24.10.2015

OrtsterminSo geil

In der Autostadt Wolfsburg holt sich Herr Rubach seinen neuen Volkswagen ab.
Vor einem Monat bekam Marvin Rubach einen Anruf. Der Mann am Telefon sagte, er könne sich jetzt seinen VW in Wolfsburg abholen. Der Termin sei der 21. Oktober, ein Mittwoch, zwischen 11.30 und 11.45 Uhr. Am Tag zuvor, dem 20. Oktober, ist zufällig Rubachs Hochzeitstag. Er wohnt südlich von Stuttgart. Für seinen Neuwagen müsste Rubach sich also zwei Tage Urlaub nehmen, an seinem Hochzeitstag um fünf Uhr morgens aufstehen, einen Leihwagen mieten, 579 Kilometer Richtung Wolfsburg fahren, ein Hotel bezahlen, sich den VW abholen, um am nächsten Tag wieder die gleiche Strecke zurückzufahren.
"Perfekt", sagte Rubach. "Es hätte nicht besser laufen können", sagt seine Frau.
Die Autostadt in Wolfsburg ist so etwas wie ein Phantasialand für Erwachsene. Enten watscheln über grüne Hügel, kleine Brücken spannen sich über künstliche Seen, der Windkanal rauscht. Dazwischen ragen die gläsernen Autotürme hervor, der Volkswagen-Pavillon und der Geländeparcours Yeti. Der Lamborghini-Pavillon bleibt heute wegen Verschönerungsarbeiten geschlossen. In der Nähe lief der erste Käfer vom Band, steht der Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1 von 1886 und wird das Goldene Klassik-Lenkrad verliehen. "The Autostadt" heißt der Ort in den Besucherprospekten.
Der 21. Oktober ist ein kalter, diesiger Herbsttag, und Rubach schlendert glücklich über den Parkplatz. Er und seine Frau haben die "Erlebnisabholung Deluxe" bei VW gebucht. Rubach hat sich einen Golf 7 R bestellt, 300 PS, mit Leichtmetallfelgen. Einen Benziner natürlich.
Das Problem beim Diesel, sagt Herr Rubach, sei, dass er nicht genügend rumst.
"Kein Sound", bestätigt Frau Rubach.
Bei der Erlebnisabholung Deluxe können sich Kunden ihren Neuwagen unter Bedingungen abholen, die andere von ihren Flitterwochen kennen. Übernachtung im Ritz-Carlton, Champagner mit Blick auf das VW-Kraftwerk, Spa-Bereich. Jetzt wollen die beiden eine Werkstour machen. Presswerk, Karosseriebau und Endmontage interessieren sie besonders. Eine kleine Bimmelbahn holt das Ehepaar am Werkstor ab. Die Rubachs schnallen sich an und fahren durch die Roboterlandschaft. "So geil", sagt Frau Rubach.
Herr Rubach baut in einer kleinen schwäbischen Firma Abgasanlagen. In seiner Freizeit tunt er gern Autos. Seine Frau fährt einen VW-Transporter für die Post. Beide sind in Familien groß geworden, die einen schönen Feierabend unter dem Motorblock erleben konnten. Ihre Wochenenden verbringen sie mit Freunden aus der Tuning-Szene. Frau Rubach hat sich vor drei Jahren das VW-Emblem auf die rechte Wade stechen lassen, knapp über dem Gasfuß. Ob sie sich sicher sei, hatte sie der Tätowierer gefragt. "Es gibt doch auch Menschen, die lassen sich den VfB Stuttgart stechen. Wo ist da der Unterschied?", fragte sie zurück. Der Tätowierer wusste darauf keine Antwort.
In letzter Zeit werde sie öfter mal gefragt, ob sie die Entscheidung bereue. "Einmal VW, immer VW", sagt Frau Rubach.
Man könnte denken, dass der Umstand, dass in elf Millionen VW-Autos Manipulations-Software verbaut worden ist, hier in der Autostadt irgendwo mal spürbar wäre. Aber das ist es nicht. Die Autostadt fühlt sich an diesem nebligen Tag an, als ob es die Welt da draußen gar nicht gäbe. In der Kantine wird vegane Currywurst serviert. Auf den Toiletten zwitschern Vogelstimmen. Käufer stehen Schlange, um sich ihren neuen Wagen abzuholen. Die Absatzzahlen von Volkswagen für Deutschland sind im September sogar noch gestiegen. "In China sind ja nur knapp 2000 Wagen betroffen", sagt ein Pressesprecher.
In der Autostadt hängen Mitarbeiter die Weihnachtsbeleuchtung auf. Jedes Jahr überlegt sich die Autostadt ein Jahresthema. Das Thema dieses Jahres lautet "Frieden". Im Besucherprospekt steht deshalb auf der ersten Seite eine Anleitung zum Falten eines Papierkranichs: "Das Basteln gilt als Verheißung für ein erfülltes Leben."
Wenn man versucht, mit Marvin Rubach über manipulierte Abgaswerte zu sprechen, sagt er: "Heutzutage bescheißt doch jeder, um was zu erreichen." Er freut sich auf seine Zusatzausstattung beim Golf: Frontscheibenheizung. Spurhalte-Assistent. Abstands-Tempomat. Tote-Winkel-Assistent. Subwoofer im Kofferraum. Rückfahrkamera.
Im VW-Werk dröhnt am Fließband inzwischen House-Musik aus den Boxen. Die Arbeiter winken. Die Menschen in der Bimmelbahn winken fröhlich zurück. "Und auf der linken Seite sehen Sie einen Dieselmotor", sagt die Werksführerin. Alle schauen aus dem Fenster. Die Bimmelbahn rumpelt schnell weiter. Es gibt noch einen Film über die Lackiererei, dann hält die Bahn, und die Tour ist vorbei.
Ein paar Minuten später betritt Marvin Rubach das KundenCenter der Autostadt, das hier irgendwie auch mit großem C ausgesprochen wird. Auf einer kreisrunden Tafel, dem Flip-Dot-Board, werden die Namen der Autokäufer gelistet. Auf dem Flip-Dot-Board steht jetzt "M. Rubach". Ein Herr im Anzug und mit Krawatte steuert auf das Ehepaar Rubach zu, begleitet es in eine Garage, die er "LastFinish-Bereich" nennt. Im LastFinish-Bereich geht es eigentlich nur darum, Rubachs Nummernschild zu montieren. Das Nummernschild passt leider nicht genau in die Halterung, und das ist das einzig wirklich ärgerliche Ereignis des Tages.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 44/2015
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