19.07.1999

ANTARKTISGefangen in der Eiskuppel

Ausgerechnet am Südpol stellte eine Ärztin bei sich Brustkrebs fest. Die Frau kann nicht ausgeflogen werden - nun muß sie sich selbst behandeln.
Jede Blinddarmentzündung kommt ungelegen. Leonid Rogosow jedoch erkrankte zum völlig falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Als der eitrige Wurmfortsatz zu platzen drohte, arbeitete der junge russische Arzt in der Antarktis-Station Nowolasarewskaja - mehr als 3000 Kilometer vom nächsten Chirurgen entfernt. Weil ihm auf dem Pinguin-Kontinent weit und breit kein Doktor helfen konnte, mußte Rogosow selbst Hand an sich legen.
Im April 1961 schnitt er sich unter lokaler Betäubung die Bauchdecke auf, assistiert von einem Automechaniker und einem Meteorologen. Sein Gedärm quoll ihm über den Schoß. Kaltblütig hantierte Rogosow darin eine Stunde lang mit Skalpell und Zange. Eine Woche später zog er sich die Fäden.
Die Dramatik dieser erfolgreichen Auto-Amputation im Südpol-Eis wird fast noch übertroffen von den augenblicklichen Geschehnissen in der amerikanischen Amundsen-Scott-Forschungsstation. Hier, in menschenleerer, gottverlassener Gegend, direkt am geographischen Südpol, hat die 47jährige Ärztin der Station im Juni eine grausige Entdeckung gemacht: Sie ertastete einen Knoten in ihrer Brust. Seither befindet sie sich auf dem Kontinent der Extreme in einer Extremsituation.
Der Knoten hatte sich offenbar sehr schnell gebildet, denn im Dezember, als die Frau für die Expedition ins Eis eingehend medizinisch untersucht worden war, gab es die Verhärtungen noch nicht. Eine erste Gewebeprobe, die sich die Ärztin mittlerweile selbst abnahm, erwies sich als beunruhigend.
Die womöglich an Brustkrebs leidende Medizinerin ist in der kältesten und einsamsten Gegend der Welt gefangen - und in der dunkelsten noch dazu. Im März ging die Sonne unter, bis September herrscht in der Eisöde absolute Finsternis.
Allein ist die Frau nicht: 40 hartgesottene, entbehrungsliebende Sternenforscher und Stationsmitarbeiter überwintern mit ihr in einer riesigen, mit Stahlcontainern vollgestellten Kuppel. Sie alle aber sind so isoliert, wie es Menschen auf diesem Planeten nur sein können. 90 Prozent des gesamten Eises der Welt haben sie um sich herum und unter sich - sonst nichts. Die nächste Menschensiedlung, ebenfalls eine Forschungsstation, ist 1300 Kilometer weit weg; das nächste Krankenhaus in Neuseeland liegt gar 5000 Kilometer entfernt.
Das letzte Flugzeug verließ die Station am 15. Februar, die nächste Maschine kommt erst Ende Oktober. Vorher kann kein Flugzeug am Südpol landen und schon gar nicht starten, denn bei Temperaturen von bis zu minus 80 Grad und eisigen Stürmen würden Hydraulik und andere wichtige Systeme versagen.
Die einzigen Kontakte zur Außenwelt für die Polar-Eremiten erfolgen über Telefon, Videokonferenzen und Internet. Nur wenige Stunden am Tag funktioniert die Satellitenverbindung.
Bis zum nächsten Flieger kann die Ärztin, deren Name streng geheimgehalten wird, jedoch nicht warten. Medikamente zur Behandlung von Krebs waren nicht im Marschgepäck.
Mit einem spektakulären Hilfsflug hat nun die "National Science Foundation" (NSF) als Betreiberin der Forschungsstation versucht, der kranken Frau im Eis zumindest eine Überlebenschance zu verschaffen.
Die NSF schickte eine Transportmaschine der US-Luftwaffe 20 000 Kilometer weit aus den USA bis an den Südpol. Nach einer Zwischenlandung in Neuseeland und weiterem achtstündigen Flug warf der "Starlifter" aus 300 Meter Höhe am vorletzten Sonntag sechs Paletten ab, unter anderem beladen mit zwei Ultraschallgeräten, einem digitalen Mikroskop, Medikamenten zur Brustkrebsbehandlung, frischem Obst, Briefen und einem Blumenstrauß.
Der Flug war äußerst heikel. Hätte die Maschine einen Motorschaden erlitten,
* Über der Amundsen-Scott-Station am vorletzten Sonntag.
wäre die 21köpfige Crew verloren gewesen. Hoch über dem Pol, in völliger Dunkelheit, mußte die Maschine von einem begleitenden Tankflugzeug Treibstoff übernehmen. Die Besatzung trug Atemmasken und Frostschutzkleidung.
Am frostigen Boden hatten Mitarbeiter der Südpolstation brennende Ölfässer als Zielmarkierung in einem Halbkreis aufgestellt. Mit 317 Stundenkilometern donnerte die Maschine um zwei Uhr nachts darüber hinweg.
Die Besatzung warf die Paletten nicht wie üblich von der Heckklappe in die Tiefe, denn deren Hydrauliksystem wäre im Extremfrost festgefroren. Die Männer nutzten statt dessen die Seitenluke - und kaum öffneten sie die Tür, war es, als würde das Flugzeuginnere schockgefrieren: Eine Cola-Dose im Cockpit explodierte vor Kälte; ein mitfliegender Mediziner behandelte anschließend die Frostbeulen der Crew.
An Fallschirmen hängend und grell beleuchtet von bengalischen Feuern, sanken die Paletten aufs Eis. Für die Stationsmitarbeiter am Boden begann nun ein dramatischer Wettlauf gegen die Extremkälte. Innerhalb von sieben Minuten mußten alle Pakete eingesammelt und in die Station gebracht sein. Schon in der achten Minute wären die ersten Medikamente kaputtgefroren.
Die Aktion hat offenbar geklappt. Wie die Stationsbesatzung über E-Mail in die USA meldete, sind lediglich eine Obstkiste und wohl auch das Zusatz-Ultraschallgerät beim Abwurf zerstört worden.
Die womöglich krebskranke Frau ist nun damit beschäftigt, sich zu retten. Sie wird versuchen, an sich selbst eine weitere Biopsie vorzunehmen. Mit einer Hohlnadel wird sie sich, geführt vom Ultraschall-Apparat, in den Knoten stechen und eine Gewebeprobe entnehmen. Diese Probe wird sie am Mikroskop untersuchen, dann digitalisieren und zusammen mit Blutuntersuchungen per E-Mail vom Südpol in die USA schicken.
Amerikanische Brustkrebsexperten werden die Ärztin beraten über die nächsten Schritte, sollte die Probe tatsächlich den Brustkrebsverdacht bestätigen. Der Starlifter hat ihr Medikamente für die Chemotherapie geliefert, außerdem das brustkrebshemmende Mittel Tamoxifen. Mit welchem Präparat sie beginnt, hängt davon ab, welche Art von Brustkrebs sie hat.
Meist wird bei der Diagnose Mammakarzinom zunächst die Brust amputiert und dann mit der Chemotherapie begonnen. Der Frau im Eis haben Experten geraten, mit der Operation möglichst bis zur Rückkehr in die USA zu warten.
Im schlimmsten Fall aber wird die Polfahrerin keine andere Möglichkeit haben, als sich selbst die Brust abzunehmen - oder aber Mitinsassen der Polarstation für diesen Eingriff anzulernen. MARCO EVERS
* Über der Amundsen-Scott-Station am vorletzten Sonntag.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 29/1999
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