24.10.2015

KarrierenQual und Rausch

Joy Womack ist Kalifornierin, Sergei Polunin wuchs in einer armen Stadt in der Ukraine auf – beide leben fürs Ballett. Ihr Talent ist auch ein Fluch. Von Samiha Shafy
Als sie erscheint, nehmen die anderen Tänzerinnen eine stille Pose ein. Sie hebt ab, ein Sprung, ein Luftspagat, ein Wirbel aus weißem Tüll. Federleicht sind ihre Bewegungen, als müsste sie keinen Anlauf nehmen, nicht einmal Luft holen. Mittendrin hebt sie einen Arm, herrisch, und löst die anderen aus der Erstarrung. Sie ordnen sich hinter ihr ein und folgen ihren Schritten. Denn sie ist Myrtha, ihre Anführerin, die Königin der Geistermädchen im Ballett "Giselle".
Auf den Spitzen stehend, mit erhobenem Haupt, nimmt die Königin den Applaus entgegen. Dann entschwebt sie.
Hinter der Bühne lässt sie sich auf eine Yogamatte fallen, keuchend und schwitzend. Eine Pause, sie ist jetzt wieder Joy Womack, 21 Jahre alt, geboren in Santa Monica, Kalifornien. In ihrer Kompanie, dem Moskauer Kreml-Ballett, gehört sie zu den Auserwählten, die Soli tanzen. Sie ist die erste Amerikanerin, die hier, hinter den Mauern des Kreml, auftritt.
Die Bühne befindet sich im einstigen Kongresspalast, einem mehr als 800 Räume umfassenden Monument sowjetischer Architektur, 150 Meter vom Regierungssitz Wladimir Putins entfernt. Der Theatersaal ist riesig, er diente zu Sowjetzeiten auch dazu, die Elite der Kommunistischen Partei mit Ballett zu unterhalten. Bis heute zieren Hammer und Sichel die Wände. Die Vorstellungen sind seit 1990 öffentlich.
Joy Womack kauert auf ihrer Matte, eine zierliche, sehnige Person mit hochgesteckten braunen Locken und dramatisch geschminktem Gesicht. Sie presst die Lippen zusammen und starrt auf den Boden. Ihr Bein schmerzt, ausgerechnet jetzt.
Niemand darf es bemerken. Sie würde selbst dann weitertanzen, wenn sie einen Fuß gebrochen hätte, es wäre nicht das erste Mal. Seit dem Morgen hat sie trainiert, bis kurz vor der Vorstellung, gegessen hat sie seit vielen Stunden nichts. Was sie aufrecht hält, ist eine Mischung aus Adrenalin, Koffein und Willenskraft.
Andere Tänzerinnen trippeln hinter der Bühne umher, flüsternd und kichernd. Es ist nicht mehr so schlimm wie am Anfang, als Womack kein Russisch verstand, aber sie ist eine Fremde, immer noch.
Sie steht auf und huscht wieder zur Bühne, sie blickt niemanden an, niemand sagt etwas zu ihr. Sie strafft die Schultern und läuft ins Scheinwerferlicht.
Sie lebt für diese Momente. Joy Womack ist in Moskau, weil sie zu den besten aller Tänzerinnen gehören will. Sie ist ihrem Traum näher gekommen, seitdem sie vor sechs Jahren zum ersten Mal im Leben die USA verließ und allein nach Russland reiste. Heute ist sie eine Primaballerina, in der Welthauptstadt des Balletts, aber nicht am Ziel. Sie muss kämpfen, um hier zu überleben. Sie ist, wie CNN im April berichtete, "die Amerikanerin, die für acht Dollar am Tag im Kreml tanzt".
"Tja", sagt Sergei Polunin, "ich nehme an, sie hat diesen Konditionen selbst zugestimmt." Er ist Joy Womack noch nie begegnet, sie kommen aus unterschiedlichen Welten, er aus dem Osten, sie aus dem Westen, und doch gleichen sich ihre Geschichten. Es geht um großes Talent, ihr Streben nach Perfektion, eine Kindheit, die keine war, um Qual und Rausch, Triumph und Absturz.
Polunin, 25, ist der wohl talentierteste Tänzer seiner Generation. Kritiker vergleichen ihn mit Rudolf Nurejew, dem Jahrhunderttänzer. Er war 19, als er in London der jüngste Erste Solist wurde, den das Royal Ballet jemals verpflichtet hat. Heute kann er sich aussuchen, auf welchen Weltbühnen er tanzen will. In derselben Woche wird auch er in Moskau auftreten, bei einer anderen Aufführung von "Giselle" – am Bolschoitheater, dessen Tanztruppe als die berühmteste der Welt gilt.
Sergei Polunin hat alles erreicht, wovon Joy Womack träumt – und er ist daran verzweifelt.
Vor einem Jahr sei er wieder kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen, erzählt Polunin. Er spricht leise, schüchtern. Gehasst habe er es, die Schinderei, die Schmerzen, und wofür eigentlich? Tänzer foltern ihren Körper, ruinieren ihre Gesundheit – aber selbst die besten werden nicht annähernd so reich und berühmt wie Opernsänger oder Fußballer. Die Mehrheit, sagt Polunin, werde ausgenutzt: "Ein Ticket für eine Vorführung am Bolschoi kostet oft mehr, als ein Tänzer in einem Monat verdient."
Er wollte ausbrechen, wie schon so oft, aber er sah keinen Ausweg. Ballett ist sein Leben, seitdem er denken kann. "Alles, was ich tat, war tanzen und schlafen", sagt er. "Ich fühlte mich wie tot."
Polunin trainiert an diesem Nachmittag in einem Ballettsaal im Stanislawski-und-Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater in Moskau. Hager und bleich sieht er aus, ein kantiges Gesicht mit melancholischen blauen Augen, er trägt T-Shirt, Trainingshose, Wollsocken.
Sein Äußeres wandelt sich ungefähr so radikal wie seine Stimmungen. Die Haare, kürzlich noch braun und gewellt, dann platinblond, sind nun kurz geschoren. Vorhin, in einer Pause, hat er sich das ukrainische Wappen auf die linke Hand stechen lassen, ein Statement gegen den Krieg in seiner Heimat – und ein Kontrast zum Doppeladler auf seiner rechten, dem Wappen der Russischen Föderation. Auf der ukrainischen Hand prangt auch der Name seiner Freundin, der russischen Primaballerina Natalja Ossipowa, auf der russischen sind die Initialen des amerikanischen Fotografen David LaChapelle eintätowiert.
Auf dem Höhepunkt seiner Sinnkrise begegnete Polunin LaChapelle. Er träumte nun von einer Schauspielkarriere in Hollywood. LaChapelle ist Fotograf und Videokünstler und hat mit Stars wie Keith Richards, Britney Spears und Eminem gearbeitet. Er verkörpert Popkultur, Rock 'n' Roll und Hollywood – und er liebt Ballett. Polunin war beeindruckt von LaChapelle und begeistert, als dieser ein Tanzvideo mit ihm drehen wollte.
Im Februar erschien der Clip auf YouTube und wurde inzwischen über 13 Millionen Mal angeklickt. Polunin sieht von Weitem aus, als wäre er nackt, ein gemeißelter Körper, vielfach tätowiert, er trägt hautfarbene Shorts und kniet in einem Pavillon im Urwald. Die Sonne scheint, Hoziers Hit "Take Me to Church" erklingt, und der Tänzer springt fast aus dem Bild, wirft sich zu Boden, tobt in wütender Perfektion über die Bretter. Er tanzt furchtlos, als gäbe es keine Schwerkraft, keine Grenzen menschlicher Anatomie.
Was muss ein Mensch tun, um sich so bewegen zu können?
Joy Womack sagt, jeder herausragende Tänzer sei auch Masochist, anders gehe es nicht. Es ist der Tag nach ihrem Auftritt, sie ist gegen sechs Uhr aufgestanden und hat bis nachmittags trainiert. "Ich mag Schmerzen", sagt sie. "Ich bin sehr gut darin, mich zu überfordern."
Die Selbstfolter begann, als sie acht Jahre alt war, ein Mädchen, das schon sein halbes Leben lang hingebungsvoll zum Ballett gegangen war. Zu Weihnachten bekam sie ein Buch über die Schule des Londoner Royal Ballet. Wer Profitänzer werden wolle, stand darin, der müsse spätestens ab dem zehnten Lebensjahr täglich trainieren. Joy malte den Satz mit einem Leuchtstift an.
Zur gleichen Zeit machte sie eine zweite Entdeckung: das Bolschoi. Es gastierte in Los Angeles, und Joy besuchte mit ihrer Mutter eine Vorstellung von "Schwanensee". Sie hatte nie zuvor so viel Perfektion gesehen, so viel Gefühl. Hinterher sagte sie, dass sie Solistin am Bolschoi werden wolle. Die Mutter lachte: Joy, das geht nicht, das Bolschoi ist in Russland!
Die Womacks lebten in einer christlichen Gemeinschaft in Santa Monica, abgeschirmt von der Welt. Joys Eltern haben weltliche Berufe – die Mutter ist Onkologin, der Vater Unternehmer –, doch sie und ihre acht Geschwister sollten fromm und behütet aufwachsen. Für einige Jahre wurden sie sogar zu Hause unterrichtet. Filme und Fernsehen waren verboten. Oft lasen sie in der Bibel. Und Joy tanzte, jeden Tag.
Als sie 13 war, ließen ihre Eltern sie ziehen, nach Washington, D. C. Dort gibt es die Kirov Academy of Ballet, eine russische Ballettschule. Auf russische Lehrer aber war sie nicht vorbereitet: Joy, ich erschieße dich! Du siehst aus wie Jesus am Kreuz! Und das erste russische Wort, das sie lernte, hieß: "bestolkowy". Trottelig.
"Sie haben mich physisch und psychisch gebrochen", sagt Womack. "Es war die perfekte Vorbereitung aufs Bolschoi."
Das Bolschoi hat eine eigene Ballettakademie, und diese hielt im Sommer 2009 eine Meisterklasse in New York ab. Joy, inzwischen 15, durfte daran teilnehmen. Am Ende bat die Leiterin sie zu sich. "Du solltest deine Ausbildung bei uns in Moskau fortsetzen", sagte sie. Und Joy, von Schwindel erfasst, dachte: Wenn ich das schaffe, werde ich ein Star.
"Ich wollte immer Krimineller werden", sagt Sergei Polunin. Er grinst. "Oder Akrobat in einem Zirkus." Er lebte damals mit seiner Mutter in Cherson, einer drogenverseuchten Stadt im Süden der Ukraine. Oft gab es weder Strom noch warmes Wasser. Sein Vater war nach Russland gegangen, um Arbeit zu finden. "Ich sah die großen Jungs auf der Straße, alle gehörten zu Gangs", erinnert er sich. Sie rauchten und trugen Waffen. Er bewunderte sie.
Doch Halyna Polunina beobachtete ihren Sohn, der ständig herumhüpfte, und sah eine Chance, dem Elend zu entkommen. Er würde Kunstturner werden, die Olympischen Spiele gewinnen. Sie schickte ihn zum Training, sechsmal pro Woche, sechs Stunden am Tag. Da war er sechs Jahre alt.
Zwei Jahre später hatte Halyna eine bessere Idee: Sergei sollte weg aus Cherson, und sie hatte von einer Ballettschule in Kiew gehört. Die Familie setzte alles auf Sergeis Talent: Sein Vater ging als Bauarbeiter nach Portugal, seine Großmutter, Halynas Mutter, als Altenpflegerin nach Griechenland. Nur so hatte Halyna genug Geld, um mit Sergei nach Kiew zu ziehen.
Vier Jahre lang lebten sie dort zu zweit in einem Zimmer. Halyna hatte keine Freunde, keine Arbeit in Kiew, ihre Beschäftigung war ihr Sohn. "Meine Mutter hätte mich nicht unter Druck setzen müssen", sagt Polunin, "das konnte ich selbst schon ziemlich gut."
Als er zwölf war, schickte Halyna ein Video und Fotos von ihm an die Royal Ballet School, und er wurde zum Vortanzen nach London eingeladen. "Ich betrat den Raum und sah den Körperbau, die Präsenz, die Proportionen", erinnerte sich die damalige Direktorin, Gailene Stock, 2012 im Gespräch mit der britischen Journalistin Julie Kavanagh. "Bevor er auch nur ein Plié gemacht hatte, dachte ich: Das ist es."
So kam Sergei als 13-Jähriger aus der einstigen Sowjetunion in den Westen, während Joy ein paar Jahre später, mit 15, in die umgekehrte Richtung aufbrach. Für ihn war es die einzige Chance auf ein besseres Leben, für sie die Erfüllung eines Mädchentraums.
Zu ihrer Überraschung gehörte Joy in Moskau zu den Besten. Die Sadisten in Washington hatten ihr die russische Technik eingehämmert, und sie brachte noch etwas anderes aus Amerika mit: "Mut und die Überzeugung, mit harter Arbeit weiterzukommen", sagt sie. Zu kämpfen hatte sie mit der Sprache – und mit ihrem Gewicht.
Sie wog damals etwa so viel wie heute, rund 47 Kilo bei einer Größe von 1,67 Metern. Nach normalen Maßstäben ist sie untergewichtig. Doch die neuen Lehrer verlangten, dass sie maximal 45, besser 43 Kilo wiegen solle. "Ich hatte nie ein entspanntes Verhältnis zu meiner Figur", sagt sie, "aber von da an wurde es schlimmer."
Sie sitzt in einem Restaurant der Kette Le Pain Quotidien, nicht weit vom Bolschoi, als sie das erzählt, eine strahlende, junge Frau. Vor ihr steht eine Gemüsesuppe. Sie isst, konzentriert, während sie weiterspricht: "Viele Leute werden wütend sein, wenn ich das sage, aber es muss sein: Ich war jahrelang magersüchtig und bulimisch. Es ist ein verbreitetes Problem unter Tänzerinnen."
Eine Ballerina ist ein schwereloses, ätherisches Wesen, an dem nichts schwabbelt, wenn es in die Luft springt. So ist es am Bolschoi, beim Royal Ballet, überall. Mit welchen Mitteln sich junge Mädchen in diese Norm pressten, kümmere ihrer Erfahrung nach niemand, sagt Womack. "Aber wenn du seit deiner Kindheit immer nur hörst, dass du fett seist, wie sollst du dann ein gesundes Selbstbild entwickeln?"
Journalisten der "New York Times" besuchten sie damals, um über die 15-jährige Amerikanerin zu berichten, die es an die berühmte russische Ballettakademie geschafft hatte. Sie filmten Joy, während sie sich auf einen Auftritt vorbereitete. Das Training ist brutal, und ihr rechter Fuß beginnt zu schmerzen, aber sie reißt sich zusammen. Am Tag der Aufführung muss der Fuß betäubt werden. Joy tanzt und strahlt, und in den Pausen weint sie. Später erfährt sie, dass der Fuß gebrochen ist – ein Ermüdungsbruch.
Sergei ist in London ebenso entschlossen, Erfolg zu haben. Die Royal Ballet School erinnert ihn an Hogwarts, die Zauberschule in "Harry Potter". Er fühlt sich beschwingt, frei: Seine Mutter kann sich einen Umzug nach England nicht leisten. Weil er kein Englisch kann, muss er nicht einmal zur Schule gehen.
Ballett hat ihn befreit, nun soll es ihn berühmt machen: Er nutzt die freie Zeit, um zu trainieren, doppelt so viel wie seine Mitschüler, die zwei Jahre älter sind, aber tänzerisch hoffnungslos unterlegen.
Beide, Sergei und Joy, schließen ihre Ausbildung als Beste ihres Jahrgangs ab. Beide werden als Profis engagiert, er beim Royal Ballet, sie am Bolschoi.
Und dann stürzen sie ab.
Bei Polunin passiert es zuerst: "Royal Ballet ,shocked' by Sergei Polunin resignation", meldet der "Guardian" am 25. Januar 2012. Die Meldung schafft es in die Abendnachrichten, sie geht um die Welt.
Mit 22 Jahren war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, so berühmt, wie man sein kann als Star des Royal Ballet. Alles wie immer: Training, Proben, Auftritte, noch mehr Training. Verglichen mit den Tänzern im Ensemble, die sich Wohnungen teilen müssen, verdiente er als Solist ordentlich: 3500 Pfund im Monat. Aber wenn er Operndiven wie Anna Netrebko sah, die auf derselben Bühne auftraten wie er, fühlte er sich betrogen. Wie sollte er seinen Eltern, deren Ehe zerbrochen ist, Häuser kaufen? Was sollte er noch beweisen?
"Verkauft irgendjemand Heroin??? Ich muss meine Stimmung aufhellen", twitterte er ein paar Wochen vor dem Skandal. Er habe damals "vermutlich alles" genommen, erzählt er, mit Ausnahme von Heroin. Auf LSD fühlte er sich wie ein staunendes Kind, im Kokainrausch glaubte er, besser tanzen zu können. Jenseits der Bühne aber war er fahrig, er stand mit dem Schlüssel vor der Haustür und wusste nicht mehr, wie sie sich öffnen ließ. Manchmal raste sein Herz, und er bekam Angst vor einem Infarkt. "Nur tanzen konnte ich immer", sagt er, "das war einfacher als gehen."
Bis zu einer Probe, bei der nichts mehr klappte. Polunin stürmte aus dem Saal, ins Büro der Ballettdirektorin, und verkündete, dass er nie wieder tanzen werde. Dann tauchte er ab.
Er trieb sich im Londoner Nachtleben herum, was nun? In allen möglichen Blättern erschienen Skandalgeschichten über den "bad boy of ballet". "Ich habe den Journalisten gegeben, was sie wollten", sagt er, "aber ich habe mir selbst geschadet."
Dass er schließlich in Moskau landete, am Stanislawski, ist Zufall. Er traf Igor Selenski, den neuen Direktor des Bayerischen Staatsballetts, der auch künstlerischer Direktor am Stanislawski ist. "Igor hatte keine Angst wegen der Schlagzeilen, er hat sich für mich als Person interessiert", sagt Polunin. Selenski wurde sein Mentor, er gab ihm Sicherheit und ließ ihm Freiräume. Polunin kann hier auftreten, aber auch anderswo, etwa als Gast am Bolschoi. Er ist dankbar, aber immer noch rastlos, auf Sinnsuche. Drogen, sagt er, nehme er nicht mehr.
Gemeinsam mit David LaChapelle und der britischen Produzentin Gabrielle Tana plant er nun eine Art Tanzfilm. Mickey Rourke wird mitmachen, sein Idol aus Kindertagen, und Natalja Ossipowa, seine Freundin: "Wir werden Ballett in die Gegenwart holen", sagt er. Wenn es gut laufe, werde es weitere Projekte mit Tänzern und Schauspielern und Musikern geben, und die Tänzer könnten dadurch endlich berühmt werden, tanzende Werbe- und Filmstars. Er wisse jetzt, dass er Ballett nicht hasse, sagt Polunin. Ein kurzes Lächeln. "Es ist schön, diese eine Sache zu haben, die ich wirklich gut kann."
"Ich wünschte, ich könnte auf Polunins Level tanzen", sagt Joy Womack, "aber ohne die Allüren." Sie lacht auf, Ballett und das Leben sind nicht fair. Alles, wofür sie so hart kämpfen muss, fliegt ihm scheinbar zu. In dieser Woche wird er am Bolschoi die männliche Hauptrolle in "Giselle" tanzen, auf jener Bühne, von der sie immer geträumt hat – und wo sie, als sie sich am Ziel wähnte, krachend gescheitert ist.
Die Schlagzeile der "New York Times" vom 14. November 2013: "Amerikanische Tänzerin verlässt das Bolschoi, klagt über Bestechung".
Die Nachricht platzt in eine Zeit, in der das stolze Theater von einem Skandal erschüttert wird: Ballettchef Sergej Filin ist Opfer eines Säureanschlags geworden und fast erblindet. Immer neue wüste Geschichten über Intrigen, Korruption und schmutzige Geschäfte am Bolschoi kommen ans Licht. Der laute Abgang der Amerikanerin hat gerade noch gefehlt: Ein Jahr lang habe sie vergebens darauf gewartet, Rollen zu bekommen, so erzählt sie es. Dann habe man ihr geraten, "schlauer" zu sein, ihre weiblichen Reize zu nutzen und einen reichen "Sponsor" zu finden, der 10 000 Dollar dafür bezahle, dass sie auftreten dürfe.
Die russische Presse stürzt sich auf sie. Ballett ist für viele Russen, was Fußball für die Brasilianer bedeutet. Was bildet sich eine dahergelaufene Fremde ein, das Nationalheiligtum zu besudeln? "Ich war absolut verzweifelt", sagt Womack, "ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Aber dann kam Petrow und hat mich gerettet."
Andrej Petrow ist der Direktor des Kreml-Balletts. Womack war ihm schon früher aufgefallen, nun bietet er ihr einen Vertrag an, direkt als Primaballerina, eine seltene Auszeichnung. So findet sie hinter den Mauern des Kreml Schutz. "Dort konnte mich niemand mehr angreifen", sagt sie. Tränen steigen ihr in die Augen.
Auch im Kreml muss Womack für große Rollen kämpfen, für ein Gehalt, von dem sie leben kann, und, immer noch, gegen ihre Essstörungen. Einmal in der Woche geht sie zu einem Therapeuten. Mit einer Ernährungswissenschaftlerin hat sie einen Powerriegel für Tänzer entwickelt, der Kraft verleihen soll, ohne dick zu machen.
Vor ein paar Monaten, als sie das Gefühl hatte, in dunklem Nebel zu versinken, begann sie, ihren Alltag zu filmen und Videoblogs auf YouTube zu stellen. Sie sagt, sie wolle alles zeigen, auch das Schlimme, damit sie andere davor beschützen könne.
Es ist Dienstagabend, die andere Aufführung von "Giselle" in dieser Woche. "Bolschoi Teatr" heißt übersetzt "Großes Theater", ein Prachtbau mit weißen Säulen. Damen mit Chaneltäschchen und luftigen Kleidern stöckeln am Arm ihrer Begleiter über den Platz mit den Springbrunnen, die Marmorstufen hoch ins berühmteste Theater des Landes. Dort gibt es Champagner, 25 Euro das Glas, dazu Kaviarhäppchen.
Und dann: Sergei Polunin.
Die Tattoos sind überschminkt, Prinz Albrecht, der Verführer, trägt eine weiße Hose und eine hellbraune Weste. Seine Giselle ist an diesem Abend Swetlana Sacharowa, eine Primaballerina des Bolschoi mit einem Madonnengesicht und langen, geschmeidigen Gliedmaßen.
Sie sind ein explosives Paar, Sergei und Swetlana, ihre Körper sprechen eine Sprache, die andere Tänzer nicht beherrschen. Wo andere springen, fliegen sie, miteinander, gegeneinander, sie lieben und zerstören sich. Polunin tanzt, als wäre sein ganzes, irres Leben nichts als eine Vorbereitung auf diesen Tanz gewesen, auf dieses große Theater, das allem einen Sinn gibt.
Von Samiha Shafy

DER SPIEGEL 44/2015
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