24.10.2015

PublizistikSirene der Gegenwart

Im Juni vor einem Jahr starb Frank Schirrmacher, der Herausgeber des Feuilletons der „FAZ“. Er war einer der herausragenden Kulturjournalisten des Landes, gehasst und bewundert. Erst jetzt wird deutlich, wie sehr er fehlt.
Diez, 46, war von 2001 bis 2005 Mitglied des Feuilletons der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Von außen sieht man Kronleuchter, kluge Köpfe hinter hellen Fenstern und die schwere Fassade einer Villa, die von der Macht und dem Selbstverständnis der alten BRD erzählt.
Die Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft hat ihren Sitz in der Villa Bonn in Frankfurt, benannt nicht nach der einstigen Bundeshauptstadt, sondern nach einem Banker. Einmal im Jahr, gegen Ende der Buchmesse, lädt die "Frankfurter Allgemeine" hier zum Abendempfang ein. Innen schwingt sich im Foyer eine hölzerne Treppe ins Obergeschoss. Dort stand Frank Schirrmacher vor dunkelbraunem Holz, wenn er die Gäste begrüßte. Es war immer die große Bühne.
Aber jetzt ist niemand da, der sie nutzt. Jürgen Kaube, Schirrmachers Nachfolger als Feuilletonherausgeber, spricht leise und zurückhaltend, er zitiert Rainald Goetz und was der über den "FAZ"-Empfang geschrieben hat, es ist eine Rede, die sich nach innen richtet und an einen Betrieb, der in Zitaten lebt.
Zeitungen, Zeitschriften sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, weil sie Ausdruck einer Stimmung, eines Selbstbewusstseins, einer Verunsicherung sind. Diese Geschichte über die "Frankfurter Allgemeine" und Frank Schirrmacher ist die Geschichte eines Verschwindens. Die Geschichte des lautesten, begabtesten, kreativsten, umstrittensten Journalisten seiner Generation. Es ist auch die Geschichte einer Institution, die sich in schwierigen Zeiten schwertut mit dem Erbe eines Mannes, der viele faszinierte und viele verstörte, den viele bewunderten und andere hassten.
Eine Festung war die "FAZ" schon immer; heute wirkt sie manchmal wie ein Bollwerk gegen die Erinnerung an jenen Mann, der am Ende berühmter war als alle Redakteure zusammen. Das nagt natürlich.
Als hätte es ihn nie gegeben. Als sollte mit der Erinnerung auch der Zweifel an der Gegenwart verscheucht werden. Als wäre die Angst, die Frank Schirrmacher sein Leben lang ausstrahlte, erzeugte, nutzte, nach seinem Tod in den Räumen und Gedanken der Überlebenden geblieben.
Frank Schirrmacher starb am 12. Juni 2014 im Alter von 54 Jahren an Herzversagen. Die Nachricht wirkte erst wie einer dieser Scherze, die er schon machte, als er noch ein Kind war. Scherze, die auch eine gewisse sadistische Energie offenbarten und ehemalige Kollegen noch heute erschaudern lassen, mal in wohligem Gruseln, mal in echter Empörung.
Ein "hochbegabtes Arschloch" sei er gewesen, sagt eine, die ihn mochte. Eine andere erzählt davon, wie Schirrmacher eine hochschwangere Redakteurin so hetzte und herumkommandierte, dass die Kollegin ernsthaft eine Frühgeburt befürchtete. Überhaupt sei es eine männerbündische Clique gewesen, das Schirrmacher-Feuilleton, sie könne nicht verstehen, warum jetzt alle so tun, als wäre Schirrmacher der Größte gewesen.
Auch mehr als ein Jahr nach seinem Tod ist spürbar, wie Frank Schirrmacher immer noch verstört. Die meisten Feuilletonredakteure, bei denen für diese Geschichte angefragt wurde, sagten ab. Dem einen ging es zu nah. Der andere war noch zu sehr im Bann. Der dritte musste sein Haus fertig bauen. Und Schirrmachers Nachfolger Jürgen Kaube antwortete auf mehrmalige Anfragen erst gar nicht.
Das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" galt einmal als das führende dieses Landes. Seit Schirrmachers Tod sind Inspiration, Neugier, Mut verschwunden. Wo vor ein paar Jahren die Geheimnisse des menschlichen Genoms diskutiert wurden und die Gefahren des digitalen Kapitalismus, geht es heute um gesundes Essen und das Leben auf dem Land.
Aber es starb eben nicht nur ein Journalist, es starb eine bestimmte Art von Journalismus, und zwar mitten in den Sparwirren und Strukturverschiebungen, die die Presse gerade beschäftigen. Viele Nachrufe auf Frank Schirrmacher lasen sich, als beweinte sich die Branche beim Tod ihres Alphatiers selbst.
Tatsächlich sind im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" seitdem zentrale Stellen nicht neu besetzt worden, etwa die des Theatermannes Gerhard Stadelmaier, es fehlt eine klare Stimme, wenn es um Literatur, Film oder Musik geht. Und auch im eigenen Haus wundern sich manche: Hat jemand noch eine Vision, außer zu sparen?
Das alles hat nicht gestern begonnen. Die ökonomischen und publizistischen Folgen des technologischen Wandels sah Schirrmacher früh. Einige der letzten Innovationen der Branche, die "Berliner Seiten" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", wären nicht denkbar ohne ihn.
Er hat angekämpft gegen den Bedeutungsverlust, fast schon agitiert, es schien ihm eine persönliche Kränkung zu sein, dass diese Zeitung ihre Funktion als zentraler Platz der demokratischen Kommunikation zu verlieren droht.
"Diese Krise ging ihm sehr ans Herz", sagt Dirk Schümer, lange Mitarbeiter und Freund Schirrmachers, der auf der letzten Reise dabei war, ein paar Tage vor Schirrmachers Tod, mit der Kutsche durch Rom, Eis und Ballons für die Tochter, mit Rebecca Casati und Schümers Frau und Springer-Chef Mathias Döpfner und dessen Frau.
Schirrmacher sah vor allem Ruinen. "Er hat ja immer in Untergängen und Gefährdungen gedacht", sagt Schümer. "Das war für ihn wie eine Strategie. Seine Katastrophilie diente ihm dazu, dass er die Epochenbrüche deutlicher sah."
Schümer war der Erste, der nach Schirrmachers Tod das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" verließ. Er wechselte zur "Welt", nachdem sein Posten in Venedig gestrichen worden war, so wie die fast aller anderen Auslandskorrespondenten des Feuilletons. Es folgten der Feuilletonchef Nils Minkmar und Volker Weidermann, der Kochef des Feuilletons der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die beide zum SPIEGEL gingen.
Wenn Schümer heute über die Zeitung spricht, bei der er fast 25 Jahre gearbeitet hat, dann schwingt eine heitere Distanz mit. Es sei die Tragik von "Altherrenmarken" wie Kölnisch Wasser oder Asbach Uralt, dass sie die Zeichen der Zeit nicht sehen und mit ihrer alternden Kundschaft einstauben. Auch die "Frankfurter Allgemeine" habe "wehrlos" ihren Markenkern verspielt – Schirrmacher, diese "Ein-Mann-Diskursmaschine", habe sich zerrieben daran, dieses Ende aufzuhalten.
"Er war wie besessen", sagt Schümer, "er hat den Strom nie abgestellt. Ganz privat war er nie. Er war dabei immer witzig und anarchisch, er ignorierte alle gesellschaftlichen Formen. Das hat ihm natürlich in der Zeitung viele Konflikte gebracht, auch persönlich."
Ein paar Monate nach Schirrmachers Tod, im Januar, gab der scheidende Herausgeber Günther Nonnenmacher der Branchenzeitung "Horizont" ein Interview. "Ich sage jetzt einmal etwas Ketzerisches", sagte Nonnenmacher. "Hat Frank Schirrmacher, der wirklich ein berühmter Mann war, die Auflage der 'FAZ' steigern können? Kamen wegen ihm mehr Anzeigen? Geht es wirklich vor allem darum, einen 'Talking Head' zu haben, der ständig im Fernsehen auftritt? Ich glaube nicht."
Schümer nennt das "stillos", er spricht von einem "geplanten Eindampfungsprozess von oben". Das Feuilleton sei "massiv geschädigt", wenn es sich mehr und mehr aus den Debatten heraushalte und auf ein Rezensentenbuchhaltertum zurückziehe und nicht mehr das Gegenteil von dem schreiben dürfe, was in der Politik oder der Wirtschaft geschrieben wird.
Das wäre aber nicht nur das Ende des Schirrmacher-Feuilletons und das seines Vorgängers Joachim Fest, der in den Achtzigerjahren begonnen hatte, Weltläufigkeit statt Provinzialisierung in das Blatt zu bringen, politische Unabhängigkeit statt eines konservativen Konformismus – es wäre auch das Ende einer Tradition, die bis in die Weimarer Zeit zurückreicht.
"Das Feuilleton ist für die Zeitung ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger", schrieb der Schriftsteller Joseph Roth 1926, damals Mitarbeiter der "Frankfurter Zeitung", Vorläufer der "FAZ". Und fügte als selbstbewusstes Credo hinzu: " Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung."
Das beschreibt recht gut, was Frank Schirrmacher wollte. "Was gibt es Neues?", das war seine Dauerfrage an jeden, den er traf. Er wollte der Zukunft in den Schlund schauen, neugierig und rastlos.
"Er war in den Neunzigerjahren der erste und einzige deutsche Journalist in New York, der sich für Technologie und das Internet interessierte", erinnert sich Jaron Lanier, der kalifornische Denker der digitalen Welt. "Frank is in town", so hieß es dann, und Frank hielt Hof.
Das Feuilleton war für ihn ein Machtinstrument, es war aber auch ein Mittel zur Recherche. Er selbst war "ein System", so sagt es Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford-Professor und Patenonkel von Schirrmachers Tochter, "das von Umweltereignissen in Schwung gebracht werden konnte".
Irritierbar sei er gewesen, sagt Gumbrecht, ein Mensch der Intuition, "die Schnelligkeit war sein Medium". Er glaubte an die "tägliche Provokation", so beschreibt er den anarchischen Kern des Machtmenschen Schirrmacher. Der, heißt es, Helmut Kohl erst bewundert habe, um sich später über ihn lustig zu machen, und an Angela Merkel, zu der er keine Nähe gefunden habe, die Intelligenz geschätzt, aber ihre fehlende diskursive Energie bemängelt habe.
Schirrmacher kam 1984 als Praktikant zur "Frankfurter Allgemeinen", konservativ, ein Kind von Kohls "geistig-moralischer Wende" und fest in seiner Verachtung gegenüber den 68ern. Er hatte in Heidelberg und Cambridge studiert, er pflegte eine jung-ironische Herablassung gegenüber dem damaligen Herausgeber Joachim Fest, der ihm noch "nützlich" sein könnte, so beschreibt es Gumbrecht. Als Fest das merkte, war es zu spät, um Schirrmacher als seinen Nachfolger zu verhindern.
"Caligula", das war Schirrmachers Spitzname damals. Er habe Angst in seinem Umfeld erzeugt. Er sei impulsiv gewesen. Er habe eine ständige Unruhe erzeugt, die ein Misstrauen zur Folge hatte, eine Unsicherheit, die Schirrmacher noch förderte durch seine Telefonstreiche. "Er hatte ein wahnsinniges Talent, Leute nachzumachen", sagt Gumbrecht.
Er war ein Spieler, so hat ihn Hans Magnus Enzensberger mal genannt, ein Spieler von früh an. Aufgewachsen ist Frank Schirrmacher in Wiesbaden, im Stadtteil Bierstadt, in einem Eckreihenhaus mit kleinem Garten und gekacheltem Eingang. Seine Mutter Halina lebt hier noch, sein Vater Herbert, leitender Ministerialrat mit SPD-Parteibuch, starb früh, 1985 mit 65 Jahren.
"Frank muss ja Überwältigendes geleistet haben", sagt seine Mutter, eher unsicher als stolz. "Ich weiß gar nicht, ich habe das gar nicht so mitgekriegt, er hat das gar nicht so erzählt."
Auf dem Tisch im Esszimmer stehen Bilder und Artikel von ihrem Sohn, aufgebaut wie auf einem Altar. Aus der Küche dringt leise das Radio herüber. Halina Schirrmacher redet schnell und lacht viel, sie trägt ihre Haare hoch aufgetürmt und eine goldene Brille und ein buntes, fröhliches Kleid, später muss sie zur Tanzgruppe.
Sie wurde in Polen auf einem Gut geboren, sie floh vor den Russen mit Pferden und Wagen und dann allein weiter nach Pilsen, schließlich kam sie in Bayern an, in Unterfranken, als Flüchtling. Auch ihr Mann wurde vertrieben, er war 13 Jahre älter als sie und kam aus Königsberg in Ostpreußen. Frank Schirrmacher hat darüber kaum gesprochen.
Der Vater war streng, der Sohn schlampig, davon erzählt die Mutter gern. Zwei Jahre lang lebte die Familie in Äthiopien, die Kinder, Frank und seine ältere Schwester Ina, waren noch klein. Ob er später auf dem Gymnasium sitzen geblieben ist, daran kann sie sich nicht genau erinnern, "ich glaube schon", sagt sie mal, "ich glaube doch nicht", sagt sie später.
Seine Schrift war unordentlich, das weiß sie noch, und als Kind wollte er immer nur raus und spielen. "Er hat immer Quatsch gemacht und wusste doch alle Antworten", sagt seine Mutter.
Ob ihre polnische Herkunft ihren Sohn mit Marcel Reich-Ranicki verbunden hat, der im Lauf der Zeit eine Art Ziehvater für ihn wurde und den er erbittert verteidigte im Streit mit Martin Walser?
Halina Schirrmacher lächelt. "Ja", sagt sie, "da ist was, da ist was."
Reich-Ranicki war eine Sehnsuchtsfigur, die es Schirrmacher möglich machte, in gewisser Weise das Grauen Hitlers zu überspringen und dort zu landen, wo er sich zu Hause fühlte, im "geistigen Weltbürgertum", das er mit den jüdischen Emigranten verband. Es ließ ihn später noch mal laut trommeln, als es um den Film "Der Untergang" ging und um "Unsere Mütter, unsere Väter".
"Was die alle in ihm gesehen haben", fragt sie zum Abschied, "war das wahr?"
Etwas an Frank Schirrmacher schien die Menschen um ihn herum zu verwirren. Er konnte Kollegen fördern, feiern, ermutigen, er war manchmal fast überfürsorglich und half im Stillen – er wirkte aber auch oft undurchschaubar, und manchmal lag das an dem Gestus, mit dem er auftrat und Sachen sagte.
"Anzutreten, als habe noch nie jemand zuvor die Dinge so gehört, wie er sie vortrug, das war sein Ehrgeiz", so schrieb Schirrmacher über Theodor W. Adorno, man kann es auch als Selbstbeschreibung lesen: "Verführerisch und gefährlich zu sein wie die Sirenen des Odysseus, das war seine stilistische Vision."
Das Wort konnte die Erlösung sein. Daran glaubte er, und darauf baute er seine Karriere. Das Wort war die Welt, so wie er sie sich vorstellte und, wichtiger, wie er sie gestalten konnte. Das Wort war die Macht, so hatte er es gelernt von den Menschen, die er bewunderte. Das Wort war die Zäsur der Wirklichkeit, die Möglichkeit der Rettung, in der Sprache, in der Kunst, in der "Gegenwelt", wie er es nannte.
Schirrmacher wollte der Welt die Geschichten geben, die sie braucht, um sich zu erkennen, das war sein romantisches Projekt. Er wollte der Erzähler sein, um den sich alle scharen. Er wollte der Warner sein, dessen Größe sich an der Größe der Bedrohung misst. Als ihn die Fotografin Herlinde Koelbl 1999 fragte, wie man sich an ihn erinnern sollte, sagte er: "Als den größten Publizisten seit Martin Luther."
Schirrmachers Artikel sollten Kometen sein, deren Einschläge möglicherweise mehr anrichten als nur ein paar weitere Krater auf diesem Planeten. Die Finanzkrise nannte er einen "Routinetermin im permanenten Strafgericht Gottes über die Menschen". Er sprach, fast noch im Augenblick des Geschehens, vom "Bankrott der Metaphysik des Marktes" und zitierte Friedrich Engels mit den Worten: "Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst."
Man konnte ihn denken hören und atmen in diesem Text, der den Anfang bildete zu einer längeren schirrmacherschen Denkbewegung – in deren Verlauf er sich öffnete für linke Kapitalismuskritik und an deren Ende er eine ganze Generation, seine eigene, für gescheitert erklärte, weil sie keine Idee hatte, außer der des Marktes: Er konstatierte, für ihn wohl das Schlimmste, "totenähnliche Erschöpfung".
Natürlich machte ihn auch dieser Text wieder angreifbar: Das war nicht das, was seine Herausgeberkollegen der Zeitung hören wollten, bei der die Buchstaben noch in Fraktur strammstanden – aber das Konservative um seiner selbst willen hatte Schirrmacher auch nie interessiert.
Er kam zwar von dort. Er teilte die Faszination jenes deutschen Bildungsbürgertums, das sich im Stefan-George-Gedröhne wiedererkannte oder in der Eiseskälte von Ernst Jünger, für Schirrmacher der "letzte Ritter", er liebte Gottfried Benn, der noch "unter dem Zeichen des kunstreligiösen Herrschaftsanspruchs geboren" wurde: "Nie wieder", so eine typische Schirrmacher-Sentenz, "hat es eine Generation gegeben, die so wie diese an die Totalität der Kunst und die Veränderbarkeit der Wirklichkeit glaubte."
Es blieb ein Teil seines Wesens, dieses Tönen, das Raunen, die Beschwörung eines "ästhetischen Fundamentalismus", wie Schirrmacher es nannte. Bei Stefan George gefiel ihm die "Attitüde seiner radikalen Weltmissbilligung", eine Herrschaft der Kunst, die den Kräften Sprache verlieh, "die in dem Vorhandenen eine Beleidigung des Gewesenen und im Gewesenen eine Anleitung für das Mögliche sahen".
Das geheime, dunkle Deutschland übte eine große Anziehungskraft auf ihn aus – und es war Teil der Spannkraft von Schirrmachers Denken, dass er zugleich das helle, das andere Deutschland liebte, das vor 1933 von den Juden geprägt wurde.
Das geistige Leben Frank Schirrmachers war auch ein deutscher Bildungsroman mit Brüchen und Konstanten. Ein Trip, eine rauschhafte Reise zwischen den Extremen: von den Schlachtfeldern der konservativen Revolution, wo sich sein Denken die Begriffe holte, bis zu jenem "Kurssturz des Republikanischen", den er in der technokratischen Verkümmerung der europäischen Krisenpolitik sah.
Es zog und zerrte an ihm von allen Seiten, schon weil es tatsächlich Jahre waren, in denen sich die Welt veränderte, Jahre der Krise, die auch Schirrmacher veränderten, weil er nie wusste, ob etwas an sich gut ist oder schlecht.
Er wollte es ausprobieren, beseelt von einer gewaltigen Neugier, getrieben auch von einer gewissen Panik, die vielleicht eher strategisch war als psychologisch. Es wirkte, als wäre er an einen Stromkreis angeschlossen. Und manchmal war es auch ein Zirkustrick, weil er ihn selbst antrieb, diesen Stromkreis, indem er strampelte und strampelte, eine Art intellektuelles Perpetuum mobile.
Er hatte gemerkt, dass man ihm eher zuhörte, bis hinein in die Ministerien und bis ins Kanzleramt, wenn er die Dinge in der Worst-Case-Rhetorik einer dauernd drohenden Kernschmelze formulierte. "Selbst Google und Apple sind nur Start-ups im Vergleich zu der neuen sozialen Software, die gerade ins Gehäuse unserer Gesellschaften implementiert wird", schrieb er 2013 in dem Text "Was die SPD verschläft", einem seiner vielen Texte zu Internet, Big Data und Überwachung – Themen, die er früh und effektiv ins Bewusstsein hämmerte.
"Die Frage, die sich stellt, lautet: Wollen wir eine Politik, die Betriebsanleitungen vorliest, oder eine, die sie in demokratischen Kommunikationsverfahren verfasst?", schrieb er in einer Serie im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen".
Skepsis war Schirrmachers Werkzeug, sie machte seine geistige Freiheit aus und die Sonderstellung in einem Land, das auf Übersichtlichkeit geeicht ist. "Man soll sich nichts vormachen", schrieb er 2001 über das erste geklonte menschliche Embryo. "Während die Zivilisationen des Westens in Afghanistan einen Krieg führten, um zu verteidigen, was sie sind, wurden in ihren Laboratorien Dinge erforscht, die imstande sind, unser moralisches und soziales Welt- und Selbstbild zu überrollen."
"Europa", schrieb er 2000 über die Fragen der künstlichen Intelligenz, "soll nicht nur die Software von Ich-Krisen und Ich-Verlusten, von Verzweiflung und abendländischer Melancholie liefern. Wir sollten an dem Code, der hier geschrieben wird, mitschreiben."
Und die alternde Gesellschaft, die er 1999 zum Thema machte, war für ihn ein "Anschlag" der Zeit auf den einzelnen Menschen – ein paar Jahre später schrieb er über diesen Anschlag sein Buch "Das Methusalem-Komplott", das er in der Fernsehsendung "Beckmann" ausgerechnet mit Verona Feldbusch diskutierte und das sein erster Bestseller wurde.
Er hatte sich damit maximal weit weg bewegt von der Welt, in der er groß geworden war, dem ernsten Feuilleton, und war hineingeraten in die Welt des Fernsehens, der Prominenz, des Glamours von gemeinsamen Bildern mit Tom Cruise.
Maximal weit weg von jemandem wie Gustav Seibt, der zwei Jahre später bei der "Frankfurter Allgemeinen" anfing und ihn heute ohne Bitterkeit einen "lustvollen Verräter" nennt. Schirrmacher habe darunter gelitten, dass zu seinen Lebzeiten so schlecht über ihn geschrieben wurde, sagt Seibt, der im Streit vom Studienstiftungsfreund schied, "er hat es mir übel genommen, dass ich weggegangen bin".
Es kursiert auch die Geschichte, dass Seibt habe "putschen" wollen. 2010 hätten sie sich ausgesprochen, sagt Seibt, der inzwischen als Autor der "Süddeutschen Zeitung" das Leben eines Privatgelehrten führt. Er schildert einen Mann, den er heute in seiner Stellung und Wucht gelten lassen kann.
Ein größerer Kontrast ist kaum vorstellbar. Schirrmacher, der "immer aus der Erregung" gelebt hat, wie Seibt es beschreibt, "charmant, aber an Umgangsformen desinteressiert", kaum Freunde, dafür mit einem "untrüglichen Sinn für die seelische Schwäche anderer" und durchaus in der Lage, "Leute am Punkt ihrer persönlichen Bedürftigkeit zu packen".
Schirrmacher sei "nicht im klassischen Sinn wohlerzogen" gewesen, so Seibt, "teurer Wein und gutes Essen, solche Freuden waren ihm gleichgültig". Stattdessen Fast Food und Coca-Cola.
"Hatte er wieder angefangen zu rauchen?", fragte seine Mutter Halina bei unserem Gespräch und schaute bekümmert.
In einer gewissen Weise hat sich Schirrmacher verschwendet, zu wenig Schlaf, nie Sport. Er hat sich verschlingen lassen von dem Faszinosum, das für ihn das Feuilleton als Ort des geistigen Lebens immer war. Es habe ihn ein Vanitas-Gefühl begleitet, sagt Seibt über Schirrmacher, alles kann schiefgehen, alles kann bald vorbei sein.
Auch deshalb diese Rom-Reise. Er habe eigentlich absagen wollen, sagt der Springer-Chef Mathias Döpfner, der Schirrmacher einen guten Freund nennt und ihm ein Partner war im Kampf gegen den Internetgiganten Google. Aber diese Reise sei Schirrmacher wichtig gewesen. "Es ist rückblickend fast ein wenig gespenstisch."
Wenn Döpfner von der Gegenwart spricht, dann sieht er "in manchen Redaktionen ein Kartell des Mittelmaßes", das sei vielfach die wahre Ursache für die viel beschriebene Krise des Journalismus. Der Charismatiker Schirrmacher habe immer dagegen gekämpft. Und nun herrsche fast so etwas wie Erleichterung, dass er nicht mehr da ist. "Aber wenn wir anfangen, dieses Charisma Einzelner zu bekämpfen", sagt Döpfner, "können wir uns gleich selbst abschaffen."
Zum Schluss immerhin sei Schirrmacher, dieser "ruhelose Geist", doch "bei sich angekommen", sagt Döpfner. Er hatte Freunde, das erzählen auch andere und sprechen von der "Menschwerdung" des Frank Schirrmacher.
Der Trauergottesdienst für Frank Schirrmacher fand in der Heilandskirche statt, in Sacrow, einem Ortsteil von Potsdam. Wenn man auf das Portal der Kirche zuläuft, schaut einem von oben herab ein Mann zu, der mit seinem Lendenschurz nur leicht bekleidet ist und doch das ganze Gewicht der Welt trägt.
Aber das scheint Atlas nichts auszumachen. Wer sein entspanntes, kindliches Gesicht betrachtet, kann fast vergessen, dass es eine göttliche Strafe ist, die ihn verfolgt. Zeus selbst hat den Titanensohn verdammt. Atlas soll von nun an für alle Zeit verhindern, dass Himmel und Erde zusammenkrachen. Links und rechts von ihm schießen wild die Blitze.
Schirrmacher wohnte bis zu seinem Tod ganz in der Nähe der Kirche, ein wenig nur die Havel entlang, direkt am Wasser in einem prächtigen Haus, das er sich erst erträumt und dann gekauft hatte, eine Erfüllung und eine virtuelle Heimkehr – hier, wo vor dem Krieg das jüdische Großbürgertum seine Villen hatte, war jenes Arkadien, das Schirrmacher, der gern in geschichtlichen Dimensionen dachte, mit dem Geist verbinden sollte, den Hitler vernichtet hatte.
Dieses Sacrow, dessen Licht so besonders ist, beschrieb Schirrmacher schon 2006 in einer Erinnerung an den verstorbenen Joachim Fest, die Heilandskirche, die Sichtachsen, all das waren für ihn "Grundrisse einer Gegenwelt".
Frank Schirrmacher ist nur einen kurzen Weg von der Kirche entfernt begraben. Es gibt keinen Grabstein. Allein eine kleine Bronzeskulptur steht dort. Es ist ein Affe, der auf einem Stapel Bücher sitzt und einen goldenen Totenschädel in der Hand hält, den er aufmerksam betrachtet. ■
Er hatte gemerkt, dass man ihm eher zuhörte, wenn er die Dinge in der Worst-Case-Rhetorik formulierte.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 44/2015
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