24.10.2015

KunstturnenLondon in Rio

Vor drei Jahren sorgte Marcel Nguyen bei Olympia für Furore. Er genoss Aufmerksamkeit und Werbeauftritte. Jetzt will er noch einmal als Sportler glänzen.
Als sich Marcel Nguyen kurz vor den Olympischen Spielen sein erstes Tattoo stechen ließ, war ihm nicht ganz wohl dabei. "Pain is Temporary, Pride is Forever" steht seitdem in Schnörkelschrift über die Breite der Brust. Schmerz geht vorüber, Stolz bleibt, das klingt nach harmloser Leistungssport-Poesie. Vor allem ist es unpolitisch und nicht kommerziell, also von den Regelwächtern nicht zu beanstanden. Trotzdem ließ der Kunstturner den Satz überschminken, bevor er in London an die Geräte ging. Nguyen fürchtete, dass ihm die Kampfrichter Punkte abziehen würden, weil Tätowierungen als unschicklich gelten könnten.
Damals, 2012, dachte er so vorsichtig.
Rund drei Jahre später steht Nguyen in der lichtdurchfluteten Turnhalle des Bundesleistungszentrums Kienbaum. Sein linker Arm ist voller Tattoos, viel Antikes hat er sich unter die Haut ritzen lassen, die geflügelte Siegesgöttin Nike, die fünf Ringe, Flamme, Akropolis. Ein tintenfarbenes Patchwork olympischer Motive.
Will er das alles für Wettkämpfe übertünchen? Das kommt für Nguyen nicht mehr infrage. "Mittlerweile sind viele Turner tätowiert, das ist eigentlich kein Problem mehr", sagt er. Kunstturnen sei ein konservativer Sport, immer noch, "aber es bessert sich". Auch Nguyens Trainer besteht nicht mehr darauf, dass Haut ausschließlich wie Haut auszuschauen hat.
In London hatte Nguyen den besten Wettkampf seines Lebens geturnt und zweimal Silber gewonnen, am Barren und im Mehrkampf. Er erwischte den perfekten Moment. "London hat alles geändert. Ich habe erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Noch mehr sogar", sagt er.
Nguyen, 1987 geboren, gehört zum Jahrgang der lange erfolgreicheren Deutschen Fabian Hambüchen und Philipp Boy. Unter den dreien galt er als das nachlässige Talent, launisch, hadernd, nicht eisern genug für den Fleißsport Kunstturnen. Zu sehr beschäftigt mit Äußerlichkeiten wie Frisur und Klamotten. Und dann kam dieses Tattoo dazu, das zwar zu ihm, aber nicht ins althergebrachte Turnerbild passte.
Der Plan ist nun, sich im kommenden Jahr bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro wieder einen London-Moment zu bescheren, diesmal frei vom Druck, etwas ganz Großes leisten zu müssen, um nicht als Unvollendeter abgestempelt zu werden. "In meinen Augen habe ich nichts zu verlieren", sagt Nguyen. "Auch wenn London wohl einmalig war: Ich würde da gern noch mal hin, zu Olympischen Spielen. Ich bin nicht am Ende meiner Karriere."
Nguyen sitzt am Rand der Halle von Kienbaum. Trotz seiner Muskeln wirkt er schmächtig, die Hände sind schmal, die Beine dünn, und der Begrüßungsgriff raubt einem nicht gerade den Atem. Sein Körper ist "asiatischer Leichtbau", wie es Bundestrainer Andreas Hirsch einmal genannt hat, denn Nguyens Vater stammt aus Vietnam. Marcel Nguyen redet leise, was zum einen an einer erstaunlichen Schüchternheit liegt, zum anderen daran, dass zwei Finger an der linken Hand getapt sind. Gestern hat er sich verletzt. Ein ungünstiger Moment, so kurz vor der Weltmeisterschaft in Glasgow. Es wird ihn nicht die Teilnahme kosten, aber die Wettkämpfe zu einer schmerzhaften Angelegenheit machen.
Glasgow ist eine wichtige Station auf dem Weg nach Rio. Es geht in Schottland um Startplätze für Olympia. Für Nguyen geht es auch darum, Anschluss an die Weltelite zu finden. Im September 2014 riss ihm ein Kreuzband, Meniskus und Knorpel bekamen auch etwas ab. Auf die erste Operation folgte wegen einer Komplikation ein zweiter Eingriff. Das rechte Knie kann er inzwischen fast uneingeschränkt bewegen. Wenn alles glattgeht, wird er sich ungehindert auf Rio vorbereiten können. Doch Prognosen sind schwierig einzuhalten in einer artistischen Sportart, die derartig auf Knochen, Sehnen und Muskeln geht.
Der nacholympische Rausch ist bei Nguyen verflogen. Nach London erhielt er Werbeverträge für Sportwagen und Herrenkleidung aus Schwaben und für Luxusuhren aus der Schweiz. "Ich war viel unterwegs, in Deutschland, überall." Nguyen wurde von Radio und Fernsehen und auf Modeschauen und Galas eingeladen, er eröffnete Kaufhäuser und präsentierte teure Autos. Vor allem in Asien wuchs seine Popularität. 2013 gewann er in Tokio den Weltcup und verzichtete auf die WM-Teilnahme in Antwerpen, dafür zog er im November des Jahres für fast ein halbes Jahr nach Hongkong, wo der Hype um ihn am größten war. Auf Facebook liegt er unter den deutschen Kunstturnern weit vorn, rund 270 000 Anhänger zählt sein Account. Fabian Hambüchen kommt gerade mal auf knapp 70 000, obwohl er in Deutschland bekannter sein dürfte als Nguyen.
Hambüchen ist an dem Trainingstag in Kienbaum der einzige deutsche Turner, der eine eigene Journalistenrunde bekommt. Wenn auf jemanden in der Riege des Turnerbundes der Begriff Zuverlässigkeit passt, dann auf ihn, den blonden Lockenkopf. Er wurde schon mit 16 Jahren bekannt, weil er in Athen als jüngster deutscher Olympiateilnehmer ins Niedlichkeitsschema passte und so die Herzen rührte. Mit 19 gewann er bereits den Weltmeistertitel am Reck, in Stuttgart, vor heimischem Publikum. Hambüchen hat mit seinen frühen Erfolgen die Aufmerksamkeit in Deutschland wieder auf das Kunstturnen gelenkt und mit seiner Konstanz dafür gesorgt, dass es so blieb.
Die Locken lichten sich inzwischen, seine Stimme klingt entschlossen und deutlich und überhaupt nicht mehr kindlich. Er sieht kräftiger aus als Nguyen, dessen filigranes Gesicht wie von einem Modeschöpfer ersonnen scheint. Hambüchen kann die Feinheiten seines Sports wie ein Ingenieur erklären, etwa wenn er den Unterschied zwischen verschiedenen Reckfabrikaten in den "Schwungeigenschaften der Stange" sieht. Er wirbt für einen Sportartikelhersteller, wird von einem Gießener Autohändler unterstützt und ist eine der Vorzeigefiguren der Deutschen Sporthilfe. Hambüchen verkörpert Disziplin und Wertarbeit, und das sind nicht die schlechtesten Tugenden im Hochleistungssport. Auf die Idee, sich irgendein Tattoo stechen zu lassen, käme Hambüchen nie.
Nguyen gibt dem Turnen eine andere, unberechenbarere Note. Die Verletzungspause hat er dazu genutzt, seinen weiteren Lebensweg zu überdenken. Er ist bei der Bundeswehr als Sportsoldat ausgeschieden und von Stuttgart in seine Heimatstadt München zurückgezogen, um Betriebswirtschaft zu studieren. Nach zwei Semestern legt er an der Universität eine Pause ein, um sich auf Rio de Janeiro vorzubereiten.
Was Nguyen vorhat, wenn Olympia vorbei sein wird, lässt er offen. "Ich entscheide danach, wie es weitergeht. Ich denke immer nur in einem olympischen Zyklus. 2008 hatte ich mal vor, in die USA zu gehen und dort zu studieren. Habe ich dann aber nicht gemacht. Wenn es mir nach Rio gut geht, wenn ich mir noch Chancen im Kunstturnen ausrechne, dann werde ich vielleicht weitermachen."
"Ich guck", sagt er.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 44/2015
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