24.10.2015

FilmkritikDie Gezeichneten

Justin Kurzels Shakespeare-Adaption „Macbeth“ erzählt von Machtgier und glaubt dennoch an das Gute im Menschen.
In seinem Drama "Macbeth" verliert William Shakespeare eine seiner Figuren aus den Augen. Es ist Fleance, der Sohn des schottischen Feldherrn Banquo. In der Mitte des Stücks entrinnt der Junge knapp einem Mordanschlag. "Du kannst mein Rächer sein!", ruft ihm sein sterbender Vater noch nach. Der Junge verschwindet aus der Handlung.
Dieser Figur, deren Geschichte Shakespeare nicht zu Ende erzählt, widmet der Regisseur Justin Kurzel das Schlussbild seines "Macbeth"-Films. Er zeigt Fleance im Gegenlicht, wie er sein Schwert in die Höhe reckt. Glaubt nicht an Shakespeares versöhnliches Ende, sagt Kurzel mit diesem Bild. Nichts ist befriedet, das Morden geht weiter, vielleicht bis heute.
Der Australier Kurzel, der bislang Werbespots und einen kleinen Thriller gedreht hat, verfilmt Shakespeare mit dem in Heidelberg geborenen Deutschiren Michael Fassbender in der Titelrolle und der Französin Marion Cotillard als Lady Macbeth. Muss das sein, ein globalisiertes Königsdrama? Nachdem Regisseure wie Orson Welles, Akira Kurosawa oder Roman Polanski aus dem Stoff filmische Meisterwerke geschaffen haben?
Shakespeare erzählt in seinem vermutlich 1606 uraufgeführten Stück von dem schottischen Heerführer Macbeth, der seinen König Duncan ermordete und danach im Jahr 1040 den Thron bestieg. Von seiner Frau, Lady Macbeth, angetrieben und von Gewissensbissen gepeinigt, verliert er in Shakespeares Stück die Kontrolle über sein Reich und fällt dem Wahnsinn anheim.
1948 machte Welles aus dem Stoff ein Exerzitium über männlichen Wankelmut, 1957 feierte Kurosawa Lady Macbeth als starke Frau hinter einem schwachen Mann. 1971 verarbeitete Polanski in seiner blutigen Version den Schock über den Tod seiner Frau Sharon Tate, die 1969 brutal ermordet worden war.
Während die drei Regisseure den Stoff in fremde Welten verlegten, eine schwarz-weiße Pappmascheekulisse, ein mittelalterliches Japan oder eine weite Küstenlandschaft, suchte Kurzel genau die Gegend auf, in der das Stück eigentlich spielt, das neblige und düstere schottische Hochland.
König Duncan (David Thewlis) reist mit seinem Gefolge durch die Gegend wie fahrendes Volk. Sie schlafen in Zelten, mitten in der Landschaft. Bei Shakespeare übernachtet Duncan in der Burg von Macbeth, einem seiner Heerführer. Kurzel dagegen zeigt eine Welt, in der es nirgendwo Schutz gibt.
Ein grimmiger Realismus herrscht in diesem Film. So konsequent wie vielleicht keine Adaption zuvor zeichnet er seinen Titelhelden als Kriegsversehrten. Bei Shakespeare wird Macbeth zu Beginn als tapferer Sieger gefeiert, die Schlacht, die ihn zum Helden gemacht hat, bleibt ausgespart. Kurzel wirft den Zuschauer mitten ins Gemetzel hinein.
Kurzel interessiert an der Vorlage etwas, wofür Shakespeare noch keinen Begriff hatte, wovon er in seinem Stück aber von Anfang bis Ende erzählt: posttraumatische Belastungsstörungen. Kurzel fragt: Was passiert mit Menschen, die getötet haben? "Macbeth" ist ein Film über das Trauma der Täter.
Dabei zeigt sich, wie komplex und modern Shakespeares Figuren sind. Sie sind nicht naiv, sie ahnen, dass sie sich selbst zerstören. Schon vor der Ermordung Duncans malt sich Macbeth aus, wie er später von seiner blutigen Tat eingeholt wird. Kurzel und sein Hauptdarsteller Fassbender machen daraus eine packende Szene über einen Mann, der dem Griff nach der Krone nicht widerstehen kann, obwohl er weiß, dass ihn dies zu einem sehr unglücklichen Menschen machen wird.
Die humorigen Momente des Stücks und die ironischen Volten Shakespeares hat Kurzel weitgehend eliminiert. Mit großem Ernst erzählt er von Seelenqualen, die schlimmer sind als die Torturen der Daumenschraube. Er scheint davon überzeugt, dass es keine gänzlich gewissenlosen Menschen gibt, dass es in jedem von uns einen unzerstörbaren Rest von Moral gibt. Auch wenn einiges gegen diese Sicht der Dinge spricht.
Die Shakespeare-Helden der Gegenwart gehen zynisch über Leichen und werden dadurch nicht im Mindesten im Schritt gehemmt. Der US-Kongressabgeordnete Frank Underwood (Kevin Spacey), Hauptfigur der TV-Serie "House of Cards", ist so einer. Einmal spricht er mit dem Geist eines Mannes, den er ermordet hat, um eines Tages Präsident zu werden. Die Szene beruht auf Shakespeares "Macbeth".
Underwood geht aus der Begegnung mit seinem Opfer gestärkt hervor und wird Vizepräsident. In Kurzels Film bekommt Macbeth das Gesicht des Toten nicht mehr aus dem Kopf und verliert vor seinem Hofstaat die Fassung. Es ist der Anfang seines Untergangs. "Macbeth" ist auf eine sympathische Art idealistisch: ein großes politisches Drama, das es mit dem Zynismus unserer Zeit aufnimmt.
Kinostart: 29. Oktober
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 44/2015
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