07.03.1983

VIETNAM-KRIEGOperation Lazarus

Auf eigene Faust wollte ein Vietnam-Veteran amerikanische Soldaten befreien, die er immer noch in Kriegsgefangenschaft in Vietnam und Laos wähnt.
Der eine tat sich zuletzt dadurch hervor, daß er als ehemaliger Vietnam-Pilot namens Mitchell Gant trotteligen Sowjets deren modernste Kampfmaschine, ein Wunderflugzeug namens "Firefox", entwendete und es der freien Welt zuführte.
Der andere ist seit 1966 Kommandant des intergalaktischen Raumschiffes "Enterprise" und sorgt als Captain James Kirk in den Weiten des Weltalls für Recht und Ordnung.
Für ihren nächsten Film hatten sich die beiden Filmschauspieler Clint Eastwood (Firefox) und William Shatner (Raumschiff Enterprise) unglücklicherweise die gleiche Heldenrolle in den Kopf gesetzt:
Tapferer Vietnam-Kämpe, hochdekoriertes Mitglied der Green Berets, kehrt zehn Jahre nach Ende des amerikanischen Vietnam-Abenteuers zusammen mit einigen Kameraden zurück nach Indochina. Die ehemaligen Elitesoldaten rekrutieren eine kleine, schlagkräftige Söldnertruppe und dringen von Thailand aus in das kommunistische Laos ein.
Dort, so glauben sie, schmachten in einem abgelegenen Landesteil noch immer an die 100 Kameraden von einst, während des Krieges abgeschossene US-Piloten. Die Parole für den Helden und seine Truppe heißt: Sucht, findet und befreit die Gefangenen aus ihrem Dschungellager.
Weiter im Drehbuch vorgesehen: Die Aktion gelingt, im Triumph kehren Befreier und Befreite heim, der US-Präsident sanktioniert das Abenteuer im nachhinein. Sogar der Titel des Films stand schon fest - "Operation Lazarus".
Daß der Welt dieses Heldenopus nun doch erspart bleibt, liegt an der Realität, die sich nicht ans Drehbuch hielt: Ende vergangenen Jahres brach die wirkliche "Operation Lazarus" in einem 30minütigen Feuergefecht zusammen.
Denn - und das war der Clou des geplatzten Films - die verhinderten Befreier gibt es tatsächlich. 30 000 Dollar hatte Eastwood, 10 000 Dollar Shatner springen lassen, um die Filmrechte an den Abenteuern des Oberstleutnants James G. Gritz zu erwerben, der seit mehr als einem Jahr im Grenzgebiet von Thailand und Laos einen Privatkrieg führt.
Schon seit Jahren hält sich das Gerücht, dort in Laos und auch in Vietnam lebten immer noch amerikanische Soldaten in Gefangenschaft, die letzten jener 2494 Vietnam-Kämpfer, über deren Verbleib es bis heute keine Klarheit gibt und die in den USA offiziell als Kriegsgefangene oder Vermißte geführt werden. Indochina-Flüchtlinge behaupten, sie hätten Amerikaner in Lagern gesehen, und auch US-Aufklärungsspezialisten wollen nach der Auswertung von Luftaufnahmen eine solche Möglichkeit nicht ausschließen. Präsident Reagan sprach noch Ende Januar von "glaubwürdigen", aber "unbestätigten" Aussagen.
Zwar verhandelt die Reagan-Administration mit laotischen und vietnamesischen Behörden um eine Zusammenarbeit bei der Aufklärung der 2494 Einzelschicksale. Doch es bestehen keine vollen diplomatischen Beziehungen, die Angehörigen der Opfer empfinden das Verfahren als quälend langsam.
Kein Wunder, daß Abenteurer und Geschäftemacher, aber auch Geheimdienstler S.183 glauben, sie könnten die Prozedur beschleunigen, wenn sie - auch außerhalb der Legalität - selbst aktiv würden.
Immer wieder werden Angehörige von Vietnam-Veteranen um Geld für private Befreiungsaktionen gebeten. "Alle wollen", berichtet Ann Griffith, Direktorin der Organisation von Familienangehörigen vermißter Kriegsteilnehmer, die angeblichen Gefangenen "rausholen, wenn nur jemand mit Gewehren, Geld und verläßlicher Information überkäme".
Um Informationen über möglicherweise noch lebende Amerikaner bemühen sich mehrere private Gruppen. So hat der Ex-Luftwaffen-Oberst Jack Baily ein Schiff ausgerüstet, mit dem er Indochina-Flüchtlinge auf See aufsammelt und sie dann nach überlebenden Amerikanern befragt. Das rechtsradikale Söldner-Magazin "Soldier of Fortune" gründete zusammen mit ehemaligen Geheimdienstmitgliedern eine Zentralstelle zum Sammeln solcher Informationen.
Im Dunstkreis um "Soldier of Fortune", Geheimdienstoperationen und Weißes Haus sind die Kommandounternehmen des James G. Gritz angesiedelt. Seit fast einem Jahr versucht der Geheimdienstausschuß des amerikanischen Senats herauszufinden, ob Gritz Regierungsunterstützung erhalten habe.
In einer Anhörung vor Ausschußmitgliedern gaben Angestellte der Defense Intelligence Agency, des Geheimdienstes der US-Streitkräfte, zu, Gritz bereits kurz nach seinem Ausscheiden bei den Green Berets 1979 angesprochen zu haben, ob er an der Führung eines Kommandounternehmens interessiert sei, das in Laos nach Amerikanern Ausschau halten sollte.
Anfang 1981 stellte der Vietnam-Veteran dann eine eigene Truppe zusammen und trainierte den Dschungelkrieg in Florida. Das Team wurde erst aufgelöst, als Gritz, eigenen Angaben zufolge, erfuhr, daß es ein solches ausgebildetes Team bereits gab.
Im Mai 1981 berichtete dann die "Washington Post" über eine US-Expedition, bei der laotische Söldner erfolglos auf die Suche nach gefangenen US-Soldaten geschickt wurden. Noch im gleichen Jahr sandte auch Gritz einen eigenen Vier-Mann-Trupp über den Mekong, der ebenfalls Informationen über Gefangene sammeln sollte.
Ende 1982 schließlich startete der heute 44jährige Gritz die "Operation Lazarus". Zusammen mit drei weiteren Amerikanern und 15 laotischen Söldnern überquerte er am 27. November den Mekong. Ihr Ziel war das laotische Dorf Sepone, in dessen Nähe ein Gefangenenlager vermutet wurde.
Doch nach drei Tagesmärschen stieß die Gritz-Gruppe auf bewaffneten Widerstand. Nach einem halbstündigen Feuergefecht, bei dem ein laotischer Söldner getötet und drei weitere verwundet wurden, zogen sich die Möchtegern-Befreier schleunigst zurück.
Als die Operation Anfang Februar durch Interviews der Beteiligten bekannt wurde und Laos wie Thailand gegen das Söldnerunternehmen protestierten, gab sich das Weiße Haus überrascht: "Solche Privataktionen sind unseren Bemühungen nur hinderlich."
Doch ganz überzeugend klang die Entrüstung nicht. Daß er ausschließlich auf eigene Faust gehandelt habe, verneint zumindest Gritz: "Einiges Geld kam nicht aus privaten Quellen." Und: "Das FBI, die CIA, die Botschaft (in Bangkok) haben uns geholfen, der Präsident S.185 ist bereit, uns zu unterstützen, sobald wir einen Amerikaner vorzeigen können."
Zumindest soviel ist sicher: Schon vor dem Start des Unternehmens hatte der Schauspieler Clint Eastwood seinen Ex-Kollegen im Weißen Haus über die bevorstehende Aktion unterrichtet und den Präsidenten gebeten, Gritz zu unterstützen. Das Weiße Haus behauptet, die Bitte sei abschlägig beschieden worden; Gritz jedoch berichtet, er habe in Bangkok zustimmende Telegramme erhalten.
Da nach amerikanischem Recht auch die Vorbereitungen zu einer privaten Militäraktion gegen ein Land strafbar sind, mit dem die USA sich nicht im Krieg befinden, nahm die amerikanische Bundespolizei FBI Ermittlungen gegen Gritz auf, doch die zuständige Staatsanwaltschaft fand sich nicht bereit, Anklage zu erheben.
James G. Gritz war da schon wieder im Fernost-Einsatz. Während alle Beteiligten in Hollywood und Washington versuchten, die Geschichte so geräuschlos wie möglich zu verdrängen, startete er eine neue Expedition nach Laos. Wieder kam ein laotischer Söldner ums Leben.
Anfang vergangener Woche jedoch unterbrach der Einzelkämpfer seine Mission. Um Mitarbeiter zu schützen, die in der Zwischenzeit von Thai-Behörden verhaftet worden waren, stellte sich Gritz der Polizei im thailändischen Grenzort Nakhon Phanon.
In Siegerpose behauptete er: "In den letzten 30 Tagen habe ich herausgefunden, daß im kommunistischen Asien immer noch amerikanische Kriegsgefangene leben." Den Beweis blieb er schuldig.

DER SPIEGEL 10/1983
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