24.10.2015

KommentarHilfreiches Scheitern

Alle medizinischen Studien müssen veröffentlicht werden.
Die Bilanz war ernüchternd. Mit rund zwei Milliarden Dollar förderte eine Abteilung der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) über 200 klinische Studien – doch am Ende wurde mehr als jede dritte dieser Forschungsarbeiten nie oder nur mit extremer Verspätung veröffentlicht. Jetzt ziehen die NIH, die zu den wichtigsten Forschungsförderern der USA zählen, endlich Konsequenzen: Alle von ihnen geförderten Studienergebnisse müssen in Zukunft zumindest im Internet publiziert werden; und in der Herzforschung sollen nur noch solche Projekte unterstützt werden, die gute Chancen haben, den Weg in eine Fachzeitschrift zu finden. Die NIH wollen künftig somit vor allem größere Forschungsvorhaben fördern, die auch wirklich praxisrelevante Fragen untersuchen. Gut so. Es wäre zu hoffen, dass diese Entscheidung weltweit Nachahmer bei anderen Forschungsförderern findet. Auch hierzulande wird permanent Forschungsmüll produziert. Was beispielsweise sollen Allgemeinärzte mit dem Ergebnis anfangen, dass eine neuartige Therapie ein paar nebensächliche Blutwerte senkt? In Tausenden Laboren werden Studien dieser Art angefertigt, deren Erkenntnisgewinn ist nahe null. Immer noch viel zu selten versuchen medizinische Forscher zu klären, ob eine vermeintlich innovative Behandlung tatsächlich Leben retten kann; denn das ist vielen zu aufwendig. Insbesondere könnte die neue Förderpraxis aber auch dazu führen, dass negative Studienergebnisse, mit denen sich Wissenschaftler und Fachzeitschriften bislang ungern rühmen wollten, nicht mehr unveröffentlicht in der Schublade verschwinden. Denn auch das Ergebnis, dass eine Behandlung wirkungslos ist, liefert wertvolle medizinische Hinweise, um Patienten vor therapeutischen Irrwegen zu schützen.
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 44/2015
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