28.11.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteWeinprobe

Ein Kiewer Staatsanwalt ermittelt, weil für Berlusconi ein 240 Jahre alter Wein entkorkt wurde.
Nur ein alter Nagel ragt aus der Wand direkt hinter dem Schreibtisch des Staatsanwalts, dort, wo in Politiker- und Beamtenzimmern in Kiew ein Porträt des Präsidenten hängt. "Ein Staatswappen der Ukraine würde ich aufhängen, wenn wir das Geld dazu hätten", sagt Nasar Cholodnyzkyj. "Politiker aber sollten wir niemals idealisieren."
Der 30-jährige Jurist trägt ein lila Hemd und ein dunkelblaues Jackett. In seinem Arbeitszimmer stehen ein Schreibtisch, ein schlichter Schrank und ein alter Kühlschrank der slowenischen Marke Gorenje, an dessen Tür sechs Magneten kleben. Einer zeigt Cholodnyzkyjs Heimatstadt Lwiw in der Westukraine, einer sein Aufgabengebiet: die Krim.
Seit einem Jahr ist Cholodnyzkyj dafür zuständig, Verbrechen zu dokumentieren, die auf der von Russland annektierten Halbinsel verübt werden. 899 Angestellte zählten zur Staatsanwaltschaft der Krim, als sie noch unter ukrainischer Hoheit stand. Die meisten sind auf der Halbinsel geblieben und haben sich den Russen angeschlossen. Cholodnyzkyj hat heute gerade einmal 24 Mitarbeiter. "Wir sind eine Staatsanwaltschaft im Exil."
Sein karges Büro auf dem heruntergekommenen Gelände einer der ältesten Rüstungsfabriken des Landes ist so etwas wie der größtmögliche Gegensatz zum Gegenstand seiner wichtigsten Ermittlung: einem Luxusgut von erlesener Rarität.
Rein rechtlich geht es um eine 240 Jahre alte Flasche Rotwein, deren Wert auf mehr als 80 000 Euro geschätzt wird und die nach Artikel 191 des ukrainischen Strafgesetzbuches ("Widerrechtliche Aneignung von Eigentum Dritter in besonders schwerem Umfang") in diesem Herbst illegal entkorkt worden sein soll.
Politisch aber stehe weit mehr auf dem Spiel, sagt Cholodnyzkyj: das Schicksal der Krim, die Wladimir Putin im März 2014 in einer Militäroperation der Ukraine entriss, ohne dass diese sich mit einem einzigen Schuss zur Wehr gesetzt hätte. Die Unabhängigkeit seines Landes, in dessen Osten der Kreml Kriegsgerät, Geld und Elitesoldaten zur Unterstützung prorussischer Separatisten pumpe. "Und letztlich der Frieden in Europa und der Welt", findet der Staatsanwalt. "Wenn wir den russischen Bären jetzt nicht stoppen, wächst sein Appetit."
Auf dem Bildschirm seines Computers flimmert eines der Videos, die er als Beweismaterial gesammelt hat. Silvio Berlusconi, ehemals italienischer Ministerpräsident und einer der reichsten Männer seines Landes, und Putin stehen zwischen Angestellten von Massandra, dem berühmtesten Weingut der Krim. Sie heben die Hände über den Kopf, offensichtlich begeistert. "Alle lachen fröhlich", sagt Cholodnyzkyj. "Dabei ist gerade ein Verbrechen begangen worden." Seine Wangen färben sich rot, die Erzählung regt ihn auf.
Es war Freitag, der 11. September, als Putin seinem Freund Berlusconi die Sehenswürdigkeiten der Krim zeigte, "demonstrativ, um seinem Landraub in den Augen der Welt Legitimität zu verschaffen", sagt der Staatsanwalt. Als die beiden Politiker durch die Gänge der Weinkellerei Massandra marschierten, pries die Direktorin die jahrhundertealten Weine. "Kann man die noch trinken?", fragte Berlusconi. Die Direktorin ließ eine Flasche Jerez de la Frontera von 1775 entkorken. Fürst Michail Woronzow, ein berühmter russischer Heerführer, hatte sie damals auf die Krim gebracht.
Dafür hat Staatsanwalt Cholodnyzkyj die Frau zur Fahndung ausgeschrieben. Berlusconi klagte er nicht an, "weil er nicht in böser Absicht handelte und anders als die Direktorin nicht wusste, dass die Flasche ein Kulturgut des ukrainischen Volkes ist". Die Täterin aber müsse bestraft werden. Und Putin? "Wir wissen nicht, ob Putin überhaupt einen Schluck getrunken hat. Er ist aber auch so ein großer Verbrecher", sagt Cholodnyzkyj. Außerdem sei für die Ausflüge des russischen Präsidenten auf die Krim das Kiewer Außenministerium zuständig. Das schickt dann jedes Mal eine Protestnote nach Moskau.
Cholodnyzkyj spricht von "einer Prüfung für die Staaten dieser Welt". Keiner solle mehr Wein aus Massandra kaufen, der seit dem russischen Einmarsch "Diebesgut" sei. Aber es sieht nicht gut aus für ihn, den Staatsanwalt.
Die Direktorin der Weinkellerei hat ihn öffentlich verhöhnt und sich in Medien auf der Krim für die "kostenlose Reklame" bei ihm bedankt. Die vier noch verbliebenen Flaschen Jerez, Jahrgang 1775, seien jetzt eine Million Dollar wert, dank Putin, Berlusconi und Cholodnyzkyj. Und in Shanghai nahm Massandra ganz offiziell an einer Weinmesse teil, die Chinesen taten so, als hätte es die Krim-Annexion nie gegeben. "Manche halten mich für einen Don Quijote", sagt Cholodnyzkyj. "Wir müssen der Weltöffentlichkeit aber zeigen, wie Russland gegen Gesetz und Völkerrecht verstößt." Er will weiterkämpfen.
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 49/2015
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