07.11.2015

KommentarCosì fan tutte

Wie Wissenschaftsverlage die Uni-Bibliotheken schröpfen
Kaum zu glauben: Die Journale, in denen Wissenschaftler ihre Fachartikel veröffentlichen, können sie selbst oft gar nicht lesen. Ihren Unis fehlt das Geld für ein Abo. Klingt wie ein Scherz, ist aber in der akademischen Welt zum Problem geworden. Selbst die Bibliothekare der reichen Harvard University klagten schon, dass viele Fachzeitschriften unerschwinglich seien: Ein einziges Abo kostet teils über 30 000 Euro. Der Grund: Ein paar Verlagskonzerne weiden die Uni-Bibliotheken hemmungslos aus, sie haben ein Oligopol errichtet. Der Markt, so warnte unlängst die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, sei intransparent, statt Einzelabos würden den Bibliotheken meist ganze Bündel an Zeitschriften aufgedrängt. Konzerne wie Reed Elsevier schröpfen auf diese Weise auch die Steuerzahler und fahren teilweise, während bei vielen Unis gekürzt wird, Renditen von mehr als 30 Prozent ein. Das sei gerechtfertigt, argumentieren Verleger, denn die Konkurrenz verlange schließlich ähnliche Preise. Così fan tutte, so machen es alle, wir also auch. Nun kommt es zum Eklat: Das 37-köpfige Redaktionsteam von "Lingua", einer renommierten Fachzeitschrift für Linguistik, ist unter Protest zurückgetreten. Zuvor hatten die Redakteure mit Elsevier verhandelt, um ihr Journal günstiger anbieten zu dürfen – vergebens. Ab Januar will die Redaktion mit Sitz in den Niederlanden ein neues Journal namens "Glossa" starten, das im Netz komplett frei zugänglich ist nach dem Prinzip "Fair Open Access", finanziert durch Stiftungen und Druckkostenzuschüsse. Man fragt sich, wieso die Geisteselite so lange gebraucht hat, um die Tricks der Konzerne zu durchschauen – und etwas dagegen zu tun. Doch jetzt fordert die League of European Research Universities: "Weihnachten ist vorbei. Forschungsgelder sollten in die Forschung gehen, nicht an Verlage."

DER SPIEGEL 46/2015
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