24.10.2015

ZeitgeschichteOhren auf

Der Bundesnachrichtendienst bespitzelte Papst Johannes XXIII. – vor allem wegen dessen Reformeifers.
Papst Johannes XXIII. war ein freundlicher Mann ohne Allüren. Als er im Herbst 1962 die deutschen Bischöfe empfing, saß er nicht auf dem Papstthron, sondern in einem gewöhnlichen Sessel. Die Atmosphäre war heiter, das Kirchenoberhaupt gab sich leutselig. Kardinal Joseph Frings aus Köln gratulierte vorab zum anstehenden 81. Geburtstag und beteuerte, die deutschen Katholiken ließen sich in "ihrer Treue zum Heiligen Stuhl auch in Zukunft von niemandem übertreffen".
Bei der Entgegnung kam der Papst ins Stocken. Frings hatte elegantes Latein gesprochen, Johannes räumte ein, zuletzt in einem Examen vor 45 Jahren "Thesen der Fundamentaltheologie in lateinischer Sprache vorgetragen" zu haben. Die Deutschen schlugen vor, er möge in seine Muttersprache wechseln. Da atmete der Lombarde auf und rief auf Italienisch: "Gelobet sei der Herr, warum habt ihr mir das nicht gleich gesagt!"
Die kuriose Audienz fand am 24. November 1962 im Konsistorialsaal des Vatikans statt. Knapp sechs Wochen später lag ein detaillierter Bericht des Treffens als Anlage zur geheimen "Vortragsnotiz 1589" bei Reinhard Gehlen, dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND).
Seit Jahren ist bekannt, dass der westdeutsche Geheimdienst den Vatikan während des Kalten Krieges im Visier hatte. Gehlens Halbbruder Johannes (Deckname "Gustav") leitete die BND-Vertretung in Rom. Was der studierte Physiker und Nationalökonom herausfand und wie die Zentrale in Pullach die Dinge sah, blieb allerdings weitgehend verborgen.
Nun liegt dem SPIEGEL ein Leitz-Ordner mit Kopien von BND-Dokumenten aus den Jahren 1962/63 vor: Meldungen, Berichte von Konfidenten, Analysen. Wichtigstes Thema darin sind Johannes XXIII. (1881 bis 1963) und der Vatikan. Die Sammlung ist unvollständig, aber wenn die BND-Leute ihre Angaben nicht aufgeblasen oder gar erfunden haben, um Chef Gehlen zu imponieren, dann belegen sie, dass der Dienst den Papst bespitzelte.
Mitte April 1963 zum Beispiel: Da ging der Heilige Vater in den Vatikanischen Gärten spazieren, an seiner Seite Jossyf Slipy. Das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche war von der Sowjetunion aus 18 Jahre währender Haft entlassen worden; nun führte sein Vorgesetzter ein christliches Personalgespräch mit ihm – und laut "Führungsunterrichtung Nr. 132/63" wusste der BND, was die Männer erörterten und welches Gesicht sie dabei machten. Ein Auszug:
Papst: Ich beabsichtige, Sie zum Kardinal zu ernennen.
Slipy: Ich bitte Ew. Heiligkeit, das nicht zu tun. Ich bin dieser hohen Ehre nicht würdig.
Papst: Doch (lächelnd). Ich werde der erste Papst sein, der einen Russen zum Kardinal ernennt ...
Slipy: Ich bin kein Russe, ich bin Ukrainer.
Papst: Ja, ich meinte den ersten sowjetischen Staatsbürger ...
Schon Zeitgenossen galt Johannes XXIII. (Motto: "Die Fenster auf") als ein großer Reformer des 20. Jahrhunderts. Er berief 1962 das Zweite Vatikanische Konzil ein, das die katholische Kirche auf dem Weg in die Moderne ein beträchtliches Stück voranbrachte. Er förderte die Öffnung zu anderen Kirchen, liberalisierte das Kirchenregiment und führte das entrückte Papsttum ins Diesseits zurück: Ihm musste niemand die Füße küssen. Im vergangenen Jahr wurde Johannes heiliggesprochen.
Unter den BND-Leuten und ihren Zuträgern war der Papst umstritten. Johannes Gehlen hielt ihn für einen Könner, andere schätzten den Aufklärer gering und bescheinigten ihm "evangelische Naivität". BND-Chef Reinhard Gehlen wurde sogar eine Studie vorgelegt, die Maßnahmen "gegen die neue vatikanische Kirchenpolitik" propagierte. Die Öffentlichkeit sollte über die Medien mobilisiert werden und die Bundesregierung den Vatikan unter Druck setzen.
Aus aller Welt sammelte der BND damals Informationen über den Papst. Der Geheimdienst fürchtete, der Reformeifer von Johannes ermutige die Gläubigen in Italien oder Frankreich, linke Parteien zu wählen, und schwäche zugleich den Widerstandsgeist jener Katholiken, die in Polen und anderen Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs lebten.
Zwei Fragen interessierten den BND besonders: Würde Johannes XXIII. dem Drängen polnischer Bischöfe nachgeben und die umstrittene deutsch-polnische Grenze anerkennen? Nein, die Sorge war unbegründet.
Zweite Frage: Würde der Papst Kreml-Diktator Nikita Chruschtschow treffen? Johannes suchte den Ausgleich mit der Sowjetunion, weil er die Lage der Gläubigen jenseits des Eisernen Vorhangs verbessern und den Weltfrieden bewahren wollte. Der BND hingegen sorgte sich um die Festigkeit des antikommunistischen Konsenses und warnte vor "einer gewissen Verwirrung unter den Katholiken".
Als Chruschtschows Schwiegersohn Alexej Adschubej in Rom weilte, um eine Verbindung zum Oberhaupt aller Katholiken herzustellen, hielt Gehlens Bruder Johannes persönlich Augen und Ohren auf. Er berichtete über Adschubejs Tischmanieren ("entsetzlich"), dessen Alkoholkonsum (hoch) und das Gespräch mit Johannes (Dauer: 18 Minuten).
Am Ende kam der befürchtete Gipfel nicht zustande. Seit Ende 1962 mehrten sich Hinweise auf eine Erkrankung des Heiligen Vaters – laut BND-Fernanalyse ein Krebsgeschwür "im Magen, an der Prostata oder vielleicht vom Magen bis zur Prostata". Johannes XXIII. verstarb am Pfingstmontag 1963 an Magenkrebs.
Von Klaus Wiegrefe

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