19.11.2015

KriminalitätVerdächtige Stimmen

Abgehörte Telefonate sind wichtige Beweismittel vor Gericht. Doch Gutachter streiten, wie Sprecher am besten zu identifizieren sind.
Finden sie die Leichen oder nicht?", war in dem Skype-Telefonat zu hören. "Ich hoffe, dass sie sie finden", lautete die Antwort. "Aber sie werden nicht die Leichen finden, sondern die sterblichen Überreste ... In welcher Form die Überreste sind, Asche oder sonst was, dafür garantiere ich nicht."
Der Dialog überzeugte die österreichischen Ermittler. Einer der Gesprächspartner soll ein Komplize Rachat Alijews gewesen sein, glaubten die Fahnder. Im Juni 2014 nahmen sie Alijew, der bei seinem ehemaligen Schwiegervater, dem kasachischen Diktator Nursultan Nasarbajew in Ungnade gefallen war, am Flughafen Wien fest. Die Staatsanwaltschaft warf ihm und zwei Mitverdächtigen vor, zwei Banker entführt und ermordet zu haben.
Ein Grund für den Haftbefehl war ein Stimmgutachten, das Alijew in anderen konspirativen Telefonaten angeblich "eindeutig" identifizierte.
Aber wie verlässlich sind Expertisen, die Verdächtige allein anhand einer Stimmprobe überführen wollen? Diese Frage beschäftigt die Gerichte immer öfter – seit-
dem die Digitalisierung akustische Beweismittel in reicher Zahl produziert.
Denn zunehmend verständigen sich Kriminelle mittels Internettelefonie. Oder sie benutzen mehrere Mobiltelefone und wechseln häufig die SIM-Karten. Wer mit wem welche Straftat diskutiert hat, lässt sich oft schwer ermitteln.
Nur wenige Gutachter sind damit beschäftigt, die belastenden Aufnahmen Verdächtigen zuzuordnen. Etwa 15 Sprechererkenner arbeiten beim Bundeskriminalamt (BKA) und in mehreren Landeskriminalämtern (LKA). Hinzu kommen einige Hochschulexperten und Privatgutachter. Sie sind gefragt, wenn Ermittler bei abgehörten Gesprächen nicht weiterkommen – sei es in der organisierten Kriminalität, im Drogenhandel oder bei Terrorismus.
Seit einiger Zeit sorgt der technische Fortschritt für Unruhe in dieser Szene. Traditionalisten setzen auf ihr geschultes Gehör und die manuelle Auswertung von Messdaten, wenn sie Sprechproben anhand von Eigenheiten wie Dialekt und Sprechtempo vergleichen. Technikanhänger dagegen verlassen sich auf Software, die dank großer Datenmengen automatische Stimmvergleiche ermöglichen soll.
Für Richter sind beide Verfahren eine Herausforderung. "Anders als bei Blutalkoholmessungen oder dem Vergleich von DNA fehlt bei Sprechervergleichen ein naturwissenschaftliches Fundament", sagt Stefan Caspari vom Deutschen Richterbund, es gebe keine Mindeststandards. "Richter stoßen mitunter an ihre Grenzen", so Caspari, weil sie jedes Mal auch über die Wissenschaft hinter einem Gutachten urteilen müssten.
Auf eine ganz eigene Methode verließ sich im Fall Alijew die Gutachterin Friederike Blümelhuber, eine ehemalige Lehrerin, die in Linz ein "Kriminaltechnisches Privatinstitut" betreibt.
In ihrer Expertise vermaß sie lediglich die Resonanzfrequenzen der Vokale "a" und "e" in den konspirativen Gesprächen und verglich sie mit jenen aus Vernehmungen und YouTube-Videos der Verdächtigen. Dies ist aber nur eine von vielen sich ergänzenden Methoden, um zwei Sprechproben zu vergleichen. Blümelhuber hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, statistische Auswertungen ihrer Messungen darzulegen.
Sylvia Moosmüller vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hält das Gutachten für eine "Katastrophe". Die Staatsanwaltschaft Wien verwendete es trotzdem für den Haftbefehl. Alijew, der sich schon länger von seinem Exschwiegervater verfolgt fühlte ( SPIEGEL 25/2015 ), kann zur Aufklärung nicht mehr beitragen – er wurde im Februar tot in seiner Zelle gefunden.
Objektivere Ergebnisse sollen Computerprogramme bringen, wie sie das Bundeskriminalamt entwickelt hat. Seit 2005 arbeitet die Behörde mit einem Sprechererkennungssystem (SPES), das zum Beispiel ein abgehörtes Telefonat mit Sprechproben Verdächtiger sowie unbeteiligter Dritter vergleicht.
Aber auch diese Technik stößt vor Gericht an Grenzen, wie die Ermittlungen gegen einen Rauschgiftring in Deggendorf zeigten. Dort warf die Staatsanwaltschaft 2008 dem Kosovaren Bekim L. vor, mit mehreren Kilogramm Heroin gehandelt zu haben. Hauptbeweisstück waren zwei kurze Mitschnitte von Telefonaten, bei denen es um die Verteilung des Heroins ging.
Die von der Staatsanwaltschaft Deggendorf bestellte Privatgutachterin Marianne Jessen setzte neben der klassischen Methode SPES ein. Sie stellte fest, dass Bekim L. mit "hoher Wahrscheinlichkeit" der gesuchte Hintermann sei. Ein von der Verteidigung eingebrachtes Gegengutachten wies auf gravierende Probleme im Papier von Jessen hin. Besonders kritisch sah Angelika Braun von der Universität Trier den Einsatz der Software. Sie fand in der Auswertung mit SPES "zahlreiche erhebliche methodische Schwächen", diese seien geeignet, den Wert des Gutachtens grundsätzlich infrage zu stellen. Bekim L. wurde schließlich aus Mangel an Beweisen freigesprochen und für seine Haftzeit entschädigt.
Zweifel an SPES gibt es auch bei allen vier Landeskriminalämtern, denen das Programm zur Verfügung gestellt wurde. Keines von ihnen setzt SPES in der Fallarbeit ein. Die automatischen Systeme zeigten unter Laborbedingungen zwar Erfolge, sagen LKA-Experten aus Berlin und Brandenburg. Im Alltag könnten sie aber nur in einem Bruchteil der Fälle verwendet werden.
Denn auch Software kann irren. Manchmal werden Stimmen durch Skype oder andere Internettelefonieprogramme verzerrt. Stimmen verändern sich außerdem, etwa wenn der Sprecher aufgeregt oder erkältet ist. Automatischen Systemen fällt es schwer, solche Einflüsse herauszufiltern.
Nun soll ein EU-Projekt diese Probleme aus dem Weg räumen. Das Speaker Identification Integrated Project (SIIP) lässt sich die EU zehn Millionen Euro kosten. Es hat eine neue Software zum Ziel, die unter anderem das Geschlecht, das Alter und den Dialekt des Sprechers erkennen kann. Seit März ist das BKA an dem Programm beteiligt, neben Interpol sowie Strafverfolgungsbehörden aus Italien, Großbritannien und Portugal.
Ein Global Info Sharing Mechanism soll für den Datenaustausch zwischen den Beteiligten sorgen. SIIP soll Mitschnitte von allen Kanälen analysieren, vom Festnetz über soziale Netzwerke bis zur Satellitentelefonie. Aus "rechtmäßig abgehörten Gesprächen" sollen Sprecherprofile erstellt werden, mit deren Hilfe Fahnder zum Beispiel YouTube nach den Stimmen Verdächtiger durchsuchen können.
Zweifel an der versprochenen Datensicherheit sind jedoch angebracht. "Koordiniert" wird das EU-Projekt von einer Firma aus den USA: Verint Systems werden enge Kontakte zu amerikanischen Geheimdiensten nachgesagt; der ehemalige NSA-Chef Kenneth Minihan war jahrelang einer der Direktoren der Firma.
Diese Recherche entstand mit der Unterstützung von journalismfund.eu.
Von Michele Catanzaro, Philipp Hummel, Elisabetta Tola und Astrid Viciano

DER SPIEGEL 48/2015
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