11.04.1983

Der kanadische Traum

Der beste Eishockeytorwart aller Zeiten stammt aus der Sowjet-Union. Wladislaw Tretjak möchte als erster Russe Profi im Westen werden.
Im kanadischen Fernsehen verriet der "Verdiente Meister des Sports" aus Moskau ein Geheimnis: "Ich würde gern als Profi bei den Montreal Canadiens spielen", sagte der russische Eishockey-Nationaltorwart Wladislaw Tretjak. Sogar einen Zeitpunkt gab er an: "Vielleicht nach den Olympischen Spielen 1984."
Das Dementi erfolgte noch am gleichen Abend. Der Präsident des UdSSR-Eishockeyverbandes, Boris Majorow, hielt Tretjaks Äußerung für ein Mißverständnis. "Tretjak ist sehr intelligent, er kann so etwas nicht gesagt haben." Tretjak sagte seitdem überhaupt nichts mehr zum Thema. Denn der acht Jahre jüngere Nationalspieler Wladimir Krutow, 22, hatte nachgeplappert: "Wir würden gern zusammen bei den Canadiens spielen."
Verbandschef Majorow nannte gleich ein Hindernis: "Tretjak und Krutow sind Armeeangehörige." Aus der Sowjetarmee kann keiner so ohne weiteres austreten. Allerdings dienen Tretjak und Krutow mehr der Eishockey-Nationalmannschaft als der Armee, wo Tretjak in erster Linie des angemessenen Gehalts wegen Major ist. Sein Dienstbereich ist vorwiegend das kleine Eishockeytor der UdSSR.
Die Werber der großen Eishockeyklubs in der nordamerikanischen Liga (NHL), in der auch die Kanadier spielen, werden aber Torwart Tretjak schon beim bevorstehenden Weltmeisterschaftsturnier vom 16. April bis 2. Mai in der Bundesrepublik mit Angeboten locken.
Generalmanager Lou Nanne aus Minnesota behauptet: "Wir haben schon auf höchster Ebene mit sowjetischen Funktionären über Freigabe-Modalitäten gesprochen, wir sind bald am Ziel, Tretjak wird der erste sein."
Doch Tretjak schweigt. Bei Testspielen gegen die Bundesdeutschen in Garmisch-Partenkirchen und Mannheim, die 3:2 und 5:2 für die Sowjet-Union endeten, überhörte er alle Fragen nach seinen Profiplänen in Kanada. Statt dessen schwärmte er von der Bundesrepublik und ihren Spielern: "Schönes Land, Menschen nett wie in Moskau, deutsche Spieler besser geworden."
Tretjak hofft aber, daß neue Erfolge seine berufliche Situation verbessern. Noch ein Weltmeistertitel mit der Sowjet-Equipe, es wäre für Tretjak der zehnte, und dann sein dritter Olympiasieg 1984 in Sarajevo könnten ihm die Ausreise womöglich erleichtern.
Freiwillig hatten die UdSSR-Funktionäre noch keinen ihrer Eishockeystars für das NHL-Eishockeygeschäft zugelassen. CSSR-Spieler, so die drei Stastny-Brüder, flüchteten zwar schon scharenweise und mit ihren Familien ins gelobte Eishockeyland. Die UdSSR gab aber bisher nur Spieler für den Hamburger SV und Österreich frei.
Das lag daran, daß der sowjetische Konsul Walentin Kulkow in Hamburg ein Eishockeyfan war. "Mal probieren", erklärte er den freudig erregten HSV-Oberen. Zuerst kam Alexej Mischin, 33, der nur in der B-Nationalmannschaft der UdSSR gespielt hatte, zum HSV. Er spielte zwei Jahre, und die Hamburger stiegen in die 2. Bundesliga auf.
Als Mischin, für den die Russen 40 000 Mark pro Saison bekommen haben sollen, nach Gorki zurückkehrte, lösten ihn zwei A-Nationalspieler ab, für die der Hamburger SV 70 000 Mark zahlte. Gemessen an den Fußballstars, war das nicht einmal ein Zehntel der üblichen Ablösesumme.
Aber trotz des Sowjet-Duos geriet der HSV zeitweise in Abstiegsnot. Nationalspieler Jurij Lebedew, 31, erklärte: "Hier beim HSV gibt es ein paar junge Leute, die talentiert sind, aber früher nicht richtig trainiert wurden, wichtige Grundlagen fehlen ihnen deshalb."
Das deutsche Modell werteten zumindest die Sowjet-Funktionäre als positiv. Bereits 1979 schlossen sie mit der NHL einen Vertrag. Der 15 Millionen Dollar garantierende Fünfjahresplan ermöglicht nicht nur den Spielverkehr zwischen Sowjet-Mannschaften und NHL-Teams, sondern erlaubt auch den Austausch von Trainern und Schiedsrichtern. Außerdem finanziert er die Studienreisen der Funktionäre beider Seiten.
Von Spielerwechseln hatte nichts im Vertrag gestanden. Dennoch wollten die Russen auch ihre älteren Stars in absehbarer Zeit als Profis abstellen, als Lohn für Triumphe bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.
Bereits 1982 glaubten die New York Rangers, den sowjetischen Nationalspieler Sergej Kapustin zu bekommen. Minnesota sicherte sich auf der in der Profiliga üblichen Versteigerung wechselwilliger Spieler den UdSSR-Nationalspieler Wiktor Schluktow.
Diesen Wechselpfad wollte wohl auch Tretjak beschreiten. Da trat eine Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen im Sport ein. In der UdSSR wurde der mit West-Funktionären befreundete Sport-Chef Sergej Pawlow abgelöst und als Botschafter in die Mongolei verbannt.
Seitdem stockt der fast schon endgültig vorbereitete Spielerhandel zwischen der Sowjet-Union und den NHL-Managern. Weder Kapustin noch Schluktow wurden Profis. Tretjak mußte seine Pläne zurückstellen.
Vorerst kursiert im Westen nur ein Buch des Sportwissenschaft studierenden Tretjak, das den Titel "Eishockey, der Sport, den ich liebe" trägt. Die englische Ausgabe erschien in Kanada S.214 mit einer Auflage von 110 000 Exemplaren.
Tretjak darf aber noch hoffen. "Leider liegt der Tag, an dem wir auf ihn verzichten müssen, nicht mehr hinter den Bergen", erklärte jetzt der sowjetische Nationaltrainer Wiktor Tichonow. "Wir haben aber immer noch keinen Ersatz."
Schon beim Olympia 1980 im amerikanischen Lake Placid hatte Tretjaks Ruf auch im eigenen Land gelitten. Ausgerechnet im Spiel gegen die USA patzte er beim Stande von 2:1 für die UdSSR so sehr, daß der Ausgleichstreffer für die Amerikaner fiel und Trainer Tichonow den Torwart bis zum Spielende vom Eis nahm. Die Russen verloren dennoch. Tretjak maulte: "Ich glaube, mit mir hätten wir nicht verloren."
Kenner des Sowjet-Sports merkten auf, als Tretjak vor einigen Wochen einen Plan verriet: "Ich möchte die englische Sprache erlernen."
S.212 Mit bundesdeutschem Mannschaftskapitän Erich Kühnhackl. *

DER SPIEGEL 15/1983
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