19.11.2015

BeschäftigungDas Rätsel von Aleppo

Um für sich selbst sorgen zu können, brauchen Flüchtlinge einen Job. Aber wie können sie einen finden? Einblicke in die Welt der Arbeitsvermittler. Von Cornelia Schmergal
An diesem Morgen muss Ines Harbauer ein Rätsel lösen. Vor ihr sitzt ein gepflegter Herr in Strickjacke, den Rücken aufrecht, die grauen Haare aus dem Gesicht gekämmt, auf dem Schoß eine Tasche aus Plastik. Daraus hervorgezogen hat er ein Wörterbuch, seine Aufenthaltsgestattung und einen Stapel Papiere. Nur das Abiturzeugnis fehlt. "Nass geworden, auf der Flucht", sagt die Dolmetscherin, und der Herr auf dem Stuhl zieht entschuldigend die Schultern hoch.
Seine Muttersprache ist Arabisch, auch sein Englisch klingt nach Arabisch, und die wenigen Worte Deutsch, die er beherrscht, hat er sich mit dem Smartphone beigebracht. Was er denn schon gelernt habe, fragt Ines Harbauer.
"Guten Tag", antwortet der Mann. Und: "Bayern München."
Es ist ein Zufall, dass er heute im Büro einer Jobvermittlerin der Berliner Arbeitsagentur gelandet ist. Eigentlich war der Mann aus Syrien nur deshalb in das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gekommen, weil er seinen Asylantrag stellen wollte. Dabei hörte er zum ersten Mal davon, dass es in Deutschland nicht nur Beamte gibt, die darüber entscheiden, ob er im Land bleiben darf. Sondern auch Beamte, die ihm helfen könnten, einen Job zu finden, und zwar so schnell wie möglich. Und dass eine dieser Vermittlerinnen von der Arbeitsagentur Ines Harbauer heißt und nur eine Etage höher wartet.
Nun sitzt er ihr gegenüber, vor sich ein Blatt Papier. "Fragebogen zur Kompetenzerhebung von Asylbewerbern" steht darauf.
Es geht darum herauszufinden, welche Erfahrungen und Kenntnisse die Menschen aus Syrien, dem Irak oder Eritrea mitbringen. Für die Flüchtlinge ist das eine ungewohnte Situation. Ines Harbauer ist die Erste, die nicht fragt, warum die Menschen gegangen, sondern warum sie gekommen sind. Was sie können. Und vor allem: Was sie wollen.
Vielleicht zeigt sich nirgendwo deutlicher als in diesem Büro im Westen Berlins, was Integration bedeutet. Es gibt Flüchtlinge, die zaghaft an die Tür klopfen, dann mit jedem Detail ihrer Biografie zu wachsen beginnen und nach dem Gespräch so aufrecht hinausgehen, als hätte man nicht ihren Lebenslauf, sondern ihr Rückgrat gerade gezogen.
Sie gehen mit einer Aussicht: der Aussicht darauf, sich selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen, unabhängig zu sein, anzukommen. Nur dass es bis dahin meist etwas Improvisation braucht. "Detektivarbeit", wie Ines Harbauer sagt.
Bauingenieur sei der Mann aus Syrien, zumindest hat die Dolmetscherin das so übersetzt. Studiert habe er und mit großen Gebäuden zu tun gehabt, mit sehr großen Gebäuden sogar. Studienabschluss als Bauingenieur, so notiert es die Arbeitsvermittlerin.
Daheim in Aleppo, als die Häuser noch nicht zerstört waren, da habe er sich um Grünflächen gekümmert und um den Rasen, erzählt der Mann weiter.
Irritiert blickt Ines Harbauer auf. "Um den Rasen?", fragt sie. "Als Bauingenieur?"
"Ingenieur", wiederholt der Mann, "in Fußballstadien."
Ines Harbauer lässt den Stift sinken. "Was genau haben Sie denn da gemacht?", fragt sie. "Haben Sie Anlagen geplant? Oder Rasen ausgerollt?"
"Den ganzen Rasen gemacht", sagt der Mann lächelnd, und Ines Harbauer streicht das Wort "Bauingenieur". Die Dolmetscherin räumt ein, der Fall sei möglicherweise "etwas kompliziert", und die Jobvermittlerin schenkt noch einmal Wasser nach.
"Dann erzählen Sie doch mal ganz in Ruhe", sagt sie.
Es dauert beinahe eine halbe Stunde, das Rätsel von Aleppo zu lösen. Man braucht dazu ein Dutzend Rückfragen bei der Übersetzerin und eine Serie von Fotos, die der Mann auf seinem Handy zeigt. So weit lässt sich sein Werdegang rekonstruieren: Er hat Abitur und Diplom, er hat anfangs in der Landwirtschaft gearbeitet und später einen Rollrasen entwickelt, der dann vermutlich auch im Stadion von Aleppo lag. Aber die Dolmetscherin ist sich da auch nicht ganz sicher.
Am Ende einigt man sich darauf, dass der Herr aus Syrien Agraringenieur sein muss. So steht es jetzt im Fragebogen. Genaueres klären die Kollegen. In den nächsten Tagen soll die Arbeitsagentur eine Einladung zur ausführlichen Beratung schicken. Er werde kommen, sagt der Mann, bestimmt. Es gebe gewiss auch in Deutschland Fußballrasen. Unter seiner Strickjacke trägt er ein Trikot von Bayern München.
Noch weiß niemand, wie diese Geschichte ausgehen wird. Für den Rasenexperten aus Syrien. Für alle Flüchtlinge, die in das Land kommen. Für Arbeitsvermittler wie Ines Harbauer, die dafür bezahlt werden, Neuankömmlingen eine Perspektive zu bieten – und sei es nur ein Sprachkurs. Am Jahresende könnte eine Million Flüchtlinge oder mehr nach Deutschland gekommen sein. Die Jobcenter rechnen für das Jahr 2016 schon mit rund 300 000 neuen Kunden.
Die Ökonomen streiten darüber, was die Flüchtlinge für das Land bedeuten. Die Optimisten schwärmen von einer "Verjüngungskur" für die vergreisenden Sozialsysteme und von neuen Mitarbeitern für Betriebe, die verzweifelt nach Personal fahnden. Die meisten Flüchtlinge sind jung, jeder zweite ist zwischen 16 und 35 Jahren alt. So urteilt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die Frage sei nicht, ob die Flüchtlinge der Nation wirtschaftlich nutzten, sondern wann.
Aber es gibt auch das andere Lager, das der Kritiker und Mahner, die wie Hans-Werner Sinn, Chef des Wirtschaftsinstituts Ifo, warnen, das Land habe schon zu viele Flüchtlinge aufgenommen, ohne zu fragen, ob sie auf dem Stellenmarkt überhaupt eine Chance hätten. Und wenn diese Mahner von einer Überforderung sprechen, dann meinen sie offenbar nicht nur die Sozialsysteme. "Wenn die jungen Männer monatelang in den Lagern aufeinanderhocken und nicht arbeiten dürfen, drehen sie durch. Das kann doch gar nicht gut gehen", sagte Sinn neulich. Um so wichtiger sei es, den Flüchtlingen schnell einen Job zu verschaffen.
Es klingt, als wäre die Frage der Integration inzwischen auch eine Frage der inneren Sicherheit. Das wäre eine gewagte These. Und eine gefährliche dazu. Das Lager der Pessimisten wächst. Nicht erst seit den Terroranschlägen von Paris.
"Wir schaffen das", hatte Angela Merkel gesagt, vor Wochen schon, und die Große Koalition streitet heute heftiger denn je darüber, ob diese Prognose Bestand hat. Vor allem die CSU wünscht sich inzwischen die Abkehr von der Willkommenskultur und würde viele Flüchtlinge lieber gleich an der Grenze abweisen. Allein: Die Menschen werden kommen. Und sie lassen sich durch Stacheldraht nicht aufhalten.
"Wir müssen das schaffen", sagt Ines Harbauer. Und während die Flüchtlinge sich an ein Land gewöhnen, in dem man von links nach rechts schreibt und im Winter auf den Schnee wartet, arrangieren sich die Arbeitsvermittler mit Kunden, die alle Zeugnisse unter dem Kriegsschutt verloren haben.
Ines Harbauer war eine der Ersten, die einstiegen, als die Arbeitsvermittler ein Team für Flüchtlinge aufstellten. Ausgerechnet in Berlin, das durch Geschwindigkeit noch nie auffiel und auf dem Platz vor dem Landesgesundheitsamt Lageso sogar daran scheiterte, Neuankömmlinge mit warmer Suppe zu versorgen – ausgerechnet in Berlin wollte man schnell sein.
Nach drei Monaten dürfen Flüchtlinge heute eine Arbeit annehmen. Allerdings kümmern sich die Jobcenter offiziell erst um sie, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Das kann Monate dauern. Inzwischen gehen die Arbeitsvermittler in vielen Städten früher auf die Flüchtlinge zu. Die Berliner Arbeitsagentur berät Menschen mit hoher Bleibeperspektive nun bereits, wenn sie ihren Asylantrag abgeben.
Es ist ein Kulturbruch: Die Leute vom Amt warten nicht darauf, dass Kunden zu ihnen kommen. Sie gehen selbst in die Notunterkünfte, und sie verlegen ihre Büros direkt in das Bamf. So kommt es, dass Ines Harbauer nun selbst Asyl genießt – bei den Kollegen von der anderen Behörde.
Ausnahmsweise verzichtete der Personalrat darauf, die erforderliche Mindestquadratmeterzahl pro Beamtenstuhl auszumessen. Das winzige Zimmer wäre sonst wohl durchgefallen. Auch die Bundeskanzlerin zwängte sich neulich hinein, als sie das Projekt besuchte. Ein Foto davon hat Ines Harbauer in ihrem Smartphone gespeichert, ein anderes Selfie ging um die Welt: Vor dem Gebäude ließ Merkel sich im türkisfarbenen Blazer mit Asylbewerbern ablichten. Die Innenpolitiker in der Union werfen ihr bis heute vor, das Foto habe nur noch mehr Flüchtlinge angezogen.
Ines Harbauer fragt nicht, was die Menschen aus ihrer Heimat trieb. "Ich bin keine Psychotherapeutin, ich will nicht an ein Trauma rühren", sagt sie, "sondern ich möchte den Menschen das Gefühl geben: Es ist vorbei. Hier geht es nicht mehr um deine Vergangenheit, sondern um deine Zukunft." Auf dem Tisch steht eine Glaskaraffe, im Wasser schweben frische Limettenstücke. Für die Gäste ist der erste Eindruck: Alles ist leicht. Allerdings weiß Ines Harbauer nie, ob ein einfacher oder schwerer Fall vor ihr Platz nimmt. Keine offizielle Statistik führt auf, welche Ausbildung die Flüchtlinge haben. Das Bamf fragt Neuankömmlinge in Stichproben nach ihren Kenntnissen, durfte diese Daten bislang aber nicht automatisch an die Arbeitsagentur weitergeben. Die Arbeitsagentur fragt dasselbe, gab die Daten aber auch nicht an das Bamf.
Das Problem lösen soll nun der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, der seit September auch die viel kritisierte Flüchtlingsbehörde führt. Das Zahlenwirrwar zu sortieren ist eines seiner wichtigsten Projekte: Er arbeitet jetzt an einer Flüchtlingskarte.
Immerhin 17 Prozent der Neuankömmlinge haben eine Universität oder Fachhochschule besucht. Aber mehr als 30 Prozent kamen über die Grundschule nicht hinaus. Selbst wer Jahre als Elektriker in Damaskus oder als Tischler in Asmara verbracht hat, kann keinen Gesellenbrief mit dem Stempel einer Handwerkskammer vorzeigen. Und irgendein gestempeltes Papier wollen die Arbeitgeber in Deutschland immer sehen.
Niemand brachte die Zweifel knapper auf den Punkt als Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer, Malermeister, der feststellte: "In Afghanistan prüft man per Hand, ob Strom in der Leitung ist."
Für die Arbeitsvermittler geht es nun darum, Firmenchefs ganz praktisch von den Kandidaten zu überzeugen. Yasemin Haack, promovierte Politikwissenschaftlerin, arbeitet daher auch als "Improvisationskünstlerin". So würde sie das wohl selbst in den Kompetenz-Fragebogen vom Amt schreiben. Wer das Papier ausfüllt, landet wenig später bei ihr in der Arbeitsagentur Berlin Nord.
"Erstgespräch", so steht es auf der Einladung. In Wahrheit geht es um angewandte Lebenshilfe. "Die Menschen können nicht monatelang untätig in den Heimen sitzen", sagt Yasemin Haack. "Die sind motiviert und wollen arbeiten."
Den Handwerker, der daheim 50 Mitarbeiter beschäftigte und in Dubai Hotelbäder mit Mosaiken ausstattete, hier aber als "ungelernt" gilt, schickte sie zum Praxistest zu einem Fliesenleger.
Dem 18-Jährigen, der zum Vorstellungsgespräch beim Zahntechniker seinen großen Bruder mitbrachte, legte sie vorsichtig nahe, dass das in Deutschland nicht unbedingt als Zeichen des Respekts gewertet werde, sondern als Zeichen mangelnder Selbstständigkeit.
Den Zahnarzt hat sie für diesen Nachmittag eingeladen. Es geht nur um ein paar Details, so steht es jedenfalls in der Akte.
Ein Mann tritt ein und reicht Yasemin Haack schüchtern die Hand. In Syrien war er Herr über zwei Praxen, in Berlin hat er Monate im Sechsbettzimmer hinter sich. Seine Dokumente zieht er aus Plastikhüllen. Das Abiturzeugnis. Das Curriculum der Universität. Die Promotionsurkunde. Ein Fall wie aus einem Hochglanzprospekt für aussichtsreiche Kandidaten. Wäre da nur nicht die Sache mit der Approbation. Wer als Arzt arbeiten will, braucht eine offizielle Zulassung in Deutschland. "Reine Formsache", sagt Yasemin Haack und schichtet die Zeugnisse auf einen Haufen. "Das schicken Sie später alles zum Landesamt für Gesundheit, und die überprüfen das. Fehlt nur noch Ihr polizeiliches Führungszeugnis."
"Wo bekomme ich das?", fragt der Arzt.
"Im Ministerium."
"In Berlin?"
"Nein, ich meine das Ministerium in Damaskus", sagt Yasemin Haack. Der Mann auf der anderen Schreibtischseite greift sich an den Bart. Zuerst mit der rechten Hand, dann mit der linken. "Das geht nicht", sagt er. "Ich bin hier. Niemand kann da für mich hingehen. Die Leute haben Angst vor der Polizei."
"Sie haben doch bestimmt Verwandte in Syrien. Vielleicht könnten die ..."
"Nein", sagt der Mann, jetzt sehr bestimmt. "Ich war gegen Assad. Wir waren alle gegen Assad. Niemand kann da hin."
Es steht in seinem Gesicht, dass sein Weg hier zu Ende sein könnte, jedenfalls der, den er sich gewünscht hat. Dass er vielleicht sehr lange in Deutschland nicht als Arzt arbeiten kann. Nicht ohne das Führungszeugnis aus Damaskus.
"Jetzt habe ich Sie beunruhigt", sagt Yasemin Haack. Sie sagt noch viel mehr, aber es ist nichts dabei, was ihn aufmuntert. Nicht der Vorschlag, eine Mail nach Damaskus zu schicken. Nicht die Frage, wie sich die Kinder eingelebt haben, die noch besser Deutsch sprechen als ihr Vater.
Als der Mann geht, bleibt Yasemin Haack noch lange am Schreibtisch zurück und starrt auf die kopierte Dissertationsurkunde in ihrer Hand.
Draußen ist es dunkel geworden.
Es gibt Tage, da bitten die Mitarbeiter selbst um psychologische Hilfe. Um "Supervision", wie es bei der Arbeitsagentur heißt. Über Monate wurden die Arbeitsvermittler auf alles vorbereitet. Auf das Ausländerrecht. Auf interkulturelle Brüche. Auf traumatisierte Folteropfer. Für jede Facette im Umgang mit den neuen Kunden gab es eine Schulung. Nur nicht für den Umgang mit sich selbst, wenn man am Ende des Tages nach Hause geht und feststellt, dass die Erzählungen auch auf die eigene Seele Schatten werfen.
Viele Flüchtlingsberater kennen das Gefühl, auch in anderen Ländern zu wurzeln. Yasemin Haack spricht acht Fremdsprachen, ihr Vater stammt aus Istanbul. Jobvermittler Kabeya Kabambi, mit dem sich Ines Harbauer das Büro teilt, floh einst aus dem Kongo. 16 Prozent der BA-Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund.
Die Behörde braucht jetzt mehr Personal, dringend. Bis zu 800 neue Stellen wollen die Arbeitsagenturen besetzen, in den Jobcentern sollen es 2800 sein. Spätestens im nächsten Sommer, wenn ihre Asylverfahren abgeschlossen sind, werden Hunderttausende Flüchtlinge bei den Jobcentern ankommen und um Beratung bitten. Im besten Fall. Im schlechteren müssen sie um Hartz IV bitten.
Schon jetzt ist die Lage angespannt. Es fehlen Plätze in Deutschkursen, nicht nur für die ersten Alltagsworte, sondern auch für typisches Berufsvokabular. Lehrer werden dringend gesucht.
Die Jobcenter haben Alarm geschlagen, überall in der Republik. Im September schimpfte der Behördenleiter in Aachen, der Personalbedarf für das nächste Jahr sei aktuell "nicht seriös zu ermitteln". Es fehle an Verwaltungskräften, von Büroräumen ganz zu schweigen.
Allein in Reutlingen muss das Jobcenter acht neue Stellen besetzen, in Tübingen sind es sieben. Die ersten Vorstellungsrunden laufen – und Wilhelm Schreyeck, der Chef der zuständigen Arbeitsagentur, wäre froh, wenn er so viele Kandidaten sichten könnte, wie Ende September auf seiner Jobmesse für Flüchtlinge erschienen.
Man könne viel reden auf dem Amt, finden Pragmatiker wie Schreyeck. Aber am Ende gehe es immer darum, die Menschen an einem Ort zusammenzubringen.
Das Tübinger Landratsamt, an diesem Morgen startet die Jobmesse. Gleich neben dem Gebäude stehen jene Container, in denen Flüchtlinge leben und die in der Behörde nur "die Wohnmodule" heißen. Solide verarbeitet, Flachdach. Karl-Heinz Schwarzbach hätte einen Blick dafür.
Seit zwei Jahren sucht der Dachdeckermeister einen Auszubildenden. Er warb in Hauptschulen und Gymnasien, er verteilte Flyer und schaltete Anzeigen, er versprach, jedem Lehrling den Führerschein zu bezahlen. Niemand fand sich. Nun hat er seinen Werbestand im ersten Stock aufgebaut.
Er war sich nicht sicher, ob potenzielle Kandidaten aus Eritrea oder Gambia mit Worten wie "Einlattung" oder "Dämmstoff" etwas anfangen können. Daher hat Schwarzbach eine Präsentation vorbereitet. "Ich mache roofs, damit es im Winter not cold ist", sagt er, als die Bilder über sein Notebook flackern.
Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Schwarzbach und den Bewerbern, die sich an seinen Stand drängen. Er ist jung. Er ist euphorisch. Er ist offen für alles Neue. Und ein Sprachkurs könnte auch ihm nicht schaden. "Please don't have Höhenangst", sagt Schwarzbach.
Dutzende Flüchtlinge sehen an diesem Morgen seine Bildershow. Es wird Ebrima Kanyi sein, ein 19-Jähriger aus Gambia, der Schwarzbachs Visitenkarte behutsam in seine Tasche schiebt. Der am nächsten Tag einen Brief mit seinem Lebenslauf zur Post bringen und dann sitzen und warten wird.
Es wird dieser Ebrima Kanyi sein, der einen Anruf erhält und der seit dem vergangenen Montag mit Schwarzbach auf dem Dach steht. Zum "testworking", so hat der Chef es gesagt.
Und es wird Ebrima Kanyi sein, dem Schwarzbach nun vielleicht eine Lehrstelle für das nächste Jahr versprechen wird.
Nur eine Bedingung gibt es: Er möge bis dahin besser Deutsch lernen.
Das Jobcenter will jetzt für einen Kurs sorgen. Muss sich nur noch ein Platz finden.
Von Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 48/2015
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