Nichtinszenierens, ist das eine anspruchsvolle Rolle?
Peymann: Das kommt auf die Begabung an. Irgendwie mag ich die Merkel ja. Sie kommt oft in unser Theater, inkognito und ohne Bodyguards. Vielleicht hat sie von uns gelernt. Außerdem will ich auch keine Kunden verprellen, die zahlt Eintritt, die hat keine Freikarten. Ich will sie in Ruhe lassen.
SPIEGEL: Wie finden Sie denn Horst Seehofers Spiel?
Peymann: Außerhalb von Bayern nimmt den keiner ernst. Der ist das andere Extrem, man weiß gar nicht, was der einem sagen will. Die Darstellung ist interessant, aber die Botschaft fehlt. Ein guter Schauspieler vermittelt immer auch eine tiefer liegende Botschaft, daher ist es ja so wichtig, dass Politiker sich mit der Darstellung Mühe geben. Nur der Narr sein reicht nicht.
SPIEGEL: Welche Figur bekommt im Theater am meisten Applaus?
Peymann: Entweder das Opfer oder der Bösewicht. Beide Figuren sind leider tabu für Politiker. Insofern haben sie es schwerer. Im Theater sind die attraktivsten Sachen nicht die Langweiler, sondern Richard III., Mephisto, Macbeth. Das sind die heißen Rollen. Ich würde aber auch gern mal eine ängstliche, eine verzweifelte, eine wütende Angela Merkel sehen. Das fände ich total scharf, wenn wir sehen würden, wie sie den de Maizière im Kabinett fertigmacht.
SPIEGEL: Sie soll mehr das Skript verlassen?
Peymann: Miese Schauspieler kleben am Skript. Miese Regisseure auch. Dann verlieren die Schauspieler ihre Spontaneität und sind ganz langweilige Marionetten. Politiker verlernen die Improvisation. Sie lernen Rhetorik, sie lernen Besonnenheit und merken gar nicht, wie sie sich um alles bringen.
SPIEGEL: Schröder war spontan.
Peymann: Ich habe einmal in meinem Leben Herrn Schröder getroffen, und da haben wir so viel Rotwein getrunken, dass ich das alles vergessen habe. Aber er war doch der, der am Gitter vom Kanzleramt gerüttelt hat, oder? Das war mal eine Geste. Oder als er sich im Fernsehen mal so schlecht benommen hat. Herrlich. Ich bekenne mich hiermit zum Schmierantentum. Und demzufolge ist mir das Staatstheater zu langweilig.
SPIEGEL: Weil nichts passiert?
Peymann: Die Politik sucht den Kompromiss, also wird immer nur Boulevard gespielt. Die Kunst sucht das Extrem. Das Theater kann Visionen aufbauen. Aber die Politiker haben ja nicht mal mehr den Ansatz von einer Vision. Wer Visionen hat, gehört ins Irrenhaus, hat der österreichische Bundeskanzler Vranitzky über Thomas Bernhard gesagt. Er dementiert das, aber ich habe es mitbekommen.
SPIEGEL: Gibt es Politiker, die nie lernen können, mitreißend zu sein? Weil das schauspielerische Talent fehlt?
Peymann: Klar gibt es trostlose Fälle. Aber auch die anderen, die werden doch kleingemahlen. Auch von den Medien, die jede kleine Regung jenseits der Normalität für eine große Schlagzeile halten. Der Politiker kommt in immer höhere Ämter und wird dabei immer kleiner. Erst Ortsvereinsvorsitzender, dann Chef von der Landeskasse und so weiter und so fort. Wenn sie oben sind, sind sie schon kaputt.
SPIEGEL: Wie finden Sie Gabriel?
Peymann: Da bin ich ratlos. Manchmal irrt er hier auf dem Brecht-Platz rum, wahrscheinlich auf der Suche nach dem Bühneneingang, um bei uns die Hauptrolle zu spielen, für die er nie besetzt wurde. Er tröstet sich dann, wie immer, mit einem Wiener Schnitzel. Aber ich höre jetzt auf, Sie wollen doch nur Pointen von mir hören mit Ihren frechen Fragen.
SPIEGEL: Nur noch ein paar. Hat Politik auch ein Problem mit Sprache?
Peymann: Keine Nebensätze, wie die Fernsehansager. Keine Relativsätze. Die Sätze müssen Anfang und Punkt haben. Der Konjunktiv wird abgeschafft.
SPIEGEL: Und das Timing. Wie wichtig ist das Timing?
Peymann: Das Wichtigste. Bei der großen Elbe-Flut, da war ich mit meiner Freundin auf Juist. Ich bin mit ihr essen gegangen, vorher haben wir die "Tagesschau" gesehen, wo Herr Schröder mit seinen Gummistiefeln in der Flut rumstakste. Und abends beim Essen saß am Nebentisch in aller Seelenruhe der Stoiber. Ich hab gesagt, Jutta, dass der Stoiber jetzt hier und nicht an der Elbe ist, das kostet ihn Kopf und Kragen. Zwei Tage später kamen die Hubschrauber und haben ihn auch hingebracht, aber da war es zu spät. Du kannst nicht nachspielen, was jemand schon vor dir gespielt hat.
SPIEGEL: Schauspieler, so sagt man, werden immer besser, je älter sie werden.
Peymann: Es gibt praktisch keine schlechten alten Schauspieler. Ab 70 sind sie alle gut. Die Politiker werden erst besser, wenn sie nicht mehr im Amt sind. Der Schmidt hat doch erst im Alter zu seiner Rolle gefunden.
SPIEGEL: Weil er frei wurde?
Peymann: Man hat keine Zeit mehr für Nebensächlichkeiten, man geht aufs Ganze, mit allem, was man sagt und tut.
SPIEGEL: Würden Sie es denn in Erwägung ziehen, mal nicht wählen zu gehen?
Peymann: Nein. Die Demokratie ist mir mit der Muttermilch eingepflanzt worden. Meine Mutter war auf ihre Art Widerstandskämpferin, ich habe gelernt, dass man wählen muss. Wenn der Politik die Leute weglaufen und die das nicht in den Griff kriegen, dann muss man vielleicht wieder die Wahlpflicht einführen. Ich wäre dafür. Die Leute müssen sich nicht das Stück antun, aber sie sollen schon entscheiden, wer da für sie auf der Bühne steht.
SPIEGEL: Herr Peymann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Britta Stuff und Volker Weidermann.
Von Britta Stuff und Volker Weidermann

DER SPIEGEL 44/2015
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