20.06.1983

WERBUNGRein deutsch

Der Postminister kündigte überraschend den Werbevertrag mit der Hamburger Agentur Lintas. Sollen jetzt CDU-Agenturen versorgt werden? *
Der Anruf aus dem Bonner Postministerium löste in der Hamburger Werbeagentur Lintas Jubel aus.
Mit den "besten Wünschen vom Herrn Minister" wurde Lintas-Chef Ingo Zuberbier die Nachricht übermittelt, soeben den 50 Millionen Mark schweren Werbeetat der Bundespost gewonnen zu haben. In einem monatelangen, aufwendigen Verfahren hatte sich die Groß-Agentur gegen zunächst 20, zuletzt zwei Konkurrenten durchgesetzt.
Zuberbier, dessen Firma bereits seit 1971 für die Post wirbt, vermeldete den neuerlichen Sieg mit "Stolz und Freude". Für die "nächsten vier bis sechs Jahre", so war dem Werbemann signalisiert worden, sei die Zusammenarbeit gesichert. Doch jetzt, genau ein Jahr nach dem Freudentag, ist bei Lintas von Stolz nichts mehr zu spüren. Vorletzten Freitag, im achten Monat seiner Amtszeit, revidierte Bonns neuer Postminister Christian Schwarz-Schilling plötzlich und unerwartet die Entscheidung seines sozialdemokratischen Vorgängers Hans Matthöfer.
Ohne Vorwarnung schickte der Christdemokrat den Hamburgern die Kündigung. In einem knappen, fünfzeiligen Einschreiben erklärte er die Zusammenarbeit zum Jahresende für beendet.
So hatte sich Zuberbier die Wende in Bonn nicht vorgestellt. Bestürzt verlangte der erfolggewohnte Werbemanager eine Aussprache beim Minister.
Ein einleuchtender Grund für die abrupte Kündigung ist nicht zu erkennen. Die Lintas-Werber haben all die Jahre gekonnte Kampagnen gefahren. Unbestritten gehört die Zusammenarbeit zwischen dem größten deutschen Reklameunternehmen und dem größten deutschen Dienstleister zu den erfolgreichsten Verbindungen in der einheimischen Werbung. Zuberbier kann sich dabei auf einhellige Urteile berufen, die seiner Firma beste Zeugnisse für die Postwerbung ausstellen.
Die Lintas-Werbung trug dazu bei, das Telephon, den Geldbringer des Staatsunternehmens, zu einem weitverbreiteten Haushaltsgerät zu machen. Bei der Übernahme der Telephonwerbung durch die Hamburger (1975) betrug die Telephondichte im privaten Bereich bundesweit 37 Prozent. Daß heute drei von vier Haushalten über einen Anschluß verfügen, sei mit ein "Erfolg der Agentur", glaubt auch Guido Stanovsky, im Ministerium für die Werbung zuständig.
Lintas-Slogans wie "Ruf doch mal an" wurden zu geflügelten Worten. Der von Lintas geprägte "Mondscheintarif" steht gar im Duden.
Denkbar sogar, daß sich die Werbefirma um die Schreibfreudigkeit der Deutschen verdient gemacht hat. Jedenfalls mußten die Briefträger 1982, zwei Jahre nachdem eine Lintas-Kampagne gestartet worden war ("Schreib mal wieder"), 700 Millionen Briefe mehr verteilen als im Jahr davor.
"In aller Regel kündigt ein Kunde seiner Agentur nur dann die Zusammenarbeit auf, wenn er mit den Leistungen nicht mehr zufrieden ist", ärgert sich Zuberbier. Das aber sei "in unserem Fall nun wirklich nicht gegeben".
Für Schwarz-Schilling ist die Leistung kein Argument. Der Oberpostler berief sich, gegen den Rat der zuständigen Abteilungsleiter, auf politische Gründe.
Er habe die Entscheidung getroffen, ließ der Minister verbreiten, um damit "auch auf diesem Gebiet der Regierungserklärung Bundeskanzler Kohls
über die Förderung der mittelständischen Wirtschaft zu folgen". Als größte deutsche Agentur, die zudem zum New Yorker Werbemulti Interpublic gehöre, entspreche Lintas nicht dem Mittelstands-Credo der neuen Regierung.
Daß Lintas/Deutschland mit ihren 460 Mitarbeitern und zuletzt 450 Millionen Mark Werbevolumen durchaus zu den mittelständischen Unternehmen zählt, ließ Schwarz-Schilling nicht gelten.
Zuberbier reagierte empört: Man könne den Begriff Mittelstand doch nicht nach Gusto neu definieren. Wenn Schwarz-Schilling sein Familienunternehmen "Sonnenschein Batterien", in dem mehr als 1000 Mitarbeiter tätig sind, als mittelständisch bezeichne, dann müsse dies doch wohl erst recht für einen 500-Mann-Betrieb der Werbung gelten, auch wenn der Branchenführer sei.
Die Gesellschaft Werbeagenturen (GWA), ein Zusammenschluß der umsatzstärksten Reklamefirmen, mag das Argument des Ministers ebenfalls nicht gelten lassen. GWA-Geschäftsführer Dieter Schweickhardt: "Es gibt in Deutschland keine Werbekonzerne, selbst die großen Unternehmen wie Lintas gehören im klassischen Sinn absolut zum Mittelstand."
Sein Faible für den Mittelstand hat Schwarz-Schilling ganz plötzlich entdeckt. Noch vor Wochen wollte er eine Verordnung durchdrücken, die das zukunftsträchtige Verkabelungsgeschäft allein seinem Postbetrieb sichern sollte. Erst nach heftigen Protesten der Betroffenen änderte der Minister die Verordnung, jetzt können mittelständische Elektrobetriebe auch etwas mitbekommen.
Am Mittwoch vergangener Woche, als Zuberbier zu einem Gespräch unter vier Augen nach Bonn gebeten wurde, zeigte sich Schwarz-Schilling schon wieder unentschlossen. Es könne durchaus sein, daß Lintas vielleicht doch Teile des Etats behalten könne, versuchte er den aufgebrachten Agenturchef zu beruhigen.
Die wohlfeilen Mittelstandsparolen und Kohls Regierungserklärung dienen dem bislang reichlich unsicheren Postminister wohl auch nur als Vorwand für die Kündigung. Dahinter steht mehr: Schon lange ärgern sich kleinere, rein deutsche Agenturen über die Etatvergabe der Post.
"Es ist bitter, diese größte Aufgabe der öffentlichen Hand immer nur in ausländischen Händen zu sehen", klagt etwa Rolf Eggert, Inhaber einer pfiffigen Düsseldorfer Agentur.
Ein Eggert-Ableger, die ABC Presse-Information, hatte im vergangenen Jahr den PR-Etat der Post (acht Millionen Mark) gegen den Lokalrivalen GGK gewinnen können. Nun hofft der Düsseldorfer Werber auf mehr.
In der Branche wird indes vermutet, daß Schwarz-Schilling Teile seines Werbepakets an Agenturen vergeben will, die der CDU nahestehen. Auf der Liste derer, die jetzt zur Präsentation aufgerufen werden sollen, steht die Solinger Firma Mannstein, die seit Jahren für die Bundes-CDU Wahlkämpfe bestreitet. Für die Post hat Inhaber Coordt von Mannstein schon mal Briefmarken gestaltet.
Auch die Agentur William Wilkens in Hamburg, auf der Rangliste der Umsatzstärksten immerhin auf Platz elf, aber "rein deutsch", macht sich Hoffnung - mit dem Hinweis, den diesjährigen schleswig-holsteinischen Wahlkampf für Ministerpräsident Uwe Barschel erfolgreich bestritten zu haben.
Bei Lintas, wo durch den Post-Rausschmiß rund 50 Arbeitsplätze gefährdet sind, bemüht sich die Agenturspitze jetzt um einen anderen öffentlichen Großetat. Die Bundesbahn hat ihren ebenfalls 50 Millionen Mark teuren Werbeetat turnusgemäß ausgeschrieben. Auch Lintas erhielt die Bewerbungsunterlagen.
Die Chancen stehen allerdings nicht gut. Als Favorit gilt der bisherige Partner, die Frankfurter Agentur McCann-Erickson, die für das Transportunternehmen Sprüche wie "Alle reden vom Wetter. Wir nicht" erdacht hat. McCann-Chef Wolf D. Voltmer gibt sich zuversichtlich, für die Schiene auch weiterhin im Geschäft zu bleiben.
Mittelständischer als Lintas ist McCann allerdings nicht. Das Unternehmen hält mit 420 Mitarbeitern und knapp 380 Millionen Mark Umsatz nach der Lintas den Platz des Branchenzweiten. Seine Gewinne führt es, wie Lintas, an die New Yorker Interpublik ab.
Schwarz-Schillings eigenwillige Interpretation der Regierungserklärung ist jedoch für den Bahnvorstand bislang "kein Thema". DB-Sprecher Elmar Haass: "Wir haben die leistungsstärksten Agenturen zum Wettbewerb aufgefordert und bislang auch keine anderen Weisungen."

DER SPIEGEL 25/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WERBUNG:
Rein deutsch

  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen