12.07.1999

LITERATURSchwarzweißer Trauergast

In seinem grotesken Roman „Picknick auf dem Eis“ nimmt der in der Ukraine lebende Russe Andrej Kurkow die postsowjetische Mafia-Gesellschaft aufs Korn.
Am Anfang war der Pinguin. Ausgerechnet ihn hat sich Viktor ausgesucht, als der örtliche Zoo begann, seine Tiere zu verschenken, weil er sie nicht mehr ernähren konnte. Der Pinguin frißt gefrorenen Fisch, steht meistens hinterm Sofa und starrt auf die Wand. Er ist depressiv. Manchmal legt er seinen Kopf auf Viktors Knie. Manchmal geht Viktor mit ihm spazieren, nachts, einmal um den Neubaublock. Er nennt ihn Mischa.
Viktor hat sich Mischa zugelegt, weil er das Alleinleben satt hatte. Mit Frauen hat der junge Schriftsteller kein Glück. Sie sind ihm unheimlich, "wie Phantome" mal hier, mal da. Und Hunde? Machen zuviel Lärm. Also Mischa. Viktor liebt ihn nicht gerade, aber er fühlt sich verantwortlich, und im Laufe der Zeit wächst tatsächlich so etwas wie eine leise Zuneigung.
Pinguin Mischa ist nur eine Nebenfigur. Aber was für eine! Er watschelt durch diesen unwiderstehlich komischen und spannenden Roman über die postkommunistische Mafia-Gesellschaft Kiews, ein stummer, melancholischer Zeuge des ganz alltäglichen Irrsinns, den Andrej Kurkow in "Picknick auf dem Eis" schnörkellos und leicht und mühelos ausbreitet: ein Krimi und eine Familiengeschichte, ein Buch über rätselhafte Tode, verunglückte Liebesgeschichten, unerwartete Casino-Gewinne und gelassene Abschiede**.
Mittlerweile tapert der schwarzweiße Polarvogel unaufhaltsam und mit überraschendem Erfolg in die deutschen Leseregale. Als Diogenes-Verleger Daniel Keel die ersten Seiten dieses, wie es so schön heißt, "unverlangt eingesandten Manuskripts" gelesen hatte, wußte er: Aus dem Strom betippten Papiers hoffnungsvoller Autoren, der da wöchentlich durch die Verlage fließt, hatte er einen kapitalen Fang gefischt. Nun wird über die Filmrechte verhandelt. Und Keel schwärmt: "So kraftvoll, so lebendig, so komisch hat sich lange kein russischer Autor zu Wort gemeldet - und der Pinguin funktioniert tatsächlich."
Der ist ein genialer Erzähltrick - und wer erst einmal einen Pinguin als Romanfigur akzeptiert hat, nimmt alle anderen haarsträubenden Ereignisse dieser zerfallenden Gesellschaft als das in Kauf, was sie dort sind: als Selbstverständlichkeiten.
* Vor der St.-Michaels-Kathedrale in Kiew.
** Andrej Kurkow: "Picknick auf dem Eis". Aus dem Russischen von Christa Vogel. Diogenes Verlag, Zürich; 288 Seiten; 34,90 Mark.
Viktor zum Beispiel, der arbeitslose Dichter, wird von einem geheimnisvollen Chefredakteur angeheuert, um Nachrufe zu schreiben. Ihm macht die Arbeit Spaß. Er wird gut bezahlt, und die Kurzform liegt ihm. Allerdings: Diejenigen, denen er da Kränze flicht, sind alle noch quicklebendig.
Wer aber schreibt, möchte gern veröffentlicht werden. Wie soll das gehen? Sein Auftraggeber beruhigt ihn: "Du schreibst einfach für die Schublade, wie viele Schriftsteller in der guten alten Sowjetzeit. Aber mit dem Unterschied, daß man deine Texte früher oder später auf jeden Fall drucken wird ... Das kann ich dir garantieren."
Tatsächlich wird das Problem stets auf geheimnisvolle und meist gewalttätige Weise schnell gelöst - sobald Viktor jemanden literarisch beerdigt und das Manuskript abgeliefert hat, stirbt der auch in Wirklichkeit. Viktors Eitelkeit wird befriedigt, und die Zweifel darüber, ob der Preis nicht zu hoch ist, werden mit dem Hinweis zerstreut, daß schließlich jeder mal sterben müsse. Viktor hat gelernt: Auch in den neuen Zeiten ist es ratsam, sich nur um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.
In knappen Strichen zeichnet Kurkow die abenteuerlichsten Schicksale dieses Mörderalltags, und die Pointen setzt er nebenbei. Da ist der Revierpolizist, der sich Fischbein nennt, aber eigentlich Stepanenko heißt. Er hatte sich auf dem Papier zum Juden gemacht, weil er emigrieren wollte. "Dann habe ich erfahren, wie die Emigranten im Ausland leben", vertraut er Viktor bei einem Abendessen an. Nämlich miserabel. "So habe ich beschlossen, hier zu bleiben, und um als Jude nicht unbewaffnet rumzulaufen, bin ich zur Polizei gegangen." So wird, in einem Nebensatz, vom Antisemitismus erzählt, vom Wirtschaftselend, von der Korruption und vom listigen Kampf ums Überleben.
Viktor, der Einzelgänger, wird Vater: Eines Tages steht sein Bekannter Mischa mit seiner Tochter Sonja vor der Tür. Um ihn von dem anderen Mischa, dem Pinguin, zu unterscheiden, heißt dieser Bekannte, na logisch, Mischa-Nicht-Pinguin. Nur für ein paar Tage, so beschwört der Viktor, solle seine Tochter bei ihm wohnen. Aus den Tagen werden Wochen und Monate, bis Viktor von Mischa-Nicht-Pinguins Ableben erfährt: Auch er gehörte jener geheimnisvollen Gesellschaft von Geheimpolizisten an, die sich der "Säuberung des gesellschaftlichen Lebens" verschrieben hat - und damit der Aufgabe, all diejenigen, die ihre Geschäfte stören, zu liquidieren.
All das ist mit nahezu unbewegtem, traurigem Pinguinblick gesehen, behutsam beschrieben, leise wie der stets fallende Schnee und damit um so eindringlicher. Ja, die lebensgefährlichen Turbulenzen finden an der Peripherie dieses Blicks statt, am äußeren Rande des Erzählstroms. Wenn etwa Viktor samt Sonja und Pinguin in einer Datscha am Stadtrand untertauchen muß, weil er umgebracht werden soll, gibt es ein viel ernsteres Problem zu lösen: Wie richtet man unter konspirativen Bedingungen die Silvesterfeier für ein anspruchsvolles Mädchen aus, das Väterchen Frosts Geschenke unter dem geschmückten Baum erwartet?
Es ist ein altkluges Mädchen, etwa so groß wie der Pinguin, das vom Papa mit einem Sack voller Dollarscheine zurückgelassen wurde. Alle sind auf ihre Art Waisen, Vertriebene, Alleingelassene in dieser Geschichte, in der im übrigen Landeswährung nicht existiert - Dollars sind das Zahlungsmittel, für Viktors Artikel ebenso wie für Pinguin Mischa, den die Mafia als Trauergast für ihre Begräbnisse anmietet.
Einen Arztbesuch gibt es ebenso ausschließlich gegen Dollars wie eine Beerdigung oder ein Ticket an die Antarktis. Und dennoch hat man nie den Eindruck, daß sie für den stoischen Viktor mehr bedeuten als schlecht bedrucktes Papier.
Kurkow zeigt in seiner Geschichte, die mit zwingender und haarsträubender Logik auf ein magisches, aberwitziges Finale zuläuft, wie unaufwendig er von den ganz großen Themen erzählen kann - von Liebe und Tod und von der großen Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben.
In einigen Passagen wirkt Kurkows Buch, als verneige sich der Autor vor den großen Phantasten und Satirikern der russischen Literatur; wenn er die graue Vorstadtwirklichkeit mit magischen Verrückungen zum Tanzen bringt, zwinkert er vergnügt Meister Bulgakow zu. Doch der 38jährige hat eine eigene, kraftvolle Stimme. In seiner Jugend, sagt er, habe er Bulgakow verehrt. "Später hielt ich ihn für ein wenig überschätzt."
Andrej Kurkow gehört zu jenen jüngeren osteuropäischen Erzählern, die beide Welten erlebt haben - die kommunistische wie die kapitalistische - und sich von keiner der beiden besonders beeindrucken, gar einschüchtern ließen.
In den alten Zeiten verlegte er seine Texte im Samisdat. Doch auch die Spielregeln der neuen Zeit verstand er auf Anhieb: Für seinen zweiten Roman, eine hintergründige Abrechnung mit der Stalin-Zeit, pumpte er sich 25 000 Dollar zusammen, organisierte Druck und Vertrieb. Auch die Vermarktung nahm er in die eigene Hand: Er plakatierte Kiews Busse mit Werbung für sein Werk, den "Bestseller, über den alle reden", und das, bevor auch nur ein einziges Buch verkauft war. Einige Wochen später konnte er seinen Freunden das Darlehen samt Zinsen zurückzahlen.
In den alten Zeiten hatte Kurkow davon geträumt, als Diplomat im Ausland zu arbeiten, und Sprachen studiert. Mit der Diplomatenkarriere wurde es nichts. Dafür beherrscht er heute elf Sprachen, unter anderem Japanisch. Er schreibt auf russisch, gelegentlich englisch und ukrainisch. Sein Deutsch ist von jener schnellen, rollenden Art, das grammatisch nicht viel Federlesens macht, aber voller Lust auf die farbige Wendung ist - einer wie Kurkow sucht sich das Beste aus allen Welten zusammen.
Seine Biographie besteht aus zielstrebigen Umwegen. Kurkow, geboren in Leningrad, aufgewachsen in Kiew, leistete seinen Militärdienst als Gefängniswärter in Odessa, und er nutzte die Zeit, um fünf Kinderbücher zu schreiben. Danach gab er eine Ingenieurszeitschrift heraus - das Zeitungsmilieu in "Picknick auf dem Eis" ist von einem tatsächlichen Kenner ohne Affigkeiten und Klischees erfaßt. Seinen Unterhalt verdiente er auch danach mit Journalismus, ließ sich aber gleichzeitig in den renommierten Dowschenko-Filmstudios zum Kameramann ausbilden.
Heute ist Kurkow einer der wenigen Autoren aus der Ukraine, die sich wirklich durchgesetzt haben. Einen organisierten Buchmarkt gibt es in der Ukraine so gut wie nicht. "Die Leute lesen allenfalls Krimis oder Ratgeber-Bücher", sagt er. "Von den Buchläden der Sowjetzeit hat nur ein Zehntel überlebt."
Doch Kurkow ist keiner, der darüber jammern würde. Im Gegenteil. Hindernisse spornen ihn an. "Manche meiner Kollegen denken immer noch, der Staat sei dazu da, sie zu verlegen und zu bezahlen, und ihr Job sei es, nur dazusitzen und zu dichten." Er sieht das anders: Bis heute sind 17 Kurkow-Drehbücher verfilmt. Das Skript für den 1997 in Cannes vorgestellten Film "Ein Freund des Verblichenen" wurde mit einer Nominierung für den europäischen Filmpreis Felix bedacht.
Auch seinen Auslandsstart überließ er nicht dem Zufall - er besorgte selber eine englische Kurzfassung seines Romans sowie Leseproben und verschickte sie an 15 Verlage. Der Schweizer Diogenes-Verlag reagierte am schnellsten, faxte einen Vertrag bereits nach drei Wochen und sicherte sich die Weltrechte auch für vier weitere Romane.
Heute logiert Kurkow mit seiner englischen Ehefrau und seinen beiden kleinen Kindern in der Kiewer Innenstadt, in einer geräumigen Wohnung aus der Stalin-Zeit. Er hat es geschafft - er kann von der Schriftstellerei leben. "Ich habe Glück gehabt", sagt er.
Um nicht der einzige zu bleiben, hat er gemeinsam mit seiner Frau den Verlag "Visiting Cards" gegründet, in dem er ukrainische und russische Autoren in englischer und französischer Sprache herausbringt. Doch auch umgekehrt soll es funktionieren. Mit der zweiten Verlagsgründung "Counterflow" (Gegenströmung) will er westliche Autoren dem ukrainischen und russischen Publikum vorstellen.
Kurkow, das ist der Erzähler als Promotor, der Denker als Macher. Und wenn ihm alles zuviel wird, besonders in diesen hektisch-heißen Kiewer Sommertagen, dann ist da immer noch das Modell Mischa: Dann verschwindet er einfach in seiner kleinen Wohnung aus alten Tagen, wo seine Schreibmaschine steht - lautlos und schnell wie ein Pinguin in einem Eisloch in der Stille der Antarktis. MATTHIAS MATUSSEK
* Vor der St.-Michaels-Kathedrale in Kiew. ** Andrej Kurkow: "Picknick auf dem Eis". Aus dem Russischen von Christa Vogel. Diogenes Verlag, Zürich; 288 Seiten; 34,90 Mark.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 28/1999
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