28.11.2015

SPIEGEL-Gespräch„Literatur hat keine Armee“

Salman Rushdie über die Kunst, im Angesicht des Terrors zu leben
Rushdie, 68, empfängt in seiner Suite im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz in Berlin. Seit knapp drei Monaten ist er in der Welt unterwegs, um sein neues Buch vorzustellen(*). Er reist ohne Polizeischutz, ohne Leibwächter. Im Februar 1989 rief der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini zu Rushdies Tötung auf, weil er, so der Vorwurf, in seinem Roman "Die satanischen Verse" den Propheten beleidigt habe. Khomeini ist tot, doch es gibt immer noch islamistische Kräfte, die Rushdie nach dem Leben trachten. Seit 16 Jahren kommt er ohne Schutz aus, er bewegt sich frei und lebt in New York. Sein neuer Roman, dessen Nächte im Titel sich auf 1001 summieren, ist ein intergalaktisches Supermärchen über den Krieg zwischen der Welt des Glaubens und der Welt der Vernunft, von einem enormen Optimismus und großer Spottlust getragen. Der Schöpfer dieses Buchs lacht während des Gesprächs in seiner Suite in Berlin viel und laut.
SPIEGEL: Herr Rushdie, in Ihrem neuen Roman lässt ein "Baby der Wahrheit" korrupten Beamten die Gesichter verfaulen, ein Comiczeichner wird von seinen eigenen Kreaturen heimgesucht. Ein Gärtner überwindet die Erdanziehungskraft und hat deshalb Schwierigkeiten beim Sex. Haben Sie beim Schreiben viel gelacht?
Rushdie: Oh ja. Wissen Sie, wenn Sie zum Beispiel eine Sexszene schreiben, bei der einer der Partner schwerelos ist, müssen Sie die ganze Sache wörtlich nehmen. Wie bei Kafkas Käfer. Nach der Verwandlung ist alles total logisch und korrekt. Ich habe gedacht: Sei wie Kafka! Und habe gelacht. Aber ich war mir natürlich ganz und gar nicht sicher, ob die Welt mitlachen würde. Aber inzwischen habe ich den Eindruck, dass die Welt meinen Humor teilt. Das finde ich natürlich großartig. Manche Werke werden bewundert, manche geliebt. Wenn ich wählen könnte, würde ich mich immer für die Liebe entscheiden.
SPIEGEL: Der Comiczeichner in Ihrem Roman wird von seinen eigenen Figuren, die plötzlich Wirklichkeit werden, heimgesucht. Vor welcher Figur in Ihrem Werk hätten Sie besonders große Angst?
Rushdie: Ehrlich gesagt: Ungefähr jeder Mensch aus meinem neuen Buch würde mir, wenn er wirklich aufträte, mächtig Angst einjagen. Das ist ja ein Roman voller beängstigender Charaktere. Zum Beispiel diese Frau, die einen reichen Ehemann sucht und der Blitze aus den Fingerspitzen schießen – das wäre schon echt ein beunruhigendes Date.
SPIEGEL: Die Lage in Ihrer Märchenwelt ist noch weit bedrohlicher als unsere Weltlage der Gegenwart. Aber das Buch endet mit
einem Mega-Happy-End. In dieser fernen Zukunft herrscht absoluter Frieden, beinahe wunschloses Glück. Ist das Zynismus? Ist die Lage der Welt so schlecht, dass Sie uns trösten müssen?
Rushdie: Ich war ehrlich gesagt selbst überrascht, wie sich das Buch schließlich zu diesem optimistischen Ende hingebogen hat. Ich habe in diesem Buch, mehr als in allen anderen Büchern zuvor, die Technik des Improvisierens genutzt. Ich dachte einfach: Lass laufen! Beobachte, was passiert! Und schließlich lief alles auf diesen süßlichen, idyllischen Ort zu. Das ist ja fast wie eine Walt-Whitman-Ode an New York.
SPIEGEL: Der einzige Wunsch, der am Ende offenbleibt, ist der nach der Rückkehr der Albträume.
Rushdie: Aus Märchen lernen wir ja: Pass auf, was du dir wünschst. Es könnte Wirklichkeit werden. Eine der großen Paradoxien der Menschheit ist es, dass wir in Wahrheit nie das wirklich wollen, von dem wir glauben, dass wir es uns wünschen. So ist das auch mit dem Ende des Romans, wo sich der Erzähler die Albträume zurückwünscht. Der Grund dafür ist ja klar: Diese Welt, in der alle Menschen tolerant sind und offenherzig, zivilisiert und nett und klug, diese Welt wäre ja ungeheuer langweilig. Vielleicht brauchen wir Menschen etwas von dieser Dunkelheit. Es macht das Leben interessanter.
SPIEGEL: Aber nicht so viel Dunkelheit wie in diesen Tagen, oder?
Rushdie: Nein, nein, im Moment haben wir definitiv zu viel davon. Wir machen offensichtlich irgendetwas falsch.
SPIEGEL: Die Bilder aus Paris und von anderswo in diesen Tagen erscheinen wie wahr gewordene Albträume. Wie können wir verhindern, dass sich auch Paris, dass sich die Großstädte Europas infolge des Terrors für immer verändern?
Rushdie: Eigentlich habe ich dazu nichts anderes zu sagen als jeder andere auch, nämlich, dass es grauenvoll ist. Aber ich erinnere mich an das England der Siebzigerjahre, als ich dort lebte und das Land von den IRA-Bomben erschüttert wurde. Es gab jede Menge Bombenanschläge auf Demos und Pubs. Aber die Engländer haben die Zähne zusammengebissen und einfach weitergemacht wie zuvor. In Paris scheint es ähnlich zu sein. Wissen Sie, ich mag dieses Hashtag "Je suis en terrasse" – "Ich bin auf der Terrasse". Und diesen tollen "Charlie Hebdo"-Cartoon, in dem es hieß: "Danke für das Beten für Paris. Aber wir brauchen nicht mehr Religion." Die Religion von Paris ist Musik, Küsse, Leben, Champagner und Freude. In New York damals, nach 9/11, hat es einige Zeit gedauert, bis die Stadt wieder zu sich selbst fand. Sie verlor für eine Weile ihre Newyorkness, weil die Menschen ängstlich und traumatisiert waren. Es gab in den Wochen danach all diese Geschichten von plötzlichen Freundlichkeitsattacken, Schuhladenbesitzer, die Schuhe an Barfußläufer verschenkten, jede Menge Geschichten von süßlicher Wohltätigkeit, und als dann endlich alle Leute wieder unfreundlich waren und aggressiv und nicht mehr so verdammt nett, dachte ich, oh gut, die Leute fühlen sich wieder wohl.
SPIEGEL: Glauben Sie, wenn der Mordaufruf gegen Sie heute, in den Tagen der allgegenwärtigen Bedrohung durch islamistischen Terror, ausgesprochen würde, gäbe es mehr Solidarität für Sie?
Rushdie: Nein, ich denke, es gäbe weniger Solidarität.
SPIEGEL: Weniger? Warum?
Rushdie: Ganz sicher. Wissen Sie, ich war so überrascht, als "Charlie Hebdo" vom amerikanischen P. E. N. im Mai diesen Ehrenpreis für besonderen Mut im Kampf für die Freiheit des Wortes bekommen sollte und viele großartige Autoren wie Peter Carey, Joyce Carol Oates, Junot Díaz, Michael Ondaatje eine Erklärung unterzeichneten, in der sie gegen diese Auszeichnung protestierten. Sie beschuldigten das Magazin, rassistisch zu sein, sie behaupteten, "Charlie Hebdo" würde eine soziale Gruppe beleidigen, die ohnehin schon unterdrückt und in einer schwierigen Situation sei. Daran stimmte überhaupt nichts: "Charlie Hebdo" hat niemals die muslimische Gemeinde attackiert, sondern Fanatiker, die Zeichner waren überhaupt nicht rassistisch. Am meisten erschütterte mich damals, dass einer der Anführer dieses Protests ein sehr talentierter nigerianisch-amerikanischer Schriftsteller war, Teju Cole. Ich hatte sein erstes Buch sehr gelobt, und jetzt schrieb ich ihm: "Teju, was zur Hölle machst du da?" Er schrieb mir zurück: "Hey, ich respektiere dich sehr, und ich habe viel von dir gelernt. Aber bei dir ging es ja damals um den Vorwurf der Blasphemie." Er habe nichts gegen Blasphemie, im Gegenteil, Blasphemie bringe die Gesellschaften voran. Aber hier sei es um Rassismus gegangen. Ich antwortete ihm: "Als diese Männer in die Büros von ,Charlie Hebdo' kamen, um die Leute zu ermorden, kamen sie, weil sie glaubten, ihr Prophet sei beleidigt worden. Also war es Blasphemie. Und wenn du 'Charlie Hebdo' nicht unterstützen kannst, dann kannst du mich auch nicht unterstützen."
SPIEGEL: Das hat Sie überrascht?
Rushdie: Ich war geschockt. Würden "Die satanischen Verse" heute veröffentlicht, gäbe es eine Menge Leute, die sagen würden, dieses Buch beleidige eine Minderheit. Es wäre viel schwieriger für mich heute. Da bin ich mir sicher.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Rushdie: Political Correctness. In Europa: Antiamerikanismus. Die USA als die böse Macht. Was immer die Vereinigten Staaten tun, ist falsch. Teile der Linken in England und Europa sind Verbündete des Islamismus. Das ist ein Problem. Damals gab es vielleicht drei, vier Autoren, die nicht auf meiner Seite waren. Aber auf der ganzen Welt waren 99,9 Prozent auf meiner Seite, und es gab eine riesige Solidarität. Übrigens auch in der islamischen Welt. Es erschien damals ein Buch mit 100 Essays von muslimischen Intellektuellen, um mich zu unterstützen. Das war sehr beeindruckend.
SPIEGEL: Wächst Ihre eigene Angst in diesen Tagen?
Rushdie: Oh nein, ich lebe mit diesem Ding seit – hm, wie viel sind es? – 27 Jahren. Meine Angst wächst nicht. Seit 16 Jahren gibt es keinen Sicherheitsdienst mehr für mich. Ich lebe seit vielen Jahren in New York ein normales Leben als freier Mensch, ich reise um die ganze Welt, trete öffentlich auf, lese aus meinen Büchern, alles ist völlig in Ordnung. Und die Zeit geht so schnell vorbei. Wenn Sie heute einem jungen Menschen die Geschichte der Todesdrohung gegen mich erzählen, klingt das für ihn wohl wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit. Es gibt wichtigere Dinge in den Köpfen der Menschen.
SPIEGEL: Wir sind hier am Potsdamer Platz in Berlin nur etwa zwei Kilometer von dem Ort entfernt, an dem vor mehr als 80 Jahren die zentrale deutsche Bücherverbrennung stattfand. Auch Ihre Bücher wurden einst verbrannt. Denken Sie manchmal, dass das auch eine ehrenvolle Sache ist? Dass Machthaber eines totalitären Regimes solche Angst vor der Literatur haben, dass sie sie verbrennen müssen und die Autoren verbannen oder ermorden?
Rushdie: Es ist schwer, über Bücherverbrennungen als etwas Positives zu sprechen. Aber Sie haben recht. Es ist eines dieser großen Geheimnisse, dass Menschen mit Macht immense Angst vor Worten haben, Angst vor Menschen, die mit Worten umgehen können. Wo immer auf dieser Welt ein autoritäres Regime herrscht, richtet es sich gegen die Literatur. Und Literatur hat keine Armee, sie hat keine Banden, keine Gangs, aber was sie hat, ist dies: Sie weigert sich zu akzeptieren, dass man einer Gesellschaft eine Geschichte von außen aufzwingen kann. Tyrannen versuchen, ihrem Land eine einzige Geschichte aufzuzwingen. Sie sagen: Es ist so, wie wir sagen. Tanz nicht aus der Reihe! Sonst bekommst du Ärger. Literatur tanzt ständig aus der Reihe. Das ist ihre Natur.
SPIEGEL: Einer der Autoren, die sich sehr früh mit Ihnen solidarisierten, war Günter Grass, der in diesem Jahr gestorben ist. Hatten Sie bis zum Ende Kontakt mit ihm?
Rushdie: Im vergangenen Jahr nicht mehr direkt. Wir haben uns über unseren gemeinsamen Freund John Irving Nachrichten zukommen lassen. Aber Günter Grass ist meine früheste Erinnerung, die ich mit Deutschland verbinde. 1982 stellte ich in Hamburg ein Buch von mir vor, jemand sagte, Günter Grass bitte mich, ihn zu Hause in Wewelsfleth zu besuchen. Wir haben dann sehr viel Schnaps getrunken. Er hatte zwei Häuser, eins, in dem er lebte und schrieb, und ein anderes als Atelier. Am Ende seines Arbeitstags als Schriftsteller ging er in das andere Haus und wurde Maler und Bildhauer. Und ich dachte: wie großartig, eine zweite Gabe zu haben. Ich beneidete ihn darum. Ich habe keine zweite Begabung.
SPIEGEL: Welche würden Sie sich wünschen?
Rushdie: Ich habe immer davon geträumt, Schauspieler zu werden. In Cambridge habe ich mehr Zeit bei den Drama Societies verbracht als bei den Dichtern, aber irgendwann habe ich mir gesagt, du bist nicht gut genug.
SPIEGEL: Haben Sie es je bereut?
Rushdie: Nein. Aber der Traum ist noch da. Wann immer mir kleine Rollen angeboten werden, nehme ich die an. Zum Beispiel in Helen Hunts "Then She Found Me" spiele ich mit, und natürlich in dieser Partyszene in "Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück", und eine Sache bedauere ich wirklich: In Will Ferrells "Ricky Bobby – König der Rennfahrer", da wollten sie eine echte Top-Gun-Szene mit mir drehen, ich sollte langsam, heldenhaft, in Zeitlupe als Nascar-Driver gekleidet auf die Strecke zuschreiten, zusammen mit Julian Schnabel und Lou Reed. Wir drei sollten als maximal unwahrscheinliche Nascar-Driver-Typen da auftreten.
SPIEGEL: Warum kam es nicht dazu?
Rushdie: Die Terminpläne dieser Filmleute sind sehr eng, und der Tag, an dem sie das drehen wollten, passte uns dreien nicht. Drei Tage später, und es wäre eine Szene für die Ewigkeit geworden.
SPIEGEL: Herr Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Salman Rushdie: "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte". Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. C. Bertelsmann Verlag, München; 384 Seiten; 19,99 Euro.
Von Volker Weidermann

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