31.01.1983

BÜCHERObszönes Kammerspiel

Jean-Paul Jacobs: „Die Bärenhäuterin“. Kouros-Press, Illerzeile 2, Berlin; 96 Seiten; 23 Mark.
In Gustave Flauberts "Versuchung" erscheinen dem Heiligen Antonius die Wollust und der Tod und verkünden ihm die frohe Botschaft von den Herrlichkeiten der Dekadenz. "Es muß", rätselt nach dem Rendezvous der alte Eremit, "irgendwo Urgestalten geben, deren Körper nichts als Bilder sind. Wenn man sie sehen könnte, würde man das Band zwischen Materie und Gedanken kennen, aus dem das Sein besteht."
Der in Berlin lebende Luxemburger Jean-Paul Jacobs, 42, ist diesen Bilderkörpern S.178 in irgendeinem imaginären Museum vermutlich begegnet - und hat mit ihren bizarren Farben sein erstes Buch ausgemalt. Es ist ein absolut verrücktes, vergnüglich musisches, mit brillanter Feder geschriebenes Buch: ein kleines Pandämonium sexueller Lüste und erotomaner Phantasien. Es ist, und konnte auch, nur einem Italiener gewidmet sein: Federico Fellini.
Die Musiker Händel, Beethoven und Paganini, die Maler Magritte und Hieronymus Bosch, die Dichter Vergil, Voltaire, Lord Byron, aber auch Charles Chaplin, Laurel und Hardy und halbnackte Bischöfe sind zugegen auf dem rauschenden Fest einer unio mystica, die einem obszönen Kammerspiel gleicht, in dem die Tabus des bürgerlichen Geschmacks sozusagen mit Samthandschuhen aus den Angeln gehoben werden:
"Ich habe meine Schiffe verbrannt, meinen Koch gegessen, meine Frau verkauft, meine Tochter in Leder eingebunden. Ich will in den letzten Büchern des Wahnsinns lesen und sterben wie ein Gott." - "Ein Diktator, der sich nach dem Scheißen den Arsch nicht abwischt, ist als Partner ungeeigneter als ein Schriftsteller, der zwei Schwänze hat." - "Die Strapse und die Mailänder Stöckelschuhe schmückten ihn mit einem leicht alpinen, vorweihnachtlichen Glanz."
Struktur und Vielfalt des bisher nur in 300 Liebhaberexemplaren aufgelegten Buches lassen sich kaum überschauen, so atemlos bewegt sich der kunstvoll verspielte Text aus Poesie und Tanz, dessen Titel ein beliebiges Irrlicht ist. "Machen wir uns einen schönen Tag", heißt es aus dem Munde Händels, "heute fallen wieder viele Sterne vom Himmel, und viele gute Welten werden sich in nichts auflösen. Und es wird sein, als hätten wir nie das Bewußtsein gehabt, daß es einmal so sein würde, als sei niemals etwas gewesen."
Die Menschen lieben nicht wirkliche Wesen, sondern solche, die sie sich erschaffen haben, meinte schon Proust. Jacobs' visionärer Erzähler beklagt zuletzt eine Leere: die Unerreichbarkeit der Wünsche, die der Ansturm der Millionen Möglichkeiten erzeugt. "Ich habe Euch den Himmel gemalt", sagt der Venezianer Tiepolo, "und Ihr schaut mit den Augen von Teufeln hinein."

DER SPIEGEL 5/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Obszönes Kammerspiel

  • Überwachungsvideo: Polizisten retten Baby vorm Ersticken
  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"