05.09.1983

NAHOST-POLITIKSpäte Geburt

Trotz Rücktritt des israelischen Ministerpräsidenten Begin wollte Kanzler Kohl nach Jerusalem reisen. Doch die Israelis winkten ab. *
Als Anfang letzter Woche bekannt wurde, Menachem Begin wolle zurücktreten, kam in der Bonner Regierungszentrale sogar ein wenig Erleichterung auf.
Vielleicht, spekulierten Kanzler-Beamte, wäre es ja eine glückliche Fügung für beide Seiten, wenn der israelische Ministerpräsident nicht mehr Gastgeber für den deutschen Kanzler spielen müßte: Dem unversöhnlichen Begin, der den Mord an seiner Familie nicht vergessen kann, wäre geholfen. Er brauchte nicht gegen schweren inneren Widerstand der deutschen Nationalhymne zu lauschen, deren Melodie ihn an Nazi-Deutschland erinnern muß.
Auch Kohl wäre aus einer ungemütlichen Lage befreit gewesen. Nach Lektüre zahlreicher Erfahrungsberichte aus Jerusalem wußte er, daß er sich auf einen unberechenbaren Partner einzustellen hatte, der auch ihn, wie schon andere Besucher aus der Bundesrepublik, womöglich mit den gröbsten Ausfälligkeiten schockieren würde.
Nun, so hofften die Kanzler-Berater, würde Kohl vielleicht schon einen Begin-Nachfolger sprechen können, nach einer Phase gestörter Beziehungen sollte ein neuer Anfang gemacht werden.
Bis zur letzten Minute hielt Kohl daher, bestärkt vom Bonner Israel-Botschafter Jizchak Ben-Ari, an seinen Reiseplänen fest.
Die Israelis waren aber, zum Ärger der Bonner, nicht mehr interessiert. Nur mit sich selbst beschäftigt, kümmerten sie sich nicht im geringsten um die drängelnden Besucher, die schon reisefertig waren.
Zuerst beruhigten die Israelis die nervösen Anrufer, ermunterten sie, wie verabredet nach Jerusalem zu kommen. Doch schließlich wurde den Deutschen klar: Sie waren lästig, ihr Besuch nicht erwünscht.
Eine offizielle Entschuldigung der verhinderten Gastgeber, nach internationaler Sitte üblich, blieb aus. Dafür reagierten die ausgeladenen Gäste fast so, als wären sie es, die sich zu rechtfertigen hätten. Ängstlich stimmte Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit seinem israelischen Kollegen Jizchak Schamir einen nichtssagenden Satz ab, um nur ja den Eindruck zu vermeiden, die Israelis könnten durch eine Absage verstimmt sein.
Sie verstehen es, bei den Deutschen Schuldgefühle wachzuhalten. Monatelang hatten die Kanzlergehilfen unter diesem Druck die Reise vorbereitet. Kohl hatte sich viel vorgenommen: Er hoffte, nach langer Pause das Versöhnungswerk Konrad Adenauers fortzusetzen. Vorgänger Helmut Schmidt hatte, wegen der israelischen Beute-Politik, eine Einladung ausgeschlagen. Begin revanchierte sich mit wüsten Beschimpfungen.
Nun wollte Kohl sich, nach dem Besuch des einstigen Widerstandskämpfers Willy Brandt vor zehn Jahren, als Mann der neuen Generation präsentieren. Die "Gnade der späten Geburt", so glaubte der 53jährige Kanzler, gebe ihm die Standfestigkeit, selbst einem Mann wie Begin unbefangen vor die Augen zu treten.
Er präparierte sich auf die unheimliche Begegnung wie für das große Staatsexamen: Er sammelte Berichte über Charakter, Leben und Politik Begins, ließ sich von früheren Israel-Besuchern Erfahrungen schildern.
In allen Papieren, die Kohl las, wird Begin als unkalkulierbarer Charakter geschildert: gefühlsgeladen, durch Krankheit geschwächt, von politischen und privaten Schicksalsschlägen deprimiert. Auf alles müsse er gefaßt sein, rieten Kenner dem Kanzler, auf unkontrollierte Ausbrüche, auf Beschimpfungen oder gar auf Nettigkeiten.
Ernsthaft gingen die Kohl-Helfer selbst Gerüchten nach, der Ministerpräsident könne womöglich beim Empfang auf dem Flugplatz, wenn die deutsche Nationalhymne ertönt, sich abwenden oder die Ohren zuhalten. Die Offiziellen in Jerusalem dementierten.
In seinen Ferien am Wolfgangsee hatte Historiker Kohl auch seinen geschichtlichen Horizont erweitert. Er las nach, wie der einstige Terrorist Begin, als Anführer der radikalen Widerstandsbewegung Irgun, gegen die englischen Mandatsherren in Palästina kämpfte und unter nicht ganz geklärten Umständen einen Flügel des King David Hotels, in dem die Gäste letzte Woche absteigen sollten, 1946 in die Luft sprengte.
Auf der langen Autofahrt vom Flughafen zur Gedenkstätte für sechs Millionen ermordete Juden wollte der Kanzler einen Durchbruch versuchen: Während dieser Zeit, so empfahlen seine Helfer, könne Kohl, wenn überhaupt, dem unversöhnlichen und verbitterten Mann näherkommen.
Bei seinen Söhnen holte er sich Rat, wie er Zugang zu einem Menschen finden könne, vor dessen Augen die Deutschen den Vater erschlugen. Wie er sich selbst sein Leben lang mit den Verbrechen der Vergangenheit auseinandergesetzt habe, so das Fazit, das sollte das erste Gesprächsthema sein.
Während seiner Studienzeit in Heidelberg war Kohl in die Vorträge des jüdischen Religions-Philosophen Martin Buber gegangen, in New York traf er Mitglieder jüdischer Organisationen im Leo-Baeck-Institut, bei DDR-Reisen führte er seine beiden Söhne auch ins KZ Buchenwald.
Um den Israeli versöhnlich zu stimmen, wollte der Kanzler auch etwas Handfesteres anbieten: Der Besuch sollte deutlich machen, daß die neue Bonner Regierung das Engagement für die Palästinenser nicht übernommen hat - obwohl der Außenminister nach wie vor Genscher heißt.
Die von den Israelis heftig kritisierte Venedig-Erklärung der EG-Staaten, mit der die PLO von den Europäern anerkannt wurde, sollte nicht mehr zur Sprache kommen. Kein Wort mehr sollte über diesen Beschluß der neun fallen, Kontakte zu allen Beteiligten, auch zur PLO, aufzunehmen und die Palästinenser an Friedensverhandlungen zu beteiligen.
Lange überlegten die Planer auch, ob Kohl dem Israeli nicht unter vier Augen und streng geheim die frohe Botschaft überbringen sollte, daß Bonn auf die Lieferung von Leopard-2-Panzern an die Saudis verzichten wolle.
Der Plan wurde verworfen: Kenner warnten, Begin werde über diesen Triumph nicht schweigen können. Dann aber hätte der Kanzler seine nächste Reise absagen können: den Besuch im Königreich Saudi-Arabien, geplant für Anfang Oktober.

DER SPIEGEL 36/1983
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