07.03.1983

Bruder Goldberg, Henker Barbie

An einem Januartag 1975 traf in der Hauptstadt Boliviens ein französischer Jude namens Jean-Michel Goldberg ein, Vater von drei Kindern und Bankkaufmann mit vorzüglicher Reputation. Der Reisende besorgt sich eine leichte Pistole und macht sich auf den Weg, einen besessen gehegten, nur mit seiner Frau abgesprochenen Plan auszuführen: Getarnt als Journalist begegnet Goldberg in einem Restaurant dem Nazi-Henker Klaus Barbie. Mit der entsicherten Waffe in der Manteltasche sitzt der "Interviewer" dem Deutschen, der aus seiner Identität keinerlei Hehl mehr macht, acht Minuten lang gegenüber. Alles Weitere ist geplant: Auf ein mildes Urteil, sogar moralische Anerkennung des demokratischen Auslands rechnend (in den USA ist der Jude Kissinger Außenminister), will Goldberg sich nach dem Attentat stellen. Aber Auge in Auge mit dem "banalen Monstrum" sind seine Haßgefühle plötzlich erschöpft. Auf einem Flug über Jerusalem ist derselbe Goldberg 18 Monate später Passagier der Air-France-Maschine, die Terroristen nach Entebbe entführen.
Diese Episode(n) enthüllt ein Buch unter dem Titel "Ecorche juif" (Der gehäutete Jude), das in Frankreich bereits 1980 erschien, aber dort erst jetzt ins Gespräch gekommen ist: nach Barbies Auslieferung und Einkerkerung in Lyon. Der Bericht (recit), der Barbie und Entebbe betreffend dokumentarisch verfährt, in der Bewältigung der unerledigten Traumata des Autors aber literarisch ausgeschmückt wurde, ist das Psychogramm eines französischen Juden, der ein Leben lang darunter gelitten hat, weder Franzose noch Jude sein zu dürfen. Goldberg wurde 1938 am Tag der deutschen Kristallnacht geboren, der Vater kam in Auschwitz um. Doch seine Mitgift bestand in Heimatlosigkeit: Die Großmutter Berthe Dreyfuss, eine antisemitische Jüdin, zwang den jungen Jean-Michel, sein Judentum zu verleugnen. Die im Vichy-Regime geprägten Mitschüler ließen den "Judenlümmel" keinen Franzosen sein. Mit der Ermordung Klaus Barbies hatte Goldberg die ihm zweifach verweigerte Identität auf spektakuläre Weise nachholen wollen.

DER SPIEGEL 10/1983
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DER SPIEGEL 10/1983
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