31.10.2015

Global VillageFliesen-Detektivin

Eine Museumsdirektorin beschützt Lissabons kulturelles Erbe.
Was bringt man den Liebsten aus Lissabon mit? Hunderttausende Touristen aus aller Welt entscheiden sich für bemalte Kacheln. Azulejos heißen sie, nach dem arabischen Begriff für einen kleinen polierten Stein.
In Portugals Hauptstadt, die 400 Jahre lang zu einem muslimischen Kalifat gehörte, schmücken sie nicht nur Brunnen und Innenhöfe. Historische Tableaus sind allgegenwärtig, an Hauswänden und Kirchen, ja sogar in U-Bahn-Stationen. Deshalb werden die weiß-blau oder bunt glasierten Keramikquadrate in großer Zahl gekauft: Die neuen gibt es billig in Souvenirläden, die besonders leuchtenden alten in Antiquitätengeschäften oder auf dem Flohmarkt, der Feira da Ladra.
Und gegen diesen massenhaften Ausverkauf des kulturellen Erbes ihrer Heimat führt Leonor Sá einen Feldzug. Sie ist eine energische kleine Frau, 57 Jahre alt. "Für uns Portugiesen sind Azulejos so normal, wir sehen sie schon gar nicht mehr", sagt sie. Die Diebe aber kennen den Wert der alten Fliesen, und deshalb hat Sá das Projekt SOS-Azulejo in Gang gebracht. Sie nennt ihre Gegner ironisch "Freunde fremden Eigentums".
Leonor Sá ist selbst in einer Klinik der Lissabonner Altstadt mit blau-rosa gefliesten Mauern geboren, dort hat sie auch ihre Töchter zur Welt gebracht. Sie sagt, sie ertrage es einfach nicht, dieses Erbe zerstört zu sehen. Sie führt ihren Kampf seit acht Jahren. Eigentlich ist sie Philologin, sie hat über Franz Kafka geschrieben, heute arbeitet sie als Direktorin des Museums der Kriminalpolizei.
Als sich nach der Jahrtausendwende bei der Polizei die Anzeigen von Hausbesitzern wegen Kachelraubs mehrten, stellte Leonor Sá 2007 die Website Sosazulejo.com ins Netz. Sie suchte sich Partner bei der Polizei und bei Universitäten. Dann begann sie, Fotos gestohlener Kachelbilder zu veröffentlichen und Informationen über Künstler und Herkunftsorte hinzuzufügen.
Als Erster meldete sich damals ein Antiquitätenhändler. Er hatte entdeckt, dass eine Darstellung des Seefahrers Vasco da Gama in seinem Laden aus dem berühmten Palácio da Rosa stammte. Die Fliesen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom italienischen Künstler Leopoldo Battistini gemalt, kehrten zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück.
Wenn Leonor Sá, in kachelblaue Hosen gekleidet, das morsche Holztor zum Palácio da Rosa aufschließt, bietet sich ein desolates Bild: Im Hof wuchert Unkraut auf einem Schutthaufen. Der Palast wurde nach dem Erdbeben von 1755 neu aufgebaut, bekannte Adelsfamilien ließen ihn um die Wende zum 20. Jahrhundert opulent ausstatten, mit historischen Darstellungen im Innenhof und in den Prunkräumen im ersten Stock.
Heute sind die monumentalen Azulejo-Bilder, die ursprünglich die Außenmauern zum Hof zierten, stark beschädigt oder fehlen ganz. Nur die leeren quadratischen Umrisse sind noch da. Auch in den Treppenhäusern wurden die Fliesen abgeschlagen, Splitter alter Kacheln liegen auf den Stufen. Im Salon des Obergeschosses ist allein die Umrandung der gekachelten Adeligenporträts erhalten.
Was mit den Azulejos aus dem Palast im Herzen der Altstadt geschehen sei, sagt Leonor Sá, sei typisch für Lissabon: Das historische Erbe werde hier wie überall im Land vernachlässigt. Das Gebäude stand jahrelang leer. Drogenabhängige und Kleinkriminelle konnten die gemusterten Fliesen, die sich so leicht verkaufen lassen, einfach herausholen.
Es gebe aber auch organisierte Banden, sagt Sá, die ganze Historienbilder stählen. Ermittlungen der Kriminalpolizei hätten ergeben, dass sie unbewachte Gebäude gezielt ausspähten. Danach schafften sie die Kacheln direkt ins Ausland.
Trotzdem kann sie zufrieden sein mit der Arbeit von SOS-Azulejo. Bis 2013 sanken die Diebstähle wertvoller gefliester Wandgemälde um 80 Prozent. Museen und seriöse Antiquitätenhändler schreckten vor dem Ankauf von Ware zurück, die im Internet als gestohlen gemeldet war. Die Diebe waren über die Hehler überdies leicht zurückzuverfolgen.
In den vergangenen zwei Jahren allerdings, während der Wirtschaftskrise, verschwanden wieder mehr Kacheln, besonders einfach gemusterte. Die gibt es überall im Land. Deshalb können Händler leicht behaupten, sie hätten sie nach einem Gebäudeabriss legal erworben.
Leonor Sá und ihre Mitstreiter haben nun bei der Stadt erwirkt, dass in Lissabon gekachelte Fassaden nicht mehr zerstört werden dürfen. Außerdem haben sie dem Parlament ein Gesetz zum Schutz der Fliesen vorgeschlagen: Damit würde das Verbot der Hauptstadt landesweit gelten. Auch ein teilweise leer stehendes Krankenhaus wird nun bewacht, in dessen Kapelle und Bädern sich wertvolle Fliesen befinden. Und die Regierung will die Kachelfassaden ins Unesco-Weltkulturerbe aufnehmen lassen. An die Touristen hat Sá ebenfalls gedacht: Sie sollen besser informiert werden – und lieber gut gemachte Kopien verschenken.
"Die Mentalität der Portugiesen muss sich ändern", sagt sie. "Sie sollen wieder stolz auf ihr Erbe sein."
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 45/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Fliesen-Detektivin

Video 01:07

New Orleans Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt

  • Video "Konzernchef aus Schweden: Ich habe einen Chip in meiner linken Hand" Video 01:52
    Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Video "50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie" Video 05:00
    50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie
  • Video "Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm" Video 01:01
    Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm
  • Video "19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet" Video 02:15
    19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet
  • Video "3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge" Video 01:10
    3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus
  • Video "Videoanalyse nach dem Super Saturday: Die Nerven liegen blank" Video 01:43
    Videoanalyse nach dem "Super Saturday": "Die Nerven liegen blank"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll" Video 04:23
    Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt" Video 01:07
    New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt