01.08.1983

AFFÄRENEicki und seine Freunde

Aufregung um ein Buch: Erst sollte die Auslieferung gestoppt werden, jetzt sorgt das Werk für Wirbel an der Nordseeküste. *
Detlef Lerch, Mitinhaber des Hamburger Kabel Verlages, verordnete sich vergangene Woche zwei bürofreie Tage.
Es war nicht die Hitze, die den Verleger aus den Geschäftsräumen trieb. Lerch fürchtete vielmehr den Besuch eines Gerichtsboten: Das jüngste Buch des kleinen Verlages, so argwöhnte der Verleger, könnte in letzter Minute durch eine gerichtliche Verfügung gestoppt werden.
So falsch war Lerchs Vermutung nicht. Das Buch mit dem starken Titel "Dreckiger Sumpf" hatte am Ort seiner Handlung schon vor dem Erscheinen für beträchtliche Aufregung gesorgt. _(Günter Handlögten/Henning Venske: ) _("Dreckiger Sumpf". Ernst Kabel Verlag ) _(GmbH, Hamburg; 208 Seiten; 26 Mark. )
Der Oberstadtdirektor der Nordsee-Hafenstadt Wilhelmshaven, in der die Autoren einen "kaum durchdringbaren Filz zwischen Administration und Kapital" geortet hatten, alarmierte auf die Verlagsankündigung hin ein Hamburger Anwaltsbüro. Doch Rechtsanwalt Frank Dahrendorf, einst SPD-Senator in Hamburg und Berlin, mühte sich vergeblich, den Text vorab in die Hände zu bekommen.
Einen warnenden Brief bekam Lerch auch aus dem fernen Stuttgart. Das Vorstandsmitglied der Standard Elektrik Lorenz AG, Ludwig Orth, der früher als Chef der Firma Olympia in Wilhelmshaven gewirkt hatte, verbat sich vorsorglich per Rechtsanwalt die "Verbreitung unwahrer Behauptungen".
Dem Verleger gelang es durch einen Trick, das Buch unbeschadet in den Handel zu schaffen. Vergangenen Mittwoch, eine Woche vor dem angekündigten Termin, fuhren Lastwagen die erste Auflage von gut 8000 Büchern aus einem Lager in Hamburg-Lurup weg. Nur einen Tag später meldete Lerch fröhlich: "Ich bin völlig ausverkauft."
Besonders lebhaft war die Nachfrage in Wilhelmshaven, an der Küste "Schlicktown" genannt. Als am Mittwochmorgen die Gerüchte von der Auslieferung des Buches umliefen, staute sich eine Menschenschlange vor der Bahnhofsbuchhandlung.
Wie in den meisten deutschen Städten können sich auch die Wilhelmshavener nur in einer konkurrenzlosen örtlichen Zeitung über ihre Stadt informieren. Die "Wilhelmshavener Zeitung" aber steht mit den örtlichen Honoratioren auf bestem Fuße.
Als vor Jahren einmal das Fernsehen in den örtlichen Filz leuchten wollte und per Anzeige nach Bürgern suchte, die ihre Erfahrung zur Sprache bringen sollten, blockte die Zeitung ab: Der Verlag verweigerte die Anzeige.
Dennoch gelangte der Bürgerunmut in die Medienstadt Hamburg. Der Journalist Günter Handlögten schrieb im "Stern" einige Artikel über die Zustände in "Schlicktown". Die Veröffentlichungen trieben erst den Korken aus der Flasche: Handlögten wurde von einer Flut immer neuer Informationen überspült. So beschloß er, unter Mithilfe des ehemaligen Fernsehunterhalters Henning Venske, ein Buch zu schreiben.
Es ist ein unaufgeräumtes Buch geworden, in dem die Autoren ihre Wut nur mühsam mit Spott kaschieren. Mit einer Fülle von Dokumenten und Photos belegen sie, wie eine Stadt von einer souveränen Clique aus Wirtschaft und Kommunalpolitik ramponiert wird.
In Wilhelmshaven siedelte sich Ende der siebziger Jahre der britische Chemiekonzern ICI mit einem riesigen Werk an. Niedersachsens Finanzminister Walther Leisler Kiep und Oberstadtdirektor Gerhard Eickmeier ließen sich für die große Tat feiern.
Die wirkliche Geschichte erzählt das Buch. Es gab nicht, wie versprochen, mehrere tausend Arbeitsplätze, sondern nur ein paar hundert - vor allem für Chemiefacharbeiter, die aus der Fremde zuzogen. Mit Hunderten von Millionen Mark an Steuergeldern wurde die Landschaft zerstört, wurden Umweltprobleme geschaffen.
Das Buch erzählt die Geschichte des ehemaligen Oberbürgermeisters Eberhard Krell (SPD), der ein Zusatzgehalt von einer örtlichen Firma bezog. Etwas _(Auf dem Weg zur Gartenparty der ) _(britischen Königin. )
zusammenhanglos - wohl nur, weil es auch in Wilhelmshaven passierte - werden seltsame Geschäfte der AEG-Tochter Olympia geschildert.
Der Bösewicht und gleichzeitig das Abbild des angeblich kühlen, in Wirklichkeit aber sinnesfrohen Machers ist der Oberstadtdirektor Eickmeier, im Ort "Eicki"" genannt.
Eicki ist Sozialdemokrat, einer von jenen, denen "die Linken die alte Arbeiter-Partei" kaputtmachen. Die ICI-Ansiedlung trägt dem Oberstadtdirektor eine Einladung zur Gartenparty bei der britischen Königin ein. In der "Wilhelmshavener Zeitung" erscheint eine Sonderseite: "The Queen and I." Eicki, so erzählt das Buch, hat sich Cut und Zylinder aus dem örtlichen Theaterfundus ausgeliehen.
Handlögten und Venske beschreiben Eickmeiers kurzen Draht zur örtlichen Wirtschaft, der für beide Seiten günstig ist. Eicki ist begeisterter Flieger. So wird in Wilhelmshaven eine Fluggesellschaft gegründet, mit deren Piper PA 28 Eickmeier über Jahre quer durch Europa unterwegs ist. Da der Oberstadtdirektor offenkundig einen Hang zu Spielbanken hat, vermerken die Autoren penibel jene Zielorte, in denen die Roulettkugel rollt.
In dem Kapitel "Eicki und seine Freunde" erwischt es schließlich auch noch den ehemaligen Bundesarbeitsminister Herbert Ehrenberg. Die Autoren erzählen von Ehrenbergs Häuschen im Nordseebad Horumersiel, das direkten Zugang zu einem kleinen Binnensee hat. Als der Gemeinderat einen Wanderweg um den See plante, sah Ehrenberg seinen privaten Zugang gefährdet.
Die Autoren schildern, wie ihm geholfen wurde. Ehrenberg schaltete das Bundeskriminalamt ein: Der Weg, so fanden die Beamten heraus, gefährde die Sicherheit des Sozialdemokraten. So dürfen Spaziergänger heute das Ehrenbergsche Anwesen nur über See anschauen.
Günter Handlögten/Henning Venske: "Dreckiger Sumpf". Ernst Kabel Verlag GmbH, Hamburg; 208 Seiten; 26 Mark. Auf dem Weg zur Gartenparty der britischen Königin.

DER SPIEGEL 31/1983
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