31.10.2015

ÄgyptenTraum des Pharao

Kairo ist eine Metropole außer Kontrolle. In der Wüste soll deshalb eine neue Hauptstadt entstehen – ein Symbol für das Regime von Präsident Sisi. Von Nicola Abé
Die Straße endet jäh. Die Suche nach der neuen Hauptstadt Ägyptens führt in die Wüste, die blassgelb unter diesigem Himmel liegt. In der Mittagshitze rasten Arbeiter vor einem weißen Container. Ein Kran steht herum. Reifenspuren zeichnen den Sand. "Näher kommen Sie nicht ran", sagt Sayyad al Sabagh und deutet in die Ferne, "von hier aus etwa 25 Kilometer nach rechts." Eine Düne wölbt sich am Horizont.
Sabagh ist 60 und seit 24 Jahren Beamter im ägyptischen Bauministerium. Er sitzt in einem roten Pick-up und hält eine Karte in der Hand. "Vierspurig", erzählt er, solle diese Straße einmal sein. Sie werde zum neuen Kairo führen. "Inschallah." Der Asphalt am Boden muss genügen als Beweis. Der Traum hat begonnen. Aussteigen ist verboten. Fotografieren ebenfalls.
Die ägyptische Regierung hat beschlossen, dass sie eine neue Hauptstadt braucht. Östlich der alten soll sie liegen, mitten in der Wüste. "Eine Welthauptstadt", sagte der Bauminister auf einer Konferenz am Roten Meer im März. Investoren aus den Golfstaaten, China und Saudi-Arabien standen um ein Modell herum, bewunderten ein Geschäftsviertel mit Wolkenkratzern im Dubai-Stil, Wohnhäuschen im Grünen und ein Fußballstadion. Auf 700 Quadratkilometer ist die Stadt angelegt, mit einem Flughafen größer als Heathrow. Präsident Abdel Fattah el-Sisi warb persönlich um Gelder. Kürzlich verkündete er: Baubeginn sei im Januar 2016.
Es soll eine Hauptstadt nach den Wünschen der Führungselite werden. Passend vielleicht nicht zum real existierenden Ägypten, aber zu ihrer Zukunftsvision vom Land. Eine geplante und kontrollierbare Stadt, von oben erdacht, so wie die Pharaonen es einst mit den Pyramiden machten. Das neue Kairo soll schön werden. Ein "Innovationszentrum", ökologisch nachhaltig, mit bester Lebensqualität, versprechen die Stadtplaner. Man soll atmen können, ohne husten zu müssen.
Das alte Kairo ist eine hässliche Stadt. Sie beleidigt die Sinne. Schon auf dem Weg vom Flughafen sind die Gebäude schwarz von den Abgasen. Die Kakofonie der Hupen schmerzt in den Ohren. In den Wintermonaten liegt der Smog wie dichter Nebel über dem Nil. Die Stadt leidet unter Thrombosen; abends sind die Straßen wie verstopfte Arterien. Frauen in hohen Schuhen flanieren am Nilufer entlang und lachen. Kairo wird geliebt, obwohl es unerträglich erscheint.
Kairo ist eine Stadt der Widersprüche. Sie ist von unten entstanden, obwohl sie so nicht gewollt war, seit den Sechzigerjahren wild gewachsen, von rund 3,5 auf 18 Millionen Bewohner – gegen jeden Willen der Herrschenden. 11 Millionen Menschen leben in Gebäuden, die als illegal erbaut gelten, auf den Feldern um die Stadt herum entstehen immer neue Wohnviertel, im Inneren wird es immer dichter. Sogar die Grabkammern auf einem der größten Friedhöfe der Stadt sind bewohnt. Kairo ist schmutzig und chaotisch. Und es hat eine Revolution hervorgebracht.
Auf dem Rückweg erklärt Sabagh, der Vertreter des Bauministeriums, ein kleiner Mann mit Kugelschreiber in der Hemdtasche, was das Problem an Kairo sei: "Zu viele Ägypter", sagt er. Je mehr Menschen, desto mehr Ärger. In den kommenden Jahrzehnten werde sich die Zahl auf bis zu 40 Millionen verdoppeln. Deswegen müsste man die Leute auslagern. 5 Millionen sollen in der neuen Hauptstadt wohnen, alle Ministerien und Botschaften umziehen.
Hinter Sisis Vorliebe für Großprojekte steckt ein System. Erst kürzlich wurde mit großem Tamtam ein neuer Suezkanal eingeweiht, in Rekordzeit fertiggestellt. Zwar bezweifeln Wissenschaftler seine Rentabilität. Finanziert wurde er großteils über Staatsanleihen, die Gelder flossen in einen Fonds namens "Lang lebe Ägypten". Der Historiker Khaled Fahmy nennt das "einen Geldtopf für Sisi zum Spielen". Solche Fonds unterlägen keinerlei parlamentarischer Kontrolle. Doch weil die Wirtschaftslage alle Ägypter bedrückt, verschaffen Megaprojekte der Regierung Ansehen und Legitimität.
Das Volk scheint nicht mehr so wichtig in diesem Land, das nach der Revolution in alte Muster zurückgefallen ist. In diesen Wochen finden Parlamentswahlen statt, und keiner geht hin. Die Wahlbeteiligung lag in der ersten Runde zunächst bei 2 Prozent, am Ende dann offiziell bei 27 Prozent. Alle Staatsangestellten bekamen einen halben Tag frei, um zu den Urnen zu gehen. Sisi, der Präsident aus dem Militär, mit einer überragenden Mehrheit ins Amt gewählt, hat das Wahlgesetz verändert. Im neuen Parlament werden zu drei Vierteln Einzelkandidaten sitzen, die als Unabhängige antreten und sich eine Wahlkampagne leisten können. Das begünstigt die reiche, Sisi wohlgesinnte Elite. Wichtige politische Konkurrenten, die Muslimbruderschaft und die revolutionäre Bewegung 6. April, wurden ohnehin verboten.
Die neue Hauptstadt ist deshalb auch Symbol einer Regierungsform – ob sie nun ewig als eine Art unwirkliches Hologramm über dem alten Kairo schwebt oder ob Sisi tatsächlich eines Tages damit anfängt, ein neues Kairo in die Wüste zu pflanzen. Kairo ist eine Stadt des Volkes. Die Idee, einfach von oben eine neue Hauptstadt zu schaffen, passt zur Logik einer Diktatur.
Die Idee, das Land am Reißbrett zu verändern, ist nicht neu. Präsident Sisi bewegt sich damit in einer langen Tradition: Schon seit den Siebzigerjahren bauten die autokratischen Regierungen Satellitenstädte in die Wüste. Sie tragen Namen wie "Sadat-Stadt" oder "Stadt des 6. Oktober", ein "Neu-Kairo" gibt es seit 2000 auch schon. Man glaubte, durch sie alle Probleme lösen zu können. Mehr als 90 Prozent der Ägypter drängen sich im Niltal, besiedeln nur einen Bruchteil des gesamten Landes. Rund ein Viertel der Menschen sollte dort leben, das war der Plan. Doch bis heute sind es weniger als zwei Prozent, so der Kairo-Forscher David Sims. Weil Milliardensummen in diese Projekte fließen, blieb wenig übrig für das alte Kairo.
Der rote Pick-up fährt auf dem Rückweg von der neuen Hauptstadt vorbei an vielen Rohlingen von Bürogebäuden, hier entstehen noch mehr neue Vororte, in die hoffentlich irgendwann mal jemand einziehen soll. "Hyde Park" steht auf Schildern rechts und links der Straße, "Sharouk Gardens" oder "CityGate". Auf Plakaten sind Einkaufszentren zu sehen, palmengesäumte Promenaden. "Urbanes Leben neu definiert", deklariert eine Werbetafel. Doch da sind nur Stücke umzäunten Bodens oder Siedlungen, mit "Zu vermieten"-Schildern davor. Der rote Pick-up fährt durch eine Allee unvollendeter Fantasien.
Stehen denn die Gebäude hier alle leer?
"Die meisten", sagt Sabagh.
Warum ist das so?
"Viele Leute können sich die Häuser nicht leisten. Außerdem wollen sie dort wohnen, wo sie arbeiten. In Kairo."
Worin liegt dann der Sinn einer neuen Hauptstadt?
"Dafür bin ich nicht zuständig", sagt er. Da müsse man weiter oben nachfragen.
Oder weiter unten. In einer schmalen Gasse mitten in der tatsächlichen Hauptstadt sitzt ein Mann auf einem Plastikstuhl. Das Viertel heißt Ramlet Bulak, seinem Ruf nach ist es eines der miesesten im Zentrum Kairos, ein "Slum". Karam Ahmad trinkt Tee und raucht eine Zigarette. Gegenüber liegt seine Eisenwerkstatt, daneben der Hauseingang zu seiner Wohnung. Schon sein Großvater habe hier gewohnt und sein Vater und seine Brüder, jetzt seine Kinder. Ob er sich vorstellen könnte, in die Wüste zu ziehen? "Niemals", sagt Ahmad.
Der Putz bröckelt, die Fenstergitter sind verbogen. Ein Straßenhändler verkauft Obst und Gemüse von einem Eselskarren. "Vielleicht sind die Häuser hier etwas heruntergekommen", sagt Ahmad, "aber ich liebe mein Viertel."
Eine Straße weiter stapeln sich Müllberge in einem Hinterhof. Auf vielen Dächern finden sich Anbauten, aus Platzmangel wachsen die Gebäude nach oben. Die Nachbarn hätten sich untereinander abgesprochen, erklärt Ahmad. Keiner werfe hier einfach Müll auf die Straße. Notfalls nehme er selbst den Besen in die Hand. Inzwischen hat sich eine Menschentraube um ihn gesammelt. "Uns fehlen die einfachsten Dinge", ruft einer aus der Menge, "wir wollen doch nur gute Straßen und Schulen."
Vor allem an den Rändern Kairos wuchern ungeplante, illegale Wohnviertel. Millionen Menschen leben dort. Die Regierung ignoriert sie weitgehend, investiert kaum in die öffentliche Infrastruktur. Zwar haben die meisten der Slumbewohner Strom und Wasser. Andere Dienstleistungen werden aber kaum angeboten, es mangelt bei der Abwasserentsorgung oder der Müllabfuhr. Trotzdem sind die Armengegenden in Kairo nicht vergleichbar mit denen anderer Großstädte, es gibt weniger Kriminalität und weniger Dreck, auch weil die Menschen sich selbst organisieren.
Doch diese Selbstorganisation wird von der Regierung nicht gestärkt, im Gegenteil. Die Kairoer können nicht einmal ihren Bürgermeister wählen – nach dem ägyptischen System wird er von der Regierung bestimmt. "Es gibt nicht zu viele Menschen in Kairo oder zu wenig Geld", sagt der Historiker Khaled Fahmy. Das Problem sei falsches Management von oben und der Mangel an effektiven demokratischen Institutionen. Den Bau einer neuen Hauptstadt hält er für ein Fiasko, das gehe genau in die falsche Richtung. "Die Idee ist Ausdruck der Verachtung für die Leute und die Geschichte der Stadt."
Das neue Kairo soll eine "ökonomische Renaissance" einleiten, so sieht es die Regierung. Vor allem geht es darum, Investitionen ins Land zu holen. Ägypten steckt in einer akuten finanziellen Krise, weil es einen großen Teil seiner Fremdwährungsreserven verbraucht hat. Investitionen dienen der wohlhabenden Klasse, den großen Baukonzernen – und den vielen Firmen des mächtigen Militärs, die mit dicken Aufträgen rechnen können. "Legale Korruption" nennt das Historiker Fahmy. Die Bevölkerung hingegen dürfte wenig profitieren.
Kairo trägt das Revolutionäre in sich. Trotz der repressiven Politik, der Tausenden von Inhaftierten protestieren immer wieder Studenten vor dem Kabinettsgebäude. Obwohl die Menschenmassen, die Trommeln, die Zelte, die politischen Graffiti vom Tahrir-Platz verschwunden sind, bleibt die urbane, wilde, vernetzte Bevölkerung hier bedrohlich für jeden autokratischen Herrscher. Auch deshalb ist der Wüstentraum ein so verführerischer Eskapismus: Sisi braucht eine sichere Stadt, eine kontrollierbare Stadt. Den Moloch Kairo kann er dann sich selbst überlassen.
Am Abend sind die Straßen im Zentrum verstopft von Tausenden Pkw. Der Verkehr ist eines der größten ungelösten Probleme, obwohl nur rund 14 Prozent der Einwohner überhaupt ein privates Auto besitzen. Das öffentliche Transportnetz ist mehr als dürftig. Die Stadt brauchte dringend ein neues U-Bahn-Netz. Doch einen konkreten Plan dazu gibt es nicht.
Der Wachmann schüttelt den Kopf. Der Bauminister ist nicht da, schon seit dem Morgen nicht. Auf Interviewanfragen hat er seit Wochen nicht geantwortet. Ob denn sonst jemand Auskunft geben könne über die neue Hauptstadt? Er ruft einen höheren Beamten an.
"Ich bin nicht autorisiert zu sprechen", lautet die Antwort.
"Ich kann nicht über einen Fisch im Meer reden", sagt der Nächste.
Schließlich erklärt sich die Pressesprecherin des Ministers zu einem Gespräch bereit. Im Innenhof parkt eine Kolonne schwarzer Mercedes. Auf den Gängen streunen Katzen. Das Büro von Wafaa Bakry ist eiskalt. Im heißen Kairo lässt sich am Kühlungsgrad des Büros die Hierarchiestufe ablesen. Sie muss nah dran sein am Minister. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Desinfektionsspray für die Hände.
Bakry windet sich in ihrem Bürosessel. "Die Medien", schimpft sie, "haben alles falsch verstanden." Es gebe noch eine Ausschreibung, gar nichts sei festgelegt. Sie schiebt einen Finger unter ihr rosa Kopftuch und kratzt sich an der Stirn. Rund 40 Milliarden Euro solle das Projekt kosten, in der ersten Phase.
Gibt es denn schon irgendwelche Mittel? "Überhaupt keine bisher", sagt Bakry. Sie habe auch keine Idee, wo die herkommen könnten.
Glaubt sie denn, dass diese Hauptstadt wirklich gebaut wird?
"Absolut. Hundert Prozent. Der Präsident hat es bekannt gegeben. Also wird es passieren."

Twitter: @nicolaabe
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 45/2015
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