31.10.2015

FilmIn Düsternis versunken

Das neue oo7-Abenteuer „Spectre“
Kann das sein? Darf das sein? James Bond hat es nötig, eine Frau betrunken zu machen, um sie ins Bett zu bekommen? Im neuen Bond-Film "Spectre", dem 24. der Reihe, der am 5. November ins Kino kommt, hält 007 einer blonden Schönheit eine Flasche Schnaps hin. Sie winkt angewidert ab. Später stellt er ihr einen Wodka Martini hin. Bond steigt herab in die Niederungen der Männlichkeit und greift zu den billigen Tricks von Otto Normalverführern.
Der vorige Film der Serie hieß "Skyfall". Niemand konnte ahnen, dass 007 so tief fallen würde. Regisseur Sam Mendes setzt in "Spectre" ein Projekt fort, das er vor drei Jahren mit "Skyfall" begonnen hat. Er versucht, aus dem Superagenten einen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, einen Mann mit Komplexen und Neurosen. Nun blicken die Zuschauer auf 007 herab und freuen sich, dass es ihnen besser geht als ihm.
"Spectre" beginnt in Mexico City, wo Bond (Daniel Craig) einen Terroranschlag verhindert. Dann führt ihn die Reise über London und Rom in die österreichischen Alpen und von dort nach Marokko. Richtig in Fahrt kommt "Spectre" nie, denn er ist überladen mit Anspielungen auf frühere Bond-Filme und konfrontiert seinen Helden auf Schritt und Tritt mit der Vergangenheit.
Nach rund zwei Dritteln kommt die Handlung fast zum Erliegen. Bond und seine blonde Gefährtin rumpeln in einem wunderschönen, aber sehr langsamen Zug durch Marokko. Mitten in der Wüste steigen sie aus und – warten. Auf einmal fühlt sich der Zuschauer wie in einem europäischen Kunstfilm, in dem sich von Sinnkrisen gebeutelte Menschen im Nirgendwo bedeutungsvoll anschweigen.
Für einen guten Bond-Film braucht es aber keinen Autorenfilmer, sondern eher einen Autorennfilmer. Action scheint Mendes allerdings fremd zu sein. Eine Verfolgungsjagd durch Rom wirkt in "Spectre" so, als hätte der Denkmalschutzbeauftragte der Stadt Regie geführt. Bond-Filme funktionieren wie Zirkusshows, und fast jede Nummer in "Spectre" hat man in vorherigen Filmen der Serie schon besser gesehen.
Statt unbeschwerten Vergnügens herrscht angestrengte Ernsthaftigkeit. Die Schauspielerinnen Monica Bellucci und Léa Seydoux, die Mendes als Bond-Girls ausgewählt hat, sind sehr schöne Frauen. Aber sie lächeln nur, wenn Weihnachten gleich zweimal im Jahr stattfindet. Fast wehmütig erinnert sich der 007-Fan an das strahlend weiße Gebiss der unbedarften Denise Richards in dem Bond-Film "Die Welt ist nicht genug".
In "Spectre" darf so gut wie nichts strahlen, alles soll in Düsternis versinken. Einige der Szenen, die bisweilen fast schwarz-weiß wirken, sind sehr stimmungsvoll. Doch wenn selbst das Blut nicht mehr rot leuchtet, schleichen sich Zweifel ein. Bond, gefilmt durch einen Trauerflor – muss das sein, ausgerechnet im Herbst, wenn die Tage immer kürzer werden?
Christoph Waltz, der in "Spectre" den Bösewicht Franz Oberhauser spielt, taucht im Film früh auf, ist dann aber mehr als eine Stunde lang nicht mehr zu sehen. Das liegt nicht an der Dunkelheit. Waltz wird aus dem Film verbannt, weil er ein Schauspieler ist, der gute Laune verbreitet.
Natürlich kommt es am Ende des Films zum Duell zwischen den beiden Widersachern. Es ist eine ungewöhnliche Konfrontation für einen Bond-Film: Oberhauser versucht, in den Kopf von 007 einzudringen, seine Psyche zu zerstören und seine Erinnerungen auszulöschen. Keine schlechte Idee. Vielleicht wäre Bond danach endlich wieder der Alte.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 45/2015
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