24.10.2015

Ein Video und seine GeschichteNatalies Baby

Warum eine junge Frau einen One-Night-Stand vortäuschte und damit über Facebook die ganze Welt belog
Vor zwei Monaten plagte Andrew Sellar ein Problem, das an seine Existenz ging. Sellar ist Chef einer kleinen Werbeagentur in Queensland, Australien, und es gab nicht genügend Leute, die ihn und seine Firma kannten. Nicht in Mooloolaba, dem Ort, in dem er lebt, nicht in Queensland, nicht in Australien und schon gar nicht in der restlichen Welt. Sellar wollte dieses Problem beheben, möglichst endgültig.
Sellar hatte schon früher ein paarmal versucht, sich ins Gespräch zu bringen; mit Ideen, die nicht gerade geschmackvoll waren, aber originell. Rief man im September die Seite von Sellars Firma "Sunny Coast Social Media" bei Facebook auf, sah man dort ein merkwürdiges Foto von ihm. Er trug darauf eine Sonnenbrille von Ray-Ban, das Modell Aviator, und stand halb nackt in einem Whirlpool, die Arme ausgebreitet, lächelnd, als wollte er jeden Besucher seiner Seite einladen, mit ihm in diesen Pool zu steigen. Sein einziges Kleidungsstück war eine Badehose, und er trug sie sehr, sehr tief, fast zwei Handbreit unter dem Bauchnabel.
Sellar rühmt sich auch, ein erfolgreiches Video über ein Rugbyturnier in Australien produziert zu haben. In dem Video wird ein Team beschrieben mit dem Satz: "Sie sind schlapper als mein Schwanz nach 20 Bier." Das Video wurde rund 30 000 Mal aufgerufen, löste wegen seiner Wortwahl eine hitzige Kontroverse aus, die Sellar als Etappensieg verbuchte; aber sein Problem wurde auch durch das Video nicht gelöst – er hatte nicht genug Aufträge. Seine Schlussfolgerung: Ich muss mehr wagen.
So kam es, dass er Anfang September am Strand von Mooloolaba stand und seine Videokamera auf eine schöne junge Frau richtete, die Millionen Menschen wenig später als Natalie Amyot kennenlernen sollten. Natalie, brünett, mit langen Haaren und kleinem Leberfleck auf der Wange, blickte direkt in die Kamera und schilderte auf Englisch, mit betörendem französischen Akzent, was ihr in Mooloolaba widerfahren war.
Sie habe hier ihren Urlaub verbracht, erzählte sie, eine wundervolle Zeit, sie habe faszinierende Menschen kennengelernt, und am letzten Abend vor ihrem Abflug, während einer Party, sei ihr ein junger Mann begegnet. Für sie sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, sie habe die Nacht mit ihm verbracht. Am nächsten Tag sei sie zurückgeflogen nach Paris und habe unterwegs ihr Handy verloren. Sie habe nun keine Möglichkeit mehr gehabt, ihren Liebhaber zu kontaktieren. Das sei aber noch nicht alles: Sechs Wochen nach ihrer Rückkehr habe sie festgestellt, dass sie schwanger sei. Auf Hilfe von ihrer Familie könne sie nicht hoffen, denn sie habe keine Familie. Deswegen sei sie zurückgekehrt nach Mooloolaba, deswegen dieses Video. "Bitte", fleht Natalie, "teilt dieses Video, vielleicht sieht er es und meldet sich bei mir."
Menschen auf der ganzen Welt taten ihr diesen Gefallen. In wenigen Tagen wurde es mehr als drei Millionen Mal aufgerufen; einige lästerten "über diese dumme Gans, die sich gleich am ersten Abend flachlegen lässt", andere wollten helfen. In jedem Fall war Andrew Sellar glücklich.
Natürlich war das alles erfunden. Natalie Amyot heißt nicht Natalie Amyot. Ihr wahrer Name ist Alizee Michel. Sie war auch nicht im Urlaub in Mooloolaba, sie wohnt dort. Und sie ist auch nicht schwanger. Sellar hatte sie für das Video gecastet.
Er hatte jedes Detail geplant, und am Telefon berichtet er stolz, warum der Clip so produziert werden musste und nicht anders: "Es musste eine Französin sein, die Australier mögen die Briten nicht besonders, die Japaner, die Südafrikaner auch nicht." Es musste um eine tragische Liebe gehen, aber es musste sexy sein, auch promisk. Schneller Sex, gepaart mit großem Gefühl, das war die Erfolgsformel, auf die Sellar setzte. Und er hatte Erfolg.
Zwar meldeten sich auch Zweifler zu Wort, die sich fragten, ob Natalie so bekifft oder besoffen gewesen sei, dass sie sich nicht mal an den Namen ihres Liebhabers erinnern konnte. Andere hatten Zweifel an ihrem Nachnamen. Amyot. Das klang verdächtig nach: Am I hot? Die meisten aber glaubten die Geschichte, auch weil Sellar einen Facebook-Account für Natalie eingerichtet hatte und in ihrem Namen Posts wie diesen schrieb: "I'm shaking now I'm in crying now ... what if he doesn't want to see me now, maybe he is shy ... am so lonely right now."
Zwei Tage nachdem das Video zum weltweiten Hit geworden war, klärte Sellar die Sache auf. Er trat mit Alizee Michel vor seine Kamera und erzählte, was es mit dem Video auf sich hatte: "Sie war nur eine Schauspielerin, ich stand hinter allem. Es ging darum, Mooloolaba bekannt zu machen in der Welt. Wir werden noch mehr Videos wie dieses drehen." Es klang wie eine Drohung.
Was folgte, war ein Shitstorm globalen Ausmaßes. Sellar sagt, das störe ihn nicht. Seine Stadt, die Tourismusbranche hier und er selbst, alle hätten von dieser Aktion profitiert.
In Mooloolaba steht er mit dieser Ansicht weitgehend allein. Die Stadt vermarktet sich als Urlaubsort für Familien. Assoziationen über junge Frauen und One-Night-Stands sind da eher unerwünscht.
Es läuft gerade nicht gut für Andrew Sellar. Kaum dass der Fake öffentlich war, kam auch noch heraus, dass die Idee dazu geklaut war. Im Jahr 2009 wurde ein Video durchs Internet gereicht, in dem eine junge Frau mit einem Baby im Arm nach dem Vater des Kindes sucht, mit dem sie nur eine Nacht verbracht habe. Auch dieses Video war eine Fälschung, in Auftrag gegeben von der dänischen Tourismusagentur, um mehr Urlauber nach Dänemark zu locken. Zwei Wochen nach der Veröffentlichung musste die Geschäftsführerin von VisitDenmark zurücktreten.
Sellar hat auf der Facebook-Seite von Natalie Amyot jetzt einen Screenshot von diesem Video gepostet. Darüber steht in einem Englisch, das offenbar dem von Natalie nachempfunden ist: "who want to like". Weltweit gefiel das 99 Menschen. Es wird einsam in Mooloolaba.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 44/2015
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