26.07.1999

FUSSBALLSauerbraten und St. Pauli

Es sind diplomatische Gründe, die Deutschlands Nationalspieler nach Mexiko verschlagen haben: Angeführt von Franz Beckenbauer, will der DFB die Weltmeisterschaft 2006 ins Land holen. Anfang August wird das Bewerbungsdossier übergeben - die Stimmung ist gedämpft.
Das Spektrum der Wahlhelfer, die sich für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) ins Zeug legen, ist von beachtlicher Breite. Im mexikanischen Guadalajara, beim Konföderationen-Cup, schwitzen diese Woche die bislang international eher unbekannten Herren Baumann (Bremen), Maul (Bielefeld) und Gerber (Stuttgart), um bei den Mächtigen des Weltfußballs Schönwetter zu machen.
In seinem knapp 1000 Seiten starken Bewerbungsdossier bietet der DFB lieber ein paar Altstars auf: Einstein (Ulm), Goethe (Weimar) und Luther (Eisleben) werben im zweiten Kapitel unter der Rubrik "Deutschland - eine Reise wert".
Alle Kräfte zu bündeln hat nationale Bedeutung: Deutschland bemüht sich, nach der so erfolgreichen Premiere im Jahre 1974, erneut um die Ausrichtung einer Weltmeisterschaft. Die Konkurrenz für das Turnier des Jahres 2006 kommt aus Brasilien, England, Marokko und Südafrika.
Nach Jahren des Vorgeplänkels wird es allmählich ernst. Übernächste Woche liefert Franz Beckenbauer, als Präsident des Bewerbungskomitees verantwortlich für die 20 Millionen Mark teure Kampagne, das Dokument termingenau am Zürcher Fifa-Sitz ab. Beim Studium des Konvoluts wird Weltverbandschef Joseph Blatter viel über deutsche Lebensart erfahren, aber auch harte Fakten: etwa, daß Deutschland mit 200 Millionen Mark Zuschauereinnahmen kalkuliert; oder - in Anhang B, unter Punkt "4.5. Pissoir" -, daß auch die Mannschaftskabinen des neu konzipierten Zentralstadions in Leipzig allen Bedürfnissen vorschriftsmäßig gerecht werden.
Deutschland, wirbt der DFB, sei ein "Land der wunderbaren Vielfalt": Es gebe "Bier und Ballett, Goethe und Galerien, Sauerbraten und St. Pauli". Die 24 Wahlmänner der Fifa werden beeindruckt sein. "Ein Fragenkatalog, der es in sich hat", wie Beckenbauer stöhnt, wäre damit beantwortet. "Unser Gefühl sagt uns, daß wir gut dabei sind."
Solche Zuversicht ist jedoch genauso gespielt wie die Gemütsruhe im Fernsehspot mit Boris Becker und Thomas Gottschalk ("Bis 2006 krieg''n wa ''n Rasen schon hin"), der die Bewerbung medial unterfüttern soll. In Wahrheit gestaltet sich der Sommer als ein fortwährendes Krisenmanagement.
Öffentliches Gezänk über ungelöste Finanzierungsfragen bei der Runderneuerung des Berliner Olympiastadions, Wehgeschrei über ein Bestuhlungsproblem in der Hauptstadt-Arena und ein Warnstreik auf der Baustelle des Hamburger Volksparkstadions haben der Darstellung einer vermeintlich makellosen Infrastruktur mächtig geschadet. "Unsere Mitbewerber", schwant DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, "nehmen da jedes Krümelchen auf."
Zudem hat die Fifa-Exekutive, weil sie kürzlich die WM-Vergabe von März auf Juli 2000 verschob, sämtliche Termin- und Haushaltspläne durcheinandergebracht - und obendrein Spätstartern unter den Mitbewerbern wieder ins Rennen verholfen.
Der Kaiser grollt. Als im Hotel Century Plaza von Los Angeles die Entscheidung zur Wahlkampf-Verlängerung fiel, die ihm notgedrungen auch noch Reisen zu Fußball-Kongressen nach Nassau und Kuala
* Roland Maul, Mustafa Dogan, Bernd Schneider, Heiko Gerber, Frank Baumann, Robert Enke.
Lumpur aufbürdet, war Beckenbauer nicht da. Gemeinsam mit "seinem Schatten", wie ein Beobachter den Kontaktehändler und Kandidatur-Koordinator Fedor Radmann nennt, hatte es ihn in Kulissengespräche verstrickt. Die veränderte Gefechtslage erfuhr er fernmündlich.
Neulich, bei einer Talkrunde in Leverkusen, offenbarte Beckenbauer für einen unkontrollierten Moment seinen Verdruß: daß "die Fifa immer wieder mit neuen Forderungen daherkommt", entfährt es ihm.
Mitstreitern ist in den vergangenen Wochen hinter der randlosen Brille wieder häufiger dieser zynisches Blitzgewitter ankündigende Blick aufgefallen, den man bei Beckenbauer zuletzt wahrgenommen hatte, als er beim FC Bayern die Mannschaft trainierte und "diesen Pfeifen" vom DFB die Flötentöne beibringen wollte.
Seinerzeit wurden seine besten Profis vom Bundestrainer Berti Vogts zu einem Testkick in Abu Dhabi genötigt, der wilde Kaiser empfahl dem DFB-Team spitz, "lieber in Australien" anzutreten: "Da können s'' noch ein wenig länger fliegen." Jetzt schickte der DFB-Vize Beckenbauer die Nationalmannschaft ins zwölfeinhalb Flugstunden entfernte Mexiko - zum "denkbar schlechtesten Zeitpunkt", wie ihm die Arbeitgeber der Auswahlkicker mit Hinweis auf die Bundesligavorbereitung bedeuteten.
Der Kampagnenchef verweist auf übergeordnete Interessen. Daß Deutschland, das dem letzten Konföderationen-Turnier 1997 ferngeblieben war, nun für die Weltmeister aus Frankreich einsprang, "hat uns stark zurückgebracht in den Wettbewerb", glaubt Beckenbauer mit Tunnelblick auf die WM-Kandidatur.
Und so präsentierten sich die kickenden Botschafter vorigen Dienstag auf dem gepflegten Grün des Aristokratenclubs Atlas de Guadalajara erstmals mit dem Bewerbungslogo auf dem Trainingshemd. "Hierbas", kichert ein mexikanischer Reporter abends vor der Pressekonferenz, als er den Namen des Debütanten Heiko Gerber auszusprechen übt - Hierbas bedeutet "Kräuter". Ob der Kader der Namenlosen in Mexiko die Bewerbung unter Feuer setzen kann, ist schwer vorauszusagen. Seine Favoritenstellung hatte Deutschland bereits zuvor unverschuldet eingebüßt - auf dem Terrain der Sportpolitik.
Als Chuck Blazer, Generalsekretär der nord- und zentralamerikanischen Konföderation Concacaf, den Antrag zur Wahlverschiebung auf die Agenda hob, verbuchte der Aspirant Brasilien damit seinen ersten Etappensieg. Die Südamerikaner, bislang nicht mal durch ein funktionierendes Bewerbungskomitee aufgefallen, wollen offenkundig die geschenkte Nachspielzeit zur Geldeintreibung nutzen: Ausrüster Nike, schon Vermarktungspartner des Vizeweltmeisters, soll nun auch als Finanzier der WM-Kandidatur beispringen.
Erstmals trat in diesem Monat auch Marokko mit einem Kandidatenstand in Erscheinung. Zweimal, für 1994 und 1998, wurde dessen Bewerbung abgelehnt - wie es heißt, weil es dem damaligen Fifa-Chef João Havelange bei einem Aufenthalt in Rabat nicht gelang, heim nach Rio zu telefonieren. Das Problem, glauben die Marokkaner, sei im Funknetz-Zeitalter gelöst.
Beckenbauer hält sich grundsätzlich zurück, wenn er die Chancen der Konkurrenten bewerten soll. Südafrikas größter Trumpf, so räumt Deutschlands führender Charismatiker beinahe ehrfürchtig ein, sei Bewerbungschef Nelson Mandela: "Den kann auf der ganzen Welt keiner übertreffen." Aber eine WM mit 64 Spielen und 32 Mannschaften? Die traut man DFB-intern den Südafrikanern dann doch nicht zu.
England ist ein Rivale, der neuerdings eher Sorgen bereitet: Der englische Verband, befürchten DFB-Kreise, plane eine List - ein Bündnis mit Brasilien. Sollte der Streit zwischen der Fifa und den asiatischen Verbänden, die sich mit vier Startplätzen bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea unterrepräsentiert fühlen, tatsächlich zum Boykott führen, wollen die Engländer kurzfristig als Ausrichter einspringen. Weil auszuschließen ist, daß 2006 dann wieder ein europäisches Land Gastgeber werden kann, wäre Brasilien im Vorteil. Den Zwist mit Asien zu schüren, so die Angst beim DFB, liegt also im Interesse zweier deutscher Konkurrenten.
Die Lage ist unübersichtlich. Wo soll Beckenbauer seinen Charme versprühen? Auf dem Golfplatz, wie vor Monaten mit Südkoreas Verbandschef Chung Mong Joon? Oder bei Blatter, dessen Plädoyer für eine WM in Afrika immer weniger überzeugend klingt? Afrikanische Gastgeber erwünscht, heißt es jetzt, aber nur, wenn sie die Fifa-Bedingungen erfüllen.
Das Pflichtenheft verlangt, daß schon acht Monate vor WM-Beginn ein 30 000 Quadratmeter großes Fernsehzentrum bereitgestellt werden muß; daß Vorverträge mit 300 Hotels abzuschließen sind, die der Fifa-Delegation 20 Prozent Nachlaß gewähren; daß Präsident und Organisationschef der Fifa je einen Privatjet gestellt bekommen.
Duzfreund Blatter für den Standort Deutschland zu begeistern, hält Beckenbauer für wichtig: "Der kennt die Abläufe, der kennt seine Leute."
Der Libero ist überall. Als WM-Nuntius rempelt er beim Versuch, mit politischen Größen ins Gespräch zu kommen, zwar auf einem Empfang des Kölner G-8-Gipfels schon mal ein Glas Sekt vom Tablett. Aber immerhin: Bei der WM-Gala kommenden Samstag in der Kölnarena steigt, live im Ersten, erstmals der Kanzler für die Bewerbung in den Ring.
Gerhard Schröders Morgengabe sind je 100 Millionen Mark Bundeszuschuß zu den Stadionbauten in Berlin und Leipzig. Auch beschloß Frankfurts Stadtrat, für die Modernisierung des Waldstadions 125 Millionen zu spendieren; und am Umbau in Hannover beteiligen sich Stadt (17 Millionen) und Land (21 Millionen).
Das freut den DFB. Weil nun "alle Städte Angst haben, bei der WM nicht dabeizusein", erkennt Pressechef Wolfgang Niersbach, habe die 2006-Kampagne "Bewegung reingebracht" in den öffentlichen Zahlungsverkehr und die deutsche Fußballarchitektur. Man könnte meinen, damit sei der Zweck der Kandidatur schon erfüllt.
16 Stadien bietet das DFB-Dossier an. Die Conditio sine qua non von DFB-Chef Egidius Braun, nach der in mindestens zwei Stadien der neuen Länder der WM-Ball rollen müsse, ist seit dem Rückzug Magdeburgs und Dresdens eingedampft. Berlins Schüssel liegt im Westteil der Stadt, und ob in Leipzig gekickt wird, entscheidet der Weltverband. Er wählt nach der Vergabe zehn bis zwölf Standorte aus.
Braun hält sich inzwischen auffallend zurück. Für internationale Kommunikation, sonst Lieblingsressort des Kartoffelhändlers, wurde auf Wunsch der DFB-Direktoren der Marketingexperte Radmann installiert. Der ordnete erst mal die Verkaufsstrategie: Mochte Braun die politische Dimension einer WM im geeinten Deutschland anpreisen, läßt Radmann seinen Diseur Beckenbauer jetzt sagen: "Wiedervereinigung und so, das interessiert keinen Menschen. Auf keinen Fall Politik."
Auf jeden Fall kennt sich Radmann, 54, aus. Den Regierungsmitgliedern der Fifa bietet er nicht staatskundlichen Überbau, sondern die Vermittlung günstiger Konditionen beim Kauf von Schienbeinschonern an. Bei Horst Dassler, dem Adidas-Firmenchef, lernte der frühere Kurdirektor von Berchtesgaden die Kniffe der Sportpolitik. Später stand er bei den Sportvermarktern ISL und CWL im Lohn. "Mein Vorteil", findet Radmann, "ist wohl, daß ich immer saubere und seriöse Arbeit geleistet und nie jemanden über den Tisch gezogen habe."
Als Krisenmanager erwarb Radmann, nebenbei Gesellschafter beim Projekt König-Ludwig-Musical in Neuschwanstein, früh Erfahrung. Der Vater war bei den Festspielen in Bayreuth Chef der Gastronomie, und als einmal die gesamte Belegschaft in den Ausstand trat, rekrutierte der Sohnemann neues Bedienungspersonal aus dem Hörsaal der Universität.
Solche Flexibilität legt er auch im aktuellen Job an den Tag: Kurz vor Beginn einer DFB-Veranstaltung in der Leverkusener BayArena sprintet Radmann zum Podium, um Innenminister Otto Schily und WDR-Intendant Fritz Pleitgen Anstecknadeln mit dem Bewerbungslogo ans Revers zu klemmen. Oder er reist mit Beckenbauer nach Hamburg zu Springer-Vorstand Claus Larass, um für die Kampagne publizistischen Beistand festzuklopfen.
In Sachen Marketing scheint also alles im Lot. Schwieriger gestaltet sich das Fiskalische. Zwar errang der DFB Ende Februar im Bundesfinanzministerium einen Punktsieg: Die Fifa wird von der deutschen Quellensteuer befreit. Anderen Profiteuren des WM-Spektakels aber, Spielern oder Lizenznehmern, bleibt der Dispens verwehrt. Auf DFB-Wunsch strich die Fifa die Passage aus den Vorgaben.
Das bedeutet: Prämien für die Mannschaften unterlägen 2006 in Deutschland ebenso einem Quellensteuerabzug von 25 Prozent wie das Geld, das etwa Vermarkter von Fernsehrechten erlösen.
Diese Einschränkung könnte, da der Weltverband an den TV-Geschäften gewinnbeteiligt ist, dessen Erträge schmälern. Fraglich also, ob das Steuergeschenk wirklich als Meilenstein auf dem Weg zur Erwählung gelten kann.
Auch die Veröffentlichung einer "sozioökonomischen Analyse" entpuppt sich bei genauem Hinsehen als luftige PR-Aktion. Stolz präsentierte der DFB die Ermittlungen eines Paderborner Forschungsteams, wonach eine WM der deutschen Volkswirtschaft fünf Milliarden Mark bringe; der Vorbehalt der Wissenschaftler wurde verschwiegen: Das Rechenspiel gehe nur unter optimalen Bedingungen im Berechnungszeitraum 2000 bis 2015 auf. Bei "vorsichtiger" Einschätzung löse die WM "einen nur geringen gesamtwirtschaftlichen Impuls von höchstens einer Milliarde Mark" aus.
Folgekosten mangels künftiger Einnahmen in den renovierten Stadien, so die Expertise, führten dann "unter Umständen zu einer nationalen Wohlstandsminderung". JÖRG KRAMER
* Roland Maul, Mustafa Dogan, Bernd Schneider, Heiko Gerber, Frank Baumann, Robert Enke.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 30/1999
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