07.11.2015

BildungTatort Universität

Eine Hochschule bietet einen Master in Kriminalistik an. Nun hegen einige angehende Ermittler den Verdacht, dass sie geblendet wurden.
Stephanie Arndt, 46, ist ein ehrgeiziger Mensch. Sie hat einen Master in Marketing, einen Doktortitel in Medizin und ist Leutnant zur See. Vor zwei Jahren entschied sie sich, ihrem Lebenslauf einen weiteren Abschluss hinzuzufügen: in Kriminalistik.
Der neue Masterstudiengang "Criminal Investigation" an der privaten Steinbeis-Hochschule in Berlin klang vielversprechend. Studierende würden in kleinen Gruppen "umfassend in Fachdisziplinen wie Kriminalstrategie, Kriminaltaktik, IT-Forensik" fortgebildet, so steht es auf der Internetseite, sie lernten "mit Fallstudien und Simulationen die Besonderheiten des kriminalistischen Case Management kennen". Auf der Dozentenliste: Juraprofessoren, ein Oberstaatsanwalt, ein ehemaliger Chef von Europol.
Die Gebühren für den berufsbegleitenden Studiengang, 29 000 Euro für vier Semester, fand Arndt zwar happig. Doch Qualität habe nun mal ihren Preis, dachte sie. Mittlerweile fühlt sie sich allerdings wie im falschen Kriminalfilm. Studenten hegen den Verdacht, dass sie geblendet wurden, die Hochschule hingegen sieht sich zu Unrecht verdächtigt. Der Master wäre mindestens ein guter Stoff für angehende Ermittler, um die Besonderheiten des deutschen Hochschulrechts kennenzulernen.
Jeder neue Studiengang braucht eine Akkreditierung, so haben es die Kultusminister vereinbart, eine Art TÜV-Siegel fürs Akademische. In Berlin, dem Sitz der Steinbeis-Hochschule, sind Studiengänge nach Auskunft des Senats "mit Aufnahme des Studienbetriebes nach Möglichkeit unverzüglich zu akkreditieren". Doch drei Jahre nach dem Start fehlt dem Kriminalistik-Master noch immer das Gütesiegel.
Ein Desaster vor allem für die Studenten aus dem öffentlichen Dienst, an die sich der Studiengang explizit auch richtet. Mit dem Masterabschluss könnten sie in den höheren Dienst eintreten und mehr verdienen – doch das geht nur mit Akkreditierung. "Finanziell ist das eine Katastrophe", sagt eine Studentin, die als Beamtin arbeitet. Sie habe ihre Mutter angepumpt, um das teure Studium antreten zu können. Kommilitonen hätten Kredite aufgenommen oder ihre Ersparnisse geplündert.
Um die Akkreditierung bemüht sich die Hochschule erst seit einem guten halben Jahr, und das bislang ohne Erfolg: Das Verfahren bei einer der zuständigen Agenturen stockt. Dort beurteilen Gutachter und Akkreditierungskommission, in der hauptsächlich Professoren sitzen, die Anträge. Im Fall des Kriminalistik-Masters stellten sie so viele Mängel fest, dass sie das Verfahren aussetzten.
Die Gutachter vermissen neben Formalitäten wie einem Gleichstellungskonzept vor allem einen nachvollziehbaren Studiengangsplan und einen roten Faden bei den Inhalten; für welche Tätigkeiten der Abschluss qualifiziere, sei nicht klar erkennbar. Das klingt, als hielten sie den Master für eine Mogelpackung. "So etwas passiert vielleicht in einem von hundert Fällen", heißt es beim Akkreditierungsrat, der die Qualitätsstandards festlegt.
Stephanie Arndt wundert sich darüber nicht. In einem Seminar habe es vorab weder Skripte noch Literaturlisten gegeben, auch sei das Bibliotheksangebot mit Fachliteratur ssehr dürftig. Die Erstellung sogenannter Transferarbeiten sei deshalb schwierig gewesen, obwohl diese laut Arndt ohnehin nur drei bis fünf Seiten umfassen sollten. Die Hochschule widerspricht und betont, neben einer Präsenz- und Onlinebibliothek "auch via Intranet Zugang zu den notwendigen Seminarunterlagen und zu Fachliteratur" zu bieten.
Die Studenten hatten sich möglicherweise davon verführen lassen, dass die Hochschule einen "staatlich anerkannten" Abschluss anpries. Staatlich anerkannt ist ein akademischer Grad dann, wenn eine staatlich anerkannte Hochschule ihn verleiht. Das trifft auf die Steinbeis-Universität zu. Über die Qualität eines einzelnen Studiengangs sagt es aber: gar nichts.
Gleich zwei Kriminalisten-Vereinigungen hatten für den zweifelhaften Studiengang geworben, der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) und die Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik. Von den Qualitätsmängeln habe der BDK erst in diesem Herbst erfahren, sagt Vorstandsmitglied Sebastian Fiedler, man werde die Zusammenarbeit mit der Hochschule nun "noch einmal überdenken".
Erhält ein Studiengang keine Akkreditierung, darf er keine neuen Studierenden mehr aufnehmen. Der Start des Masterjahrgangs 2015 wurde nun auf März 2016 verlegt. Dass es einen Zusammenhang zum Akkreditierungsverfahren gibt, bestreitet die Studiengangsleitung. Die aktuell Eingeschriebenen versuchen zu retten, was zu retten ist. Sollte der Studiengang doch noch das Siegel erhalten, dürfen die Studierenden die letzte Prüfungsleistung noch nicht abgelegt haben.
Die Institutsleiterin, Birgit Galley, gibt sich "optimistisch, diesen Studiengang noch in diesem Jahr zur Akkreditierung bringen zu können". Die Hochschule befinde sich "in intensiven Gesprächen über die Akkreditierung des Studiengangs", der übrigens allen Ansprüchen genüge: Die Anforderungen an die schriftlichen Arbeiten bewegten sich "in dem üblichen akademischen Rahmen".
Nur ein Kandidat hat das Studium bisher erfolgreich beendet: ein Strafverteidiger, der die Akkreditierung in seinem Berufsalltag nicht braucht. Stephanie Arndt hingegen wird die Hochschule vorzeitig und ohne Master verlassen. "Schade um das Geld", sagt sie. "Aber auf diesen Abschluss kann ich verzichten."
E-Mail: miriam_olbrisch@spiegel.de, Twitter: @olbi
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.
Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 46/2015
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