07.11.2015

KinoDer Mac heiligt die Mittel

Die Filmbiografie „Steve Jobs“ zeichnet den Apple-Gründer als gefühlskaltes Genie.
Mit einem Mal wackeln die Wände und zittern die Lampen. Für einen kurzen Moment lässt der Film "Steve Jobs" seine Zuschauer glauben, ein Erdbeben erschüttere Kalifornien. Dann folgt ein Schnitt in einen riesigen überfüllten Saal, auf ein Publikum, das außer Rand und Band ist. Alle johlen und trampeln mit den Füßen. Sie können es nicht abwarten, ihren Helden zu sehen.
Der Mann, der hier das Haus rockt, steht hinter der Bühne und bereitet sich auf seinen Auftritt vor. Steve Jobs, gespielt von Michael Fassbender, wirkt wie ein cooler Messias, der weiß, dass er Millionen Jünger hat. Sie hängen an seinen Lippen, und sie reißen sich um seine Produkte. Der Film zeigt Jobs als einen Menschen, der die Welt erbeben lässt – weil er sich sonst wie ein Versager fühlen würde.
"Steve Jobs" ist bereits der dritte Film über den 2011 verstorbenen Apple-Gründer. Vor zwei Jahren spielte Ashton Kutcher in der Filmbiografie "Jobs" den Titelhelden, vor zwei Monaten kam Alex Gibneys Dokumentation "The Man in the Machine" in den USA ins Kino. Keine dieser Produktionen sorgte für so viele Kontroversen wie "Steve Jobs".
Der von Aaron Sorkin geschriebene und von Danny Boyle inszenierte Film beruht auf der 2011 erschienenen Biografie des amerikanischen Journalisten Walter Isaacson. Der Autor war von Jobs gebeten worden, ein Buch über ihn zu verfassen. Isaacson lieferte keine Hagiografie. Er zeichnet Jobs als brillanten Kopf, der von Perfektionswahn getrieben war und wenig Rücksicht auf andere Menschen nahm.
Das Sony-Studio kaufte die Rechte an der Biografie und beauftragte den Drehbuchautor Aaron Sorkin mit der Adaption. Sorkin, Schöpfer der Fernsehserie "The West Wing – Im Zentrum der Macht", hatte vor fünf Jahren in dem von David Fincher inszenierten Film "The Social Network" bereits den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg porträtiert und hierfür einen Drehbuch-Oscar erhalten.
Als unbekannte Hacker vor einem Jahr interne Mails von Sony publik gemacht hatten, erfuhr die Öffentlichkeit, wie umstritten der Jobs-Film von Beginn an war. Die damalige Studiochefin Amy Pascal hatte starke Zweifel an den Erfolgsaussichten des Projekts und beschnitt das Budget so sehr, dass der ursprünglich vorgesehene Regisseur David Fincher absprang. Am Ende verkaufte Sony das Projekt an das Studio Universal.
Als erste Gerüchte aufkamen, wer die Hauptrolle spielen sollte, Leonardo DiCaprio oder Christian Bale, griff Jobs' Witwe Laurene Powell Jobs zum Telefon und rief die zwei Stars an. Sie versuchte, die beiden davon zu überzeugen, nicht an dem Film mitzuwirken. Er beschädige das Ansehen ihres Mannes und verletze die Gefühle ihrer Kinder, soll sie gesagt haben. Unklar ist, ob DiCaprio und Bale die Rolle aus diesem Grund ablehnten.
Diese Attacke habe ihn ziemlich überrascht, sagt Sorkin. "Laurene Powell Jobs hat das Drehbuch nie gelesen und den Film, soweit ich weiß, bis heute nicht gesehen. Sie hatte nur das vage Gefühl, sie würde ihn nicht mögen. Dafür ist sie ziemlich weit gegangen, finde ich. Ich bin sicher, dass der Film die Gefühle ihrer Kinder nicht verletzt. Er tut allerdings auch nicht so, als wäre Jobs der netteste Mensch auf Erden gewesen."
Sorkin, 54, sitzt in der Suite eines Londoner Hotels, in der Hosentasche hat er ein iPhone, im Raum nebenan steht sein MacBook, auf dem er das Jobs-Drehbuch geschrieben hat. Seit Ende seines Studiums ist er der Marke treu geblieben. Nun wollte er herausfinden, welchem Geist sich all diese Geräte verdanken, mit denen er so viel Lebenszeit verbracht hat.
Er ist einer der bestbezahlten Autoren Hollywoods, gilt als Intellektueller. Er schrieb an der berühmten Rede mit, die Jobs 2005 an der Stanford University hielt und in der er über sein Leben und seine Krebsdiagnose sprach. "Ich habe zu dem Text nur etwas Musik dazugegeben", sagt Sorkin heute. "Dass die Rede brillant wurde, war Steves Verdienst. Er hat allem seinen Stempel aufgedrückt." Näher kennengelernt hat er Jobs zu Lebzeiten nie.
Sorkin hat aus Jobs' Biografie einen ungewöhnlichen Film gemacht. Statt das Leben seiner Hauptfigur zu rekapitulieren, greift er nur drei Tage heraus. Der Film beginnt 1984, als Jobs im kalifornischen Cupertino seinen ersten Macintosh-Computer vorstellte. Der Mittelteil spielt 1988, als Jobs mit seiner neuen Firma "NeXT" scheiterte. Die Handlung endet 1998, als Jobs wieder zu Apple zurückgekehrt war und mit dem iMac ein triumphales Comeback erlebte. Es gibt nur ein paar kurze Rückblenden in seine Jugend.
Alle drei Episoden spielen unmittelbar vor einer Produktpräsentation. Sorkin gibt dem Zuschauer einen Backstagepass und lässt ihn zusammen mit Jobs durch Garderoben und Gänge hetzen, bis er auf die Bühne tritt. Vor einer großen Menge sei Jobs in seinem Element gewesen, sagt Sorkin. "Es fiel ihm wohl weitaus schwerer, sich auf einzelne Menschen einzulassen."
In den ersten Szenen des Films wirkt Jobs wie ein Soziopath. Obschon Multimillionär, weigert er sich, für seine Tochter Lisa Unterhalt zu zahlen. Zwar hat ein Bluttest ergeben, dass er mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit der Vater ist. Dennoch sagt er der Mutter des Kindes ins Gesicht, vermutlich sei der Erzeuger eher einer der vielen anderen Männer, mit denen sie geschlafen habe.
Sorkin hat sich mehrfach mit der heute 37-jährigen Lisa Brennan-Jobs getroffen. Das Verhältnis zwischen Jobs und ihr wurde für ihn ein Schlüssel zu diesem Film. In einer Szene zeigt Sorkin, wie Jobs bemerkt, dass seine kleine Tochter (Makenzie Moss) selbstständig mit seinem Computer arbeitet und dabei das Malprogramm MacPaint benutzt. Sofort beschließt er, ihr und ihrer Mutter ein Haus zu kaufen.
Jobs ist in diesem Film ein Mann, für den es nur eines gibt, was den Menschen vom Tier unterscheidet: Talent. Jobs' Scharfsinn, die Fähigkeiten anderer Menschen zu erkennen, und seine Cleverness, sie sich zunutze zu machen, seien für seinen Erfolg wesentlich gewesen, glaubt Sorkin. Er zeigt Jobs als gewieften Ausbeuter, der Furcht und Schrecken verbreitet, um seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzutreiben.
"Ich bin da anders", sagt Sorkin. "Wenn ich mit den Schauspielern und dem Regisseur meine Dialoge durchgehe, bin ich wie ein Cheerleader und feuere alle an. Jeder soll das Gefühl haben, für das Gelingen des Ganzen unerlässlich zu sein. Das war Steve fremd. Er hätte gesagt: ,Du bist eitel, du willst nur, dass die Leute dich mögen.' Jobs ging es nur um die Exzellenz der Arbeit und die Qualität der Produkte."
Aber vielleicht musste das auch sein, dieses drakonische Regime, um die ganzen Hippie-Nerds, mit denen Jobs sich bereits in den Siebzigerjahren umgeben hatte, auf Linie zu bringen. Diese Programmierer und Computerschrauber, die schon so tief in der digitalen Welt drinsteckten, dass sie vor lauter Bytes den Nutzer nicht mehr sahen. Jobs wollte ein Produkt, das einfach und leicht zu bedienen ist.
Der Jobs dieses Films ist ein ziemlich maschinenhafter Mensch, der alles daransetzt, möglichst menschliche Maschinen zu entwickeln: Computer, die den Nutzer mit "Hello" begrüßen, oder Telefone, die sich gut anfassen lassen und deren Oberfläche man streicheln muss, damit sie tun, was man von ihnen will. "Steve wollte Produkte erschaffen, die von möglichst vielen Menschen geliebt werden", sagt Sorkin.
Jobs habe über die Arbeit an seinen Produkten viel kompensiert, glaubt Sorkin. Als Jobs noch ein Baby war, wurde er von seinen Eltern, einem syrischen Einwanderer und einer deutschstämmigen Katholikin, zur Adoption freigegeben. Er habe sich zeitlebens ungeliebt gefühlt, "irreparabel beschädigt", wie Sorkin es formuliert. Es wirkt, als redete er über ein Gerät, das nicht funktioniert.
Ein bisschen einfach macht es sich Sorkin, wenn er es seinem Helden überlässt, sich im Film selbst zu erklären. Gleich am Anfang monologisiert Fassbender als Jobs über den eigenen Kontrollwahn und leitet ihn aus seiner Kindheit her. Die Sätze wirken gestanzt, wie eine Schutzbehauptung. Ob Absicht oder nicht, sie bringen den Zuschauer dazu, ihren Wahrheitsgehalt umgehend in Zweifel zu ziehen.
Sorkin neigt dazu, seine Helden zu analysieren. In "The Social Network" beschrieb er Mark Zuckerberg als einen schwer gehemmten Mann mit stark autistischen Zügen. Folgt man Sorkins Sicht der Dinge, dann wird das moderne Kommunikationszeitalter von Männern geprägt, die an ziemlich schweren Kommunikationsstörungen leiden.
"Wie Jobs ist auch Zuckerberg eine sehr komplizierte Persönlichkeit", sagt Sorkin. "Er war auf der Highschool nicht beliebt, galt als uncool. Es kostete ihn Mühe, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Und ausgerechnet er baute das größte soziale Netzwerk der Welt auf. Menschen, die große Schwierigkeiten haben zu kommunizieren, verstehen vielleicht besser, wie eine Technik funktionieren muss, die Kommunikation erleichtert."
Tatsächlich richtete Jobs die Apple-Geräte darauf aus, miteinander zu kommunizieren und nicht mit den Geräten anderer Hersteller. Man könnte sagen: Die Apple-Gemeinde sollte unter sich bleiben. "Steve wollte ein geschlossenes System", sagt Sorkin, "doch es ging ihm nicht darum, andere Menschen auszugrenzen. Er verstand sich als Künstler, und ein Künstler kann es nicht zulassen, dass andere in seinem Werk herumpfuschen."
Steve Wozniak, mit dem Jobs seine ersten Apple-Computer baute, war der Ansicht, dass die Geräte erweiterbar sein müssten und möglichst viele Schnittstellen haben sollten. Jobs dagegen schauderte bei der Vorstellung, dass jedermann nach eigenem Gutdünken irgendwelche Geräte an seine eleganten Macs stöpselt. "Wer behauptet hat, der Kunde sei König, war ein Kunde", lässt Sorkin ihn sagen.
In einem seiner vielen, sehr amüsanten Anfälle von Größenwahn vergleicht sich Jobs im Film mit Igor Strawinsky. Wozniak (Seth Rogen) belehrt er: "Du spielst dein Instrument, und ich spiele das Orchester." Jobs habe sich für einen großen Dirigenten menschlicher Talente gehalten, sagt Sorkin. "Dabei beherrschte er kein einziges Instrument richtig. Er war wirklich kein großes IT-Genie, und er war auch kein Designer. Aber er verstand von allem etwas. Und er kannte unsere Bedürfnisse sehr genau."
Hält er Jobs denn für einen großen Künstler? Sorkin denkt lange nach, dann sagt er: "Im Drehbuch habe ich mich für diese Sicht der Dinge entschieden. Ich persönlich sehe das etwas nüchterner. Ich bin wie ein Anwalt, der einen Klienten verteidigt, von dem er weiß, dass er schuldig ist. Jeder verdient einen fairen Prozess."
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 46/2015
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