24.10.2015

Nils Minkmar Zur ZeitMit brennender Sorge

Es ist erstaunlich, wie viele Sorgen sich die Leute machen. Je friedfertiger und komfortabler das Leben in Deutschland wurde, desto nervöser wirken seine Bürger. Es scheint, als suchten sie verzweifelt ein Objekt, auf das sich die Sorge richten kann. In manchen Fällen sind es Flüchtlinge, in den meisten aber Hunde. Ein großer Teil der deutschen Beziehungsgespräche wird ja im Wald geführt, einst ein Ort der wohnortnahen Erholung. Heute tobt dort schon frühmorgens die ganze Psychodynamik postmoderner Gesellschaften: Man sieht erwachsene, gebildete Deutsche, die kurz vor dem Tränenausbruch stehend auf ein Tier einreden. Es geht um Respekt, unangemessenes Verhalten und die ewige Suche nach dem Kaninchen. Die Hunde selbst machen dagegen einen ganz vernünftigen Eindruck, als hätte ihnen die Evolution neben der Fähigkeit zum Hüten von Schafen auch noch die des Menschentherapeuten geschenkt.
Aber es sind nicht nur die Hundebesitzer, es gibt viele nervöse Zeitgenossen. Manche sind sogar mit ihrem Bart überfordert, wie jener mittelalte Mann, der vor Kurzem beim Friseur neben mir saß. Er war unzufrieden mit seinem Bart. Zu strohig oder nicht strohig genug, es war nicht ganz klar, was genau das Problem war, denn er hyperventilierte bei der Schilderung seiner Sorgen. Am Abend vor dem Barbiertermin hatte er eine Verabredung abgesagt und sich früh ins Bett gelegt, verrückt vor Sorge, seinen Bart allzu großem Stress auszusetzen. Der Barbier beruhigte ihn mit einem detaillierten und zeitintensiven Anwendungsplan zur Pflege des Vollbarts – ein Neurochirurg hätte nicht ernsthafter vortragen können. Da ich den bärtigen Mann nicht kenne, kann ich auch nicht beurteilen, ob er, wie man so sagt, sonst keine Sorgen hat oder ob der Bart nur der Fokus für ganz anderen Kummer war. Einen Hund hatte er jedenfalls nicht.
Es mag, verglichen mit solchen Spezialsorgen, angemessen erscheinen, dass sich Eltern um ihre Kinder sorgen und Lehrer um ihre Schüler. Aber oft sind auch diese Sorgen übertrieben. Auf der Frankfurter Buchmesse erzählte die Autorin Sabine Ludwig von ihrer Erfahrung mit Lesungen vor Schulklassen: Während des Vorgesprächs rede der Lehrer seine Schüler erst mal schlecht, bemängele ihre generelle Unlust und spezielle Literaturferne. Und in der Tat zeigten die Mienen der jungen Leute zunächst, so Ludwig, wenig Begeisterung. Dann aber, nach wenigen Minuten des Vorlesens, "dann kriegst du sie alle". Das verwundert nicht, denn Frau Ludwig bringt gute Bücher mit. Merkwürdig ist nur diese vorsorglich geäußerte Kritik der Lehrer an den Schülern. Auch viele Eltern sind ja stets willig, Defizite ihrer Kinder aufzuzählen. Dabei gibt es nur eine Fähigkeit, die Kinder entwickeln sollten: sich am Leben zu erfreuen. Ob sie sich dazu mit Nussnugatcreme einschmieren, Computerspiele oder Bücher lieben, ist egal, auf die Freude kommt es an. Und da hilft es, wenn auch den Erwachsenen die Sorge nicht zur Droge wird. So wie generell die Bürger der reichsten, friedlichsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte nicht jeden Tag erneut die kommende Apokalypse beklagen sollten. Es hört ja sonst keiner mehr hin, wenn es wirklich mal so weit ist.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 44/2015
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