07.11.2015

Identität„In welcher Wolke ist Mama?“

Sie wuchsen ohne Eltern auf und ohne Hoffnung: die „Wolfskinder“, junge Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Litauen verloren gingen. Historiker erforschen an ihnen das Trauma von Flucht und Verlust.
Es war April. "Der Tag war schön", sagt sie, "viel Sonne." Ihre Schuhe waren kaputt, die Strümpfe auch. "Ich dachte mir, oh, es ist Sommer, ich schmeiße alles weg." Aber abends, sagt sie, "war nur noch Wind und Frost".
Ein Junge lief mit ihr, durch den Wald und die Felder, einmal ließen sie sich mit einem Boot über die Memel fahren. Der Junge war älter als sie, zwölf, sie selbst war elf und sah aus wie sieben. Und sie weinte, weil sie ihren Bruder verloren hatte in den Tagen davor. Sie hatte sich umgedreht nach ihm, er war weg gewesen, einfach weg. Und da rannte sie nun diesem anderen Jungen hinterher, der wollte das Essen nicht teilen, versteckte sich vor ihr.
Heute, fast 70 Jahre später, versteht sie das.
Sie waren barfuß und hatten Läuse. So kamen sie an ein Haus. Die Frau dort wollte sie wegschicken, doch der Mann holte ein Fass und füllte es mit Wasser. Er machte ein Feuer. Und die Frau steckte sie dann ins Fass und wusch sie, schnitt ihr die Zöpfe ab und warf die Haare in die Flammen.
Den Jungen schickten die Leute weg. Zwei Kinder könnten sie nicht aufnehmen. Sie selbst blieb. Für Jahrzehnte.
Dieser Tag im April – das muss im Jahr 1946 gewesen sein, aber so genau weiß sie es nicht. Den Jungen, von dem sie erzählt, hat sie nie wiedergesehen. Und den Bruder? Erst 40 Jahre später. Und den eigenen Vater? Einmal noch, mehr als 30 Jahre später. Und die Mutter? "In die Wolken habe ich geguckt. In welcher Wolke ist meine Mama?"
Erika Smetonus war ein "Wolfskind". Der Begriff wurde geprägt für Kinder, die ohne menschlichen Kontakt aufgewachsen sind, ohne Sprache. Doch die historische Forschung wendet ihn in neuerer Zeit auf deutsche Kinder an, die nach dem Krieg vor 70 Jahren in Litauen verloren gingen. Diese Kinder wuchsen ohne Vater, ohne Mutter, ohne Schwester und Bruder auf, ihre Heimat war zerstört: das nördliche Ostpreußen, die Dörfer dort und die Stadt Königsberg.
Deutsche waren zu Flüchtlingen geworden in dieser Zeit.
Viele schafften es damals, in den Westen zu kommen, die Wolfskinder aber blieben zurück. Sie liefen nach Litauen, um dort zu betteln. Sie hatten Hunger, "immer Hunger", sagt Erika Smetonus.
Etwa 5000 Wolfskinder hat es gegeben. Sie haben ihre Verwandten kaum mehr suchen können, ihre Familien waren fort, hinausgetrieben aus Königsberg, das jetzt Kaliningrad hieß und eine sowjetische Stadt geworden war. Und dann schloss sich der Eiserne Vorhang. Europa teilte sich in zwei Blöcke. Die Wolfskinder blieben in Litauen.
Wie entwickeln sich Kinder ohne Eltern? Welche Erzählung finden sie von ihrem Leben, wenn doch die eine Erzählung üblich ist: die über Vater und Mutter. Was bewirkt es, keine Wurzeln zu haben?
Das Schicksal der Wolfskinder vollzog sich zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, es ist kaum zu vergleichen mit dem heutiger Kinder. Und doch lässt sich an ihnen erkennen, was aus einem Leben werden kann, wenn es mit einer Flucht beginnt.
Der Historiker Christopher Spatz hat im Mai an der Humboldt-Universität in Berlin seine Doktorarbeit abgeschlossen; er forschte über "Identität und Identitätswandel ostpreußischer Wolfskinder in der deutschen Gesellschaft" und hat dafür 50 Fälle untersucht.
Erika Smetonus war ein solcher Fall, 79 Jahre alt ist sie jetzt, sie lebt in Diepholz in Niedersachsen. Klaus Weiß war ein anderer, er lebt in Pattensen in der Nähe von Hannover und ist 78 Jahre alt. Beide haben sich bereit erklärt, ihre Geschichte noch einmal zu erzählen.
Klaus Weiß bittet an einen Wohnzimmertisch, in den Händen hält er ein Schulheft. Er hat sich Notizen zu seinem Leben gemacht, sie sollen ihm helfen, durch das Interview zu kommen – er fürchtet sich vor den Bildern, die in ihm aufsteigen, vor den Tränen, die ihm kommen werden: "Es ist nicht leicht, wissen Sie?"
Seine Erzählung setzt in den letzten Monaten des Krieges ein. Wenn er von sich selbst redet, dann sagt er oft "der Klaus". Gleich am Anfang fällt ein merkwürdiger Satz: "Ich weiß nicht genau, wann das war, die Erwachsenen wissen, wann Königsberg bombardiert worden ist." Aus ihm spricht das Kind, das er gewesen ist; das will er damit sagen.
Folgt man den Erkenntnissen des Historikers, ist es typisch für ein Wolfskind, mit dieser Distanz auf sich selbst zu sehen. Die meisten von ihnen hatten jahrzehntelang niemanden, mit dem sie reden konnten, niemanden, der ihre Erfahrungen geteilt hat. Sie waren "umschlossen", schreibt Spatz, von "Erinnerungseinsamkeit". Gerade deswegen halten Historiker und Gedächtnisforscher die Erzählungen von Wolfskindern für besonders authentisch. Ihre Geschichten sind kaum verfälscht durch ständiges Wiederholen, durch Erlebnisse anderer.
An seine Eltern kann sich Klaus Weiß nicht entsinnen, als Erwachsener hat er erfahren, dass sie in den frühen Vierzigerjahren ins KZ Mauthausen gekommen sind; der Vater starb dort.
Er kam zu einer "Frau Erna" in Pflege. Im August 1944 war Königsberg verheerend bombardiert worden, Frau Erna nahm ihn und ihr neugeborenes Kind mit auf die Flucht Richtung Westen.
Und auf diesem Treck "haben die Frauen etwas erlebt". Frau Erna wurde herausgerissen aus einer Gruppe. "Frau komm", hätten sie gesagt, diese Männer, die er "die Russen" nennt. Und dann haben sie die Frauen vergewaltigt. Die Frauen hätten sich ihr Gesicht zerkratzt und Speichel aus dem Mund fließen lassen, genützt habe das nichts.
Klaus Weiß erzählt auch freundliche Geschichten von den Soldaten der Roten Armee. Die eigentliche Schuld liegt für ihn bei den Nazi-Deutschen, die das Elend verursacht haben.
Auf der Flucht Richtung Westen, im Januar 1945 muss das gewesen sein, hörten Klaus und die Frau Erna, dass auf der Ostsee ein Schiff untergegangen ist, die "Gustloff", mehr als 9000 Menschen waren umgekommen. Sie beschlossen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren.
Sie übernachteten in einer Kirche, dicht neben ihnen lag ein alter Mann. Als Klaus Weiß am nächsten Morgen aufwachte, sah er Läuse, die weg von dem alten Mann liefen und hin zu ihm. Da wusste er, dass der Mann tot war. "Läuse mögen keine Leichen." Teilnahmslos spielte er mit den Läusen, ließ sie auf sich zulaufen, schob sie wieder weg.
Am selben Morgen sei die Frau Erna von sowjetischen Soldaten gezwungen worden, auf dem Feld zu arbeiten. Sie habe bei ihrem Baby bleiben wollen, es aber einer alten Frau überlassen müssen. "Am Abend, als die Frau Erna vom Feld kam, war es tot", sagt Klaus Weiß. Damals habe er kaum etwas gespürt, und die Frau Erna wohl auch nicht: "Der Mensch in so einer Zeit ist ganz anders, der hat so viel gesehen."
Und der Mensch hat Hunger in so einer Zeit, das sagt Klaus Weiß immer wieder. Diejenigen, die im halb verlassenen Königsberger Gebiet zurückgeblieben waren, aßen, was sie vorfanden. Sie töteten Hunde und Katzen, rissen das Fleisch aus Pferdekadavern, suchten am Strand Muscheln und Krebse, aßen Frösche, Igel, Brennnesseln, Sauerampfer, Baumrinde. Viele wurden schwach, starben an Typhus.
Dörfer waren verlassen, nun streunten die Kinder dort herum, schlugen Türen und Fenster entzwei, um an Brennholz zu kommen. Leichen stapelten sich auf Feldern und in Schweineställen, auf Dachböden baumelten Strangulierte.
Die Kinder merkten, dass sich die Erwachsenen veränderten, dass sie ihre Stärke und die Gewissheiten von früher verloren hatten. Sie sahen, dass Frauen sich nun prostituierten, um an Essen für sich und die Kinder zu kommen. Sie sahen auch, dass Mütter schwanger waren, obwohl die Väter doch im Krieg geblieben waren, und sie wunderten sich, wenn sie die Babys dann manchmal nicht zu sehen bekamen. Eine Zeitzeugin, die Historiker Spatz befragt hat, erinnert sich an einen Misthaufen, aus dem die Hand eines Neugeborenen herausragte.
Auch die Frau Erna, erzählt Klaus Weiß, "hat dafür gesorgt, dass wir am Leben geblieben sind, hat sich an so einen Fischer verkauft, da haben wir ab und zu einen Dorsch gekriegt".
Zurück im Heimatdorf übergab Frau Erna den Jungen seiner leiblichen Tante. Er hatte gar nicht gewusst, dass es diese Tante überhaupt gab, und auch nicht, dass da zwei Mädchen lebten, die seine Schwestern waren. "Für mich war das alles wie vom Himmel gefallen."
Die Tante schickte ihn und die Schwestern los nach Litauen, Essen holen. Die Kinder kamen in eine litauische Grenzstadt, die noch einen deutschen Namen trug, Heydekrug. Dort war Markt. Klaus sah die Ferkel, die Brote, die Kuchen, auf einem Tisch stapelte sich Gebäck, "Zuckerbolschen". Er schnappte sich ein Stück, lief weg. "Vagis, Vagis", riefen sie hinter ihm her, Dieb. Das war das erste litauische Wort, das er verstand.
Es störte ihn nicht, dass er seine Schwestern nicht mehr sah, "ich kannte die ja gar nicht". Er lief nicht zurück zur Tante, sondern weiter ins Land hinein, ließ sich mitnehmen von Pferdefuhrwerken, manchmal traf er auf andere deutsche Kinder. Auch sie vagabundierten von Hof zu Hof, bettelten, suchten einen Schlafplatz.
Die Wolfskinder blieben als Knechte und Mägde oder angenommene Kinder oder ewige Streuner, einige waren längst verwaist, andere wollten ihren schwachen Müttern nicht mehr zur Last fallen, manche versteckten sich sogar vor ihren Verwandten, wenn die sie suchen kamen. Sie wollten nicht wieder dahin, wo der Hungertod wartete. In den Jahren 1947 und 1948 wurden die letzten Deutschen aus Kaliningrad herausgeschafft. Nun gab es kein Zurück.
Klaus Weiß traf auf eine litauische Bauersfrau. Die suchte ein Pflegekind, weil ihr eigener Sohn nach Sibirien deportiert worden war. Die Frau war fromm und dachte sich, dass der Herrgott ihren Sohn schon heil zurückbringen werde, wenn sie sich um den kleinen Deutschen kümmerte. "So kam es dann auch."
Seine Pflegemutter gab ihm das erste Mal "satt" zu essen, so nennt er das, einen süßen Brei, den er mit einem Holzlöffel aß. Er erzählt, wie er die Schüssel ganz leer gegessen hatte und wie die Pflegemutter ihn dann fragte, ob er noch mehr möchte.
Klaus Weiß springt jetzt auf, er läuft zum Fenster, sieht hinaus, seine Schultern zucken, er bedeckt sein Gesicht mit einem Taschentuch. Immer wieder sagt er diese Worte ins Taschentuch: "Sie hat mich wirklich gefragt: ,Willst du noch mehr?'"
Fast 20 Jahre lang blieb er bei der Pflegefamilie, wurde mit ihr nach Sibirien deportiert. Die deutsche Sprache hatte er schon bald vergessen, er sprach jetzt Litauisch, in Sibirien Russisch.
1951, 15 Jahre bevor Klaus Weiß Litauen verließ, waren etwa 3300 Wolfskinder in die DDR gekommen, in Lager. Einige landeten auch in der Bundesrepublik. In Archivunterlagen verschiedener Quarantänelager der DDR finden sich Akten mit Notizen von Lehrern. Sie haben sich gewundert über ihre Schüler. Durch das Vagabundieren seien die Kinder "sittlich und moralisch heruntergekommen", aber "ich bin der festen Überzeugung, dass aus 90 Prozent der Jugendlichen noch tüchtige und wertvolle Menschen werden. Es steckt ein ungeheurer Lebenswille in diesen jungen Menschen, der, in richtige Bahnen gelenkt, bestimmt gute Früchte zeitigen wird".
Die meisten Wolfskinder verließen Litauen Ende der Fünfzigerjahre, andere kehrten dem Land in den Jahrzehnten darauf den Rücken, einige erst im Alter, in den Neunzigerjahren, als der Eiserne Vorhang verschwunden war.
In den Fünfzigerjahren bekam Klaus Post: "Mein lieber Sohn, komm her." Seine Mutter hatte ihn übers Rote Kreuz aufgespürt. Sie schrieb ihm immer wieder. Und doch blieb sie ihm fremd, vor allem, weil sie sich nie bei seiner Pflegemutter bedankte, nie Grüße ausrichtete. Bis heute ist er "ganz entsetzt und traurig" darüber. Sie starb 1960, bevor er ausreisen konnte.
Klaus Weiß kam 1966 in ein Land, das er nie zuvor gesehen hatte, das aber als seine Heimat galt. In Litauen, in Sibirien war er der Deutsche geblieben, irgendwann wollte er das auch sein, ein Deutscher. Eine andere Erzählung hatte er nicht von seinem Leben.
Er fand Arbeit, als Dreher, abends ging er auf die Schule, einige Zeit später kam er zur Bahn, noch später zur Polizei, er wurde Beamter, heiratete eine Frau, die aus dem Memelland stammt, einer Gegend im heutigen Litauen. Sie bauten ein Haus, bekamen zwei Söhne, "und die durften sich, wenn wir in die Bäckerei gingen, immer die schönsten Stücke aussuchen".
Er hat manches erreicht, aber geschenkt, das betont er, wurde ihm nichts. "So einfach ist das nicht, ankommen. Man muss schon etwas tun, sich anstrengen."
So geht es auch anderen Wolfskindern. Sich anstrengen müssen, um anzukommen. Die Wolfskinder wissen, dass da etwas ist, "in mir drin", so drückt es Klaus Weiß aus, das ihnen geholfen hatte zu überleben: Stärke, Ausdauer, Anpassungsvermögen.
Sie haben sich vor allem auf sich selbst verlassen. Es war aber kein echtes Selbstvertrauen, das sie da ausgebildet hatten, es war eine Art seelisches Gerüst.
Wissenschaftler Spatz hat mit Wolfskindern gesprochen, die viele Jahre lang verzweifelt gewesen sind, die oft daran dachten, sich das Leben zu nehmen, weil sie annahmen, dass es sowieso nicht ausreichen werde, was sie leisteten, weil sie nicht zurechtkamen damit, dass sie als Kinder gestohlen und gelogen hatten, um nicht zu verhungern. Frauen berichteten ihm, dass bei der Geburt ihrer Kinder und beim Anblick von deren Schutzlosigkeit jäh die Erinnerung zurückgekommen sei an die eigene Verwundung, auch an sexuelle Gewalt. Manche hatten ihre eigene Mutter als so schwach erlebt – die Vergewaltigungen, die Hungerprostitution –, dass ihnen jede Vorstellung davon fehlte, wie sie selbst ihrem Kind ein Vorbild sein könnten. Es waren eher die Frauen, die erzählten, wie schwierig es bleiben kann, dem Lebenspartner ganz zu vertrauen, wenn es kein Vertrauen gab in frühen Jahren, wie mühsam es auch sein kann, den eigenen Kindern nahe zu sein, wenn man selbst kaum erfahren hat, was das ist – Nähe.
Die Ärzte, die die Wolfskinder aufsuchten, erfragten und erkannten die wahren Ursachen für die Rückenschmerzen nicht, für das Kopfweh, die dunklen Stimmungen, über die diese Patienten klagten. Auch wenn Wolfskinder heute in der Wissenschaft als "Opfer von Extremtraumatisierungen" gelten, ist bei keinem der 50 Zeitzeugen, die Historiker Spatz einvernommen hat, je eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden.
Aber Spatz hat nicht nur die traurigen Geschichten gehört, sondern auch die anderen, die vom Fleiß, vom Durchkommen, Ankommen. Und die Wolfskinder erzählten ihm, was sie besonders gut könnten: beobachten. Wer allein ist und angewiesen auf Hilfe, muss wissen, wie fremde Leute reagieren werden.
Traumatisiert zu sein bedeutet nicht, schwach zu sein. Angewiesen zu sein bedeutet nicht, sich fallen zu lassen. Die Wolfskinder, die kleinen deutschen Flüchtlinge der Nachkriegszeit, sind zwar Opfer der NS-Geschichte gewesen, aber sie erzählen nicht nur Opfergeschichten.
Doch dass ihre Herkunft ein Rätsel war oder ist, das belastet sie. Da sei ein immerwährendes Grübeln, sagen sie, da sei Trauer, Leere, dumpfe Wut. Wenn sie Ersatzeltern gefunden haben, wie Klaus Weiß und auch Erika Smetonus, dann blieben sie ihnen verbunden, sprechen von ihnen oft als Mutter und Vater.
Erika Smetonus ist bis zum Tod ihrer Ersatzeltern in Litauen geblieben. Aus Dankbarkeit. Und weil die Pflegeeltern keine eigenen Kinder hatten.
Wenn man Erika Smetonus fragt, wie sie sich selbst beschreiben würde, dann antwortet sie: "Ich bin Preußin, habe gelebt in Litauen, habe geheiratet, habe Kinder geboren, ich habe schön gearbeitet, 35 Jahre als Krankenschwester." Sie hat eine Erzählung gefunden für ihr Leben.
Ihren Bruder, mit dem sie nach dem Krieg durch Litauen geirrt war und den sie so plötzlich aus den Augen verloren hatte, fand sie Ende der Achtzigerjahre wieder. Er hatte die ganze Zeit, vier Jahrzehnte lang, in ihrer Nähe gelebt, ohne dass sie voneinander gewusst haben. Er hatte eine Unterkunft als Knecht gefunden, im Dorf auf der anderen Seite des Flusses.
Ihre leibliche Mutter hat Erika Smetonus auch noch kennengelernt. Bei der ersten Begegnung 1977 hatte die Mutter sie gefragt, ob sie ihr eine Narbe am Finger und eine am Bauch zeigen könne. Die Mutter war sich nicht sicher gewesen, ob sie wirklich die gesuchte Tochter sei.
Erika Smetonus erzählt vor allem von ihren Pflegeeltern und nicht so viel von den eigentlichen. Vielleicht geht es ihr ähnlich wie Klaus Weiß und anderen Wolfskindern: Sosehr sie die leiblichen Mütter in Schutz nehmen und Gründe suchen, warum sie nicht da sein konnten, so hat doch die frühe Trennung eine Distanz geschaffen, die sie nicht mehr überwinden konnten.
1997 ging Erika Smetonus nach Deutschland, mit ihrem Mann, der auch deutsche Wurzeln hat und in Litauen aufgewachsen ist. Ihre jüngere Tochter und deren Mann und Kinder kamen mit. Sie leben in einem Haus, alle zusammen.
Drei Stunden lang hat sie an einem Sonntagnachmittag ihre Geschichte erzählt, sie hat nach Worten gesucht, ist sich des Deutschen noch nicht sicher. Nach dem Interview versammelt sich ihre Familie um einen Tisch, es gibt Gebäck und Kaffee und Saft und eine Torte aus Käse und Schwarzbrot. Nein, das sei kein litauisches Rezept, es sei westfälisch.
Erika Smetonus sagt nicht mehr viel, doch sie fordert die Gäste zum Essen auf. "Bitte, greifen Sie zu."
Ihre Tochter erzählt jetzt: vom Ankommen in Deutschland, davon, dass sie alle, die doch in Litauen die Fremden gewesen sind, auch hier zunächst fremd waren. "Meine kleine Tochter kam aus der Schule und fragte: Warum gibt es hier Schuhe für die Hände – Handschuhe?"
Die Familie geht für ein Foto in den Garten, vorbei an einem Stuhl, auf dem ein Kissen liegt mit einem Aufdruck: Home.

Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 46/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Identität:
„In welcher Wolke ist Mama?“

Video 00:41

SpaceX Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter

  • Video "Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: Trump wird trotzdem weiterregieren" Video 02:37
    Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: "Trump wird trotzdem weiterregieren"
  • Video "Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen" Video 02:16
    Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen
  • Video "Skydiving: Tanz im freien Fall" Video 01:14
    Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Video "Trump zu Ukraine-Anhörungen: Ich will gar nichts!" Video 01:38
    Trump zu Ukraine-Anhörungen: "Ich will gar nichts!"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer" Video 02:33
    Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer
  • Video "Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist" Video 01:56
    Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist
  • Video "Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: Es wirkt lächerlich" Video 02:32
    Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: "Es wirkt lächerlich"
  • Video "Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem Abstieg" Video 01:54
    Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Es war unangebracht, es war unangemessen" Video 03:21
    Impeachment-Anhörung: "Es war unangebracht, es war unangemessen"
  • Video "TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum" Video 02:16
    TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • Video "DFB-Sieg gegen Nordirland: Der Eindruck bleibt bestehen" Video 02:31
    DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Video "Trump über Impeachment-Verfahren: Ich habe noch nie von Vindman gehört" Video 00:56
    Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Video "Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität" Video 02:02
    Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Video "Pompeo zu israelischen Siedlungen: Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf" Video 01:38
    Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Video "SpaceX: Video zeigt Explosion von Starship-Raumtransporter" Video 00:41
    SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter