29.08.1983

Zwingende Zweifel

Der Leistungsstand ist in der Leichtathletik so hoch, daß neue Weltrekorde in vielen Wettbewerben nur noch durch Manipulation zustande kommen. *
Der Speer hob ab wie ein Jet", schwärmte der US-Speerwerfer Tom Petranoff, "und flog wie schwerelos dahin." Er landete jenseits der Weltrekordmarke bei 99,72 Meter, eine Weite, die schon Läufer auf der Innenbahn gefährden kann.
Der Mordswurf geschah im Mai beim "Pepsi-Cola-Meeting" im Stadion der Universität von Kalifornien (UCLA) in Los Angeles. Bei dem Gerät handelte es sich um eine Sonderanfertigung, die nicht im Handel zu haben und daher bei internationalen Meisterschaften nicht zugelassen ist. Jüngst bei der WM blieb Petranoff um 14,12 Meter hinter seiner Bestweite zurück.
Verdacht keimte bei den meisten der 24 Weltrekorde des Jahrgangs 1983. Denn die Bedingungen weltrekordreifer Leistungen können Athleten und Funktionäre mitbestimmen: durch vorsortierte Konkurrenz, günstigen Wind, eine hochgelegene Wettkampfstätte - und reichlich Chemie.
"Rekorde bedeuten nichts", urteilte der frühere olympische Medaillengewinner Alain Mimoun aus Algerien, "verglichen mit einem Platz auf dem Siegerpodest." Wenn es um Gold oder Titel geht, muß ein Medaillenanwärter zu einem feststehenden Termin in Höchstform antreten und in aufreibenden Vor-, Zwischen- und Endkämpfen Favoriten und Außenseiter besiegen, ob es regnet oder Gegenwind bläst. Überdies muß er sich auf Dopingkontrollen einstellen.
Rekordversuche unternimmt ein Athlet dagegen, wenn sich möglichst viele Umstände günstig fügen. Vor 10 bis 15 Jahren fielen Weltrekorde noch beiläufig ab, wenn die Weltelite um Olympiasiege kämpfte. Bei den Olympischen Spielen 1968 und 1972 waren jeweils 14mal (in 36 Wettbewerben) Goldmedaillen durch Weltrekordleistungen erhärtet worden, 1980 in Moskau (in 38 Wettbewerben) nur noch sechsmal.
"Weltrekorde sind heute fast nur noch eine Prestige-Angelegenheit eines Landes oder einer Gesellschaftsordnung", schrieb der Schweizer Leichtathletik-Experte Jean Frauenlob. Wenn bei den folgenden "Großveranstaltungen keine leistungsmäßige Bestätigung" folge, würden die Zweifel am Rekord zwingend.
Vor den Weltmeisterschaften in Helsinki waren die Statistiker kaum nachgekommen: Sie protokollierten 21 Weltrekorde. Bei der WM fielen nur noch zwei, beim nachfolgenden Europacup stürzten die Europameisterin Ulrike Meyfarth und die sowjetische Weltmeisterin Tamara Bykowa einen der wenigen unverdächtigen Rekorde: Sie übersprangen 2,03 Meter. Aber wo nur Siege zählen, versagen Rekordler meist - aus unterschiedlichen Gründen.
Neue Welthöchstleistungen etwa im Sprint setzen zumindest optimale Bedingungen voraus. Die DDR-Sprinterin Marlies Göhr hatte sich krank gefühlt und wollte im Juni eigentlich nicht starten, bis Trainer und Funktionäre sie zu einem Rennen nach Maß überredeten. Unter "Bedingungen, wie wir sie wohl nur alle paar Jahre haben" (Göhr), verbesserte sie den 100-Meter-Weltrekord: Es herrschten 28 Grad und Schiebewind, die 400-Meter-Weltrekordlerin Marita Koch bot ernsthafte, aber nicht völlig gleichwertige Konkurrenz.
Etwas später antwortete ihre amerikanische Rivalin Evelyn Ashford. Bei einem Rennen im 2200 Meter hoch gelegenen Colorado Springs korrigierte sie den Göhr-Weltrekord auf 10,79 Sekunden. Zehn Minuten später stürzte auch der US-Sprinter Calvin Smith in 9,93 Sekunden die 100-Meter-Weltbestzeit.
Der zur Zeit schnellste Läufer, Dreifachweltmeister Carl Lewis, der Smith vor und nach dessen Weltrekord besiegte, hatte abgesagt: "Ich habe keine Lust, mit einem Sternchen in der Weltrekordliste zu stehen."
Denn in 2000 Meter Höhe begünstigt ein um etwa 20 Prozent geringerer Luftwiderstand Sprint- und Sprungleistungen. Auf 100 Meter ergibt das einen Vorteil von wenigstens einer zehntel Sekunde. Auch die Weltrekorde über 200 und 400 Meter, im Weit- und Dreisprung fielen in einem Höhenstadion, 2200 Meter hoch in Mexico City. Den 8,90-Meter-Weitsprung des Amerikaners Bob Beamon begünstigten Höhe und Rückenwind nach Expertenmeinung um mindestens 20 Zentimeter.
Mittel- und Langstreckler hemmt der Höhenrausch in sauerstoffärmerer Luft eher. Sie bedürfen zur Rekordanhebung regelwidriger Hilfe: Auch der Brite Sebastian Coe (elf Weltrekorde) bediente sich sogenannter Hasen, die dem angehenden
Rekordler in der Anfangsphase genau das vereinbarte Tempo vorlegten.
Doch bei den Europameisterschaften 1982 verlor Sebcoe, wie ihn die Branche nennt, gegen den Bundesdeutschen Hans-Peter Ferner. Als er in der Saison 1983 in vier Rennen nicht mehr siegen konnte, meldete sich Sensibelchen Coe vor der WM krank und grübelte öffentlich über seinen Rücktritt.
Dagegen benötigte die CSSR-Läuferin Jarmila Kratochvilova bei ihren Weltrekordrennen über 800 und 400 Meter keinen Hasen. Muskelprall, eckig und bar aller Rundungen stampfte sie der Konkurrenz uneinholbar davon. Mediziner bescheinigten der Athletin mit dem kantigen Profil weiblichen Status. Augenschein und überfrauliche Leistungen deuten auf Testosteron, das in der Dopingszene vielverwendete männliche Geschlechtshormon.
"Die Kratochvilova ist für mich kein Thema", sagte die bundesdeutsche 400-Meter-Rekordlerin Gaby Bußmann, die ihre CSSR-Rivalin im Juniorenalter noch besiegt hatte. "Das läßt mich kalt bei all den Veränderungen, die an ihr festzustellen sind."
Der Fachwelt ist die Doppelweltmeisterin Kratochvilova ein Rätsel: Ihre Leistungsteigerung in einem Alter, in dem andere Athleten an Leistungsvermögen einbüßen, ging mit körperlichen Verwandlungen einher. Aber Jarmila Kratochvilova, 32, steigerte sich bei der WM noch, offenbar ohne Furcht vor Doping-Tests. Werfer und Springer dagegen, die deshalb vor Wochen ihre Muskelpräparate abgesetzt hatten, ließen in den Leistungen augenfällig nach.
Zwischen Mai und Juni fielen auch sechs von sieben Weltrekorden in den Würfen und im Kugelstoßen. Doch der Verdacht auf einen Pakt mit der Großchemie stützt sich auf viele Indizien. Werferinnen und Werfer machten mehr als die Hälfte der seit zehn Jahren bestraften 43 Dopingsünder aus.
Die Wurfrekorde wackeln alle Jahre wieder, wenn die Athleten als muskelstarrende Kraftpakete aus dem Wintertraining kommen und ihre ersten Wettkämpfe bestreiten. Während der winterlichen Aufbauphase ächzen sie unter Zentnerlasten, aber sie schlucken auch, gleichsam als flankierende Maßnahme, reichlich muskelpäppelnde Pillen. Dopingtests, das wissen sie, stehen gewöhnlich erst zwischen Juli und September bei den internationalen Höhepunkten der Saison bevor.
So passierte dem US-Diskuswerfer Ben Plucknett ein Betriebsunfall, als er im Januar 1981 in Neuseeland startete, weil er sich in Rekordform fühlte. Er schleuderte prompt Weltrekord. Doch anschließend mußte er unerwartet für das Teströhrchen urinieren. Plucknett wurde überführt und gesperrt, sein Rekord gelöscht.
Im letzten Jahr zogen Sowjet-Funktionäre unmittelbar vor den Europameisterschaften in Athen 26 gemeldete Athleten, vor allem Werfer, zurück. Sie hatten offenbar die vorsorgliche Dopingprobe vor der Abreise nicht bestanden. "Nach Fehlern in der chemischen Vorbereitung der Athleten", räumte ein Ostblock-Funktionär ein, "wird nun schon zu Hause gefahndet."
Unter den zurückgezogenen Sowjet-Athleten befand sich auch Diskuswerfer Jurij Dumtschew, der sich kurz vorher durch einen neuen UdSSR-Rekord empfohlen hatte. Im Mai dieses Jahres wirbelte er die Wurfscheibe auf eine neue Weltrekordmarke (71,88 Meter). Diesmal stellten die Sowjets das Doping vor der WM offenbar rechtzeitig ein. Doch deshalb sanken ihre Leistungen rapide.
Dumtschew schaffte bei der WM nicht einmal die geforderte Qualifikations-Weite und durfte am eigentlichen Wettkampf nicht teilnehmen. Die sowjetische Diskus-Weltrekordlerin Galina Sawinkowa blieb 13,98 Meter unter ihrer Bestleistung. Aber auch der US-Kugelstoßer Kevin Akins verpaßte den Endkampf.
Denn niemand ist frei von Verdacht. Skandinavier decken ihren Bedarf an Leistungspillen über die Baltic Connection aus der UdSSR. Der schwedische Diskus-Wikinger Ricky Bruch bezichtigte sich selbst des Muskeldopings. Rumänen und Bulgaren fielen auf, ebenso beteiligten sich Deutsche am großen Schlucken: Auch der einstige Hammerwurf-Weltrekordler Walter Schmidt tappte in die Falle.
"Von unseren Athleten manipulieren sich 50 Prozent mit chemischen Präparaten", klagte der US-Olympiasieger und Weltrekordler im 400-Meter-Hürdenlauf, Edwin Moses, über seine höchstleistenden Landsleute. "Yes", antwortete der britische Medizinprofessor Arnold Beckett, Mitglied der Doping-Kommission, schlicht auf die Frage, ob er Amerikaner für Doping-Weltmeister halte: "Weil es in Amerika keine Doping-Tests gibt."
Aber neben Pharmastoß und Maßgeräten benötigen Speer- und Diskuswerfer vor allem Gegenwind, der ihre Geräte auf Rekordweiten segeln läßt. Deshalb bevorzugen sie offene, kleine Stadien ohne hohe Tribünen, sogenannte Segelwiesen. Selten erzielen sie ihre Bestweiten bei internationalen Meisterschaften in Großstadien. In deren Innenraum wechselt der Wind, falls er überhaupt weht, oft unberechenbar die Richtung. Noch niemals fiel bei Olympischen Spielen eine Diskus-Weltbestleistung.
Angesichts der kaum kontrollierbaren Möglichkeiten zur Rekord-Manipulation forderte der Schweizer Frauenlob, Weltrekorde nur bei gleichzeitigen, neutralen Dopingkontrollen anzuerkennen. Zudem schlägt er, wie sogar das DDR"Sportecho", vor, nur Weltrekorde in die Rekordlisten aufzunehmen, die bei "den bedeutendsten internationalen Veranstaltungen", etwa Weltmeisterschaften, aufgestellt worden sind.
Beim Olympia 1980 in Moskau war kein Athlet offiziell bei den Dopingproben durchgefallen. Etwas später ermittelte der Kölner Doping-Experte Professor Manfred Donike bei einer Nachkontrolle, daß mindestens zehn Prozent der untersuchten Medaillengewinner Testosteron genommen hatten.
In Los Angeles weigern sich die US-Veranstalter noch beharrlich, nach Testosteron und Koffein überhaupt zu fahnden.

DER SPIEGEL 35/1983
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