24.10.2015

Syrien„Wir sind so müde, so hilflos“

Seit die russische Luftwaffe Rebellengebiete im Nordwesten bombardiert, hat eine neue Massenflucht eingesetzt. Tausende irren nun im Land umher, während der IS weiter vorrückt.
Der Diktator wirkte etwas blass und schmal, war aber ausgesprochen höflich. Baschar al-Assad bedankte sich bei Wladimir Putin für dessen Unterstützung von "Syriens Einheit und Unabhängigkeit". Die russische Militärintervention habe verhindert, so sagte Assad am Dienstagabend in Moskau, dass die Ereignisse in seinem Land eine noch tragischere Wende nähmen. Stunden später flog er von seiner ersten Auslandsreise seit vier Jahren wieder zurück nach Damaskus.
Nun wird bei Staatsbesuchen vor Kameras selten offen gesprochen. Aber ebenso selten liegen Darstellung und Realität so weit auseinander wie am Dienstag in Moskau. Von Unabhängigkeit zu reden, während die eigene Herrschaft auf Gedeih und Verderb von der Militärhilfe aus Moskau und Teheran abhängt, mutet so absurd an, wie Syriens Einheit zu betonen. Von der ist das Land seit Putins Einmischung in den Syrienkrieg weiter entfernt denn je.
Geschätzte neun Millionen Binnenflüchtlinge irren inzwischen durch Syrien. Und seit Russlands Luftwaffe die Gebiete der Rebellen im Nordwesten bombardiert – und dem "Islamischen Staat" (IS) damit seinen Vormarsch erleichtert –, verlassen die Menschen auch dort Dörfer und Städte, die bis vor Kurzem ihre Heimat waren. 40 000 bis 70 000 aus den Provinzen Hama, Idlib und Aleppo sind auf der Flucht vor den Raketen und Splitterbomben der russischen Jets und Kampfhubschrauber, die nicht zielgenauer, aber häufiger und heftiger angreifen als die syrische Luftwaffe. Genauere Zahlen gibt es nicht.
Am selben Tag, an dem Putin und Assad sich in Moskau gegenseitig zu ihrem gemeinsamen Militäreinsatz beglückwünschten, saß der syrische Arzt Zaidoun al-Zoabi in einem Fernsehstudio im türkischen Gaziantep und gab CNN ein herzerschütterndes Interview. Zoabi war gerade aus Idlib und Aleppo zurückgekommen.
Der Krieg sei nun in eine neue Phase eingetreten, sagte er, es sei schlimmer als je zuvor. Ganze Dörfer seien leer, mehrere Krankenhäuser getroffen worden. "Ich müsste immer noch Hoffnung haben, aber wie kann ich hoffen? Es ist genug, wir können nicht mehr, wir sind so müde, so hilflos." Dann versagte ihm vor Tränen die Stimme.
Zoabi koordiniert seit Jahren medizinische Hilfe im Land, er habe viel gesehen, sagt er am nächsten Tag dem SPIEGEL über eine rauschende Telefonleitung, "aber nie ein solches Maß an Furcht und Verzweiflung wie jetzt. Die Menschen laufen einfach los, wie in Trance, nur fort von dem Bomben. Sie tragen, was sie in ihrer Panik gegriffen haben. Ein Mann hatte nur einen kaputten, kleinen Schrank auf dem Rücken, es war gespenstisch. Ich sah eine alte Frau zu Fuß und fragte sie, wohin sie gehe. Sie sagte: ,Ich weiß es nicht.'"
Bauer Abu Ahmed aus dem Dorf al-Ais südlich von Aleppo hatte noch Glück, er schaffte es in die Stadt Sarmada nahe der türkischen Grenze. "Am Freitag, nach ungefähr 100 Luftangriffen der Russen, wurde über den Moscheelautsprecher verkündet, dass die Armee im Anmarsch sei. Wir hatten noch ein Auto, packten unsere Habe ein und fuhren vorbei an Hunderten, an alten Männern und Frauen mit Kindern, die sich zu Fuß auf den Weg machten. Viele von unseren Verwandten schlafen irgendwo auf den Feldern, sie wissen nicht, wohin. Ich habe einen Freund in Sarmada, der überlässt uns ein Zimmer, da wohnen wir jetzt zu zehnt. Fast drei Jahre lang war es ruhig in unserem Dorf. Warum greifen die Russen uns an? Wir sind nicht der IS, wir haben doch nur ein paar Männer, die das Dorf verteidigen."
Am Himmel seien lauter russische Jets und Kampfhubschrauber gewesen, die Salve um Salve ihrer Raketen abfeuerten: "Das hat es noch nie gegeben. Von Assads Luftwaffe kam immer nur ein Jet, ein Hubschrauber", sagt Abu Ahmed.
Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums gab unterdessen neue Erfolgsmeldungen heraus: Bei Luftangriffen seien "terroristische Kommandozentren" getroffen worden, unter anderem im Ort Mardsch al-Sultan nördlich von Damaskus, wo eine "Terrorgruppe" ihr Hauptquartier gehabt habe. Tatsächlich wurde der Ort angegriffen, getroffen wurde aber eine Schule, in der Flüchtlinge Zuflucht gesucht hatten. Wie viele von ihnen dort starben, ist nicht bekannt.
Putin und Assad scheinen weiterhin der Strategie zu folgen, exakt das Gegenteil dessen zu tun, was sie verkünden. Offiziell gilt Moskaus Engagement in Syrien der Terrorbekämpfung, tatsächlich geht es darum, jede Alternative zum Assad-Regime zu beseitigen, die syrischen Rebellen zu vernichten und nur den IS übrig zu lassen – denn der wird nie eine Alternative sein, nicht für die Welt, nicht für die Syrer.
Dies bringt die lokalen Rebellen vor allem in und rund um Aleppo, die seit drei Jahren geteilte einstige Handelsmetropole des Landes, in eine fatale Lage: "Wir halten seit Monaten gegen den IS stand, aber lange schaffen wir das nicht mehr", sagt Yassir al-Hadschi, ein Oppositionsführer aus der Kleinstadt Maraa nördlich von Aleppo. "Die russischen Jets attackieren uns und alle Orte von Aleppo bis zur Grenze mittlerweile täglich. Aber niemand greift hier mehr den IS an, nicht einmal mehr die Amerikaner."
Deren Jets hatten zuvor zumindest anrollende Nachschubkonvois des IS bombardiert – aber die Amerikaner halten sich nun aus dem Luftraum über Aleppo fern, um Kollisionen mit russischen Flugzeugen zu vermeiden.
Und so konnten, während jede Seite in diesem unübersichtlichen Krieg vorgibt, den IS zu bekämpfen, dessen Truppen in den vergangenen zwei Wochen sehr erfolgreich vorrücken. IS-Kämpfer eroberten eine ganze Reihe von Orten und Gebäudekomplexen im bis dahin von Rebellen kontrollierten Gebiet, darunter die ehemalige Infanterieschule und das Zolllager nordöstlich von Aleppo.
Nicht nur das Regime, auch der IS hat ein Interesse am Verschwinden der syrischen Rebellen: Denn dann könnte sich die Terrormiliz als einzige Schutzmacht der sunnitischen Muslime positionieren. Oder wie es ein IS-Freitagsprediger in der Stadt Manbidsch sagte: "Alles, was in Syrien bleibt, werden zwei Lager sein – das Lager des Glaubens, repräsentiert vom Kalifatsstaat, und das Lager der Häresie, repräsentiert vom Regime der Nusairis." Der Begriff steht für die Glaubensgruppe der Alawiten, denen Assad angehört.
Und der Glaube wird immer wieder bemüht. Russland führe einen "heiligen Kampf gegen den Terrorismus" zum Schutz der Christen in Syrien, ließ Moskaus Patriarch Kirill, der Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, vor Wochen mitteilen. Etwa zur selben Zeit riefen sunnitische Geistliche in Saudi-Arabien ihrerseits zum Dschihad gegen Russland, Iran und Assad auf – was sie kaum ohne Billigung des Königshauses getan haben dürften.
Es ist ein unkontrollierbares Spiel mit dem Feuer, denn heilige Kriege kennen keine Kompromisse und erst recht keine Verhandlungen. Vorläufig aber beherrschen sowohl Moskau und Damaskus als auch der IS dieses Spiel, den jeweils anderen zum Todfeind zu erklären, ihn aber nicht anzugreifen, meisterhaft. Washington schaut all dem vorläufig nur zu, Präsident Barack Obama mahnt "strategische Geduld" an. Das halten mittlerweile auch viele Amerikaner für gefährlich.
"Unsere Regierung verschließt die Augen vor der Realität", sagt Stephen Hadley, einst Sicherheitsberater von George W. Bush. "Russlands Ziel ist es, Assads Herrschaft über den westlichen Teil des Landes zu stabilisieren und sich selbst zum unverzichtbaren Teil jedes internationalen Lösungsprozesses zu machen. Und es ist dabei, dieses Ziel zu erreichen."
Und auch Obamas Annahme, Russlands Engagement müsse auf lange Sicht scheitern, entspringt eher Wunschdenken. Denn den verlustreichen Bodenkampf wollen die Russen den verbündeten schiitischen Kräften, den Iranern, der libanesischen Hisbollah und Assads geschrumpfter Armee überlassen.
Eine solche Offensive wird schon seit Wochen angekündigt. Hunderte Hisbollah-Kämpfer seien bereits auf dem Weg, bis zu 3000 Soldaten der iranischen "Revolutionsgarden", der Pasdaran, stünden bereit zum Kampf, hieß es. "Wir werden in den nächsten Tagen große Siege in Syrien erleben", sagte deren Kommandeur schon am 12. Oktober.
Doch was folgte, waren keine Siege. Es waren auch keine Niederlagen, denn an den ersten Gefechten waren überhaupt keine iranischen Truppen beteiligt, sondern nur syrische. Stattdessen starben mehrere der wichtigsten Pasdaran-Kommandeure: als erster am 8. Oktober General Hossein Hamedani, der ranghöchste iranische Offizier seit drei Jahrzehnten, der im Gefecht getötet wurde.
Am 12. Oktober traf es zwei Brigadegeneräle, sechs Tage später einen Oberst, dann einen Kommandeur der Paramilitärs. Sie alle waren als "Berater" oder "Beobachter" an den Frontlinien gewesen – nur nicht im Kampf gegen den IS, wie später verlautbart wurde, sondern gegen die Rebellen. Die hatten über ihre Spitzel in der Armee Angaben erhalten, "wann und wo eine Delegation hoher iranischer Offiziere die Frontlinie in Augenschein nehmen werde", so ein Kommandeur der "Levante-Front" in Aleppo.
Bei aller Unterstützung Assads in den vergangenen Jahren mit Waffen, Geld und Ausbildern, hielt Iran an einem stets fest: Es entsandte keine kämpfenden Truppen. Vorgeschickt wurden andere, Libanesen, Iraker, Afghanen.
Dass nun tatsächlich iranische Truppen und die Hisbollah, die sich zwischenzeitlich aus Aleppo zurückgezogen hatten, die Offensive führen sollen, spricht dafür, dass Damaskus und Teheran darauf vertrauen, dass Russlands Luftwaffe ihnen den Weg freibombt.
Erst am Dienstag hörten Rebellen südlich von Aleppo die ersten iranischen Funksprüche, fanden bei der Rückeroberung des Ortes Eibteen einen verlassenen iranischen Krankenwagen.
Der große Sturm auf Aleppo steht noch bevor.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 44/2015
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