07.03.1983

Star im Keller

„King of Comedy“. Spielfilm von Martin Scorsese. USA 1983; 107 Minuten; Farbe.
Rupert Pupkin, ein Mann Mitte 30, ist ein Amerikaner von auffälliger Durchschnittlichkeit. Als Bote trägt er Briefe zwischen den Büro-Gruften Manhattans hin und her, aber in seinen Tagträumen ist der Typ mit dem bleistiftbreiten Lippenbärtchen im stechend hellen, immer zu glatt gebügelten Polyester-Anzug ganz woanders.
Da absolviert er, von den eingedrillten Lachsalven des Studiopublikums begleitet, als stand-up comedian, als Reißer von Wortgags, einen Gastauftritt in der TV-Talkshow Jerry Langfords, des berühmtesten und beliebtesten US-Bildschirm-Unterhalters.
Der amerikanische Traum, berühmt zu sein und irgendwann ganz oben zu stehen, erfüllt Ruperts Leben restlos und bis zur Manie. Um ihn zu verwirklichen, ist ihm kein Einsatz zu hoch.
Der ruhmsüchtige Pupkin ist der miese Held in Martin Scorseses neuem Film S.213 über einen besessenen Einzelgänger, über eine angeknackste amerikanische Seele und die Absurdität einer Gesellschaft, die sich fast ausschließlich von Illusionen nährt.
Zum fünften Mal, nach schauspielerischen Glanzleistungen in Filmen wie "Taxi Driver" oder "Raging Bull", ist Robert De Niro in der Hauptrolle eines Scorsese-Films zu sehen, und wieder liefert diese Ausnahmeerscheinung des amerikanischen Kinos eine in ihrer Perfektion fast unheimliche Vorstellung.
De Niros Rupert Pupkin trainiert einsam zu Hause im Keller seine TV-Monologe im Kreise von Pappkameraden: Als lebensgroße Photo-Attrappen sind Liza Minnelli und Jerry Langford anwesend. Da ist das Würstchen ein aalglatter Talkmaster, da übt er die Pseudo-Spontaneität und den Kalauer-Talk von Fernsehstars a la Johnny Carson ein und ist in penetranter Lockerheit der Kumpel des glühend verehrten Jerry Langford.
Vor der Tür des Fernsehstudios, wo Langford seine Abend für Abend von Küste zu Küste ins amerikanische Heim gesendete Show teilnahmslos-routiniert in die TV-Maschinerie einspeist, wirft sich Rupert ins hysterische Getümmel der Autogrammjäger und fightet mit um den besten Platz.
Dabei schafft er's, seinem Idol auf die Pelle zu rücken. In panischer Redseligkeit empfiehlt er sich als Gast in Jerrys Show und preist wie ein billiger Jakob seine Jokes an. Indem er Interesse an den Träumen seines Fans heuchelt, wimmelt der genervte Entertainer kühl und humorlos den Quälgeist ab: "Rufen Sie mein Büro an."
Wo allgegenwärtige US-Fernsehplauderer wie Carson oder Merv Griffin sozusagen zur Familie gehören, wo die seelischen Regungen der Helden aus amerikanischen Seifenopern dem Millionenpublikum vertrauter sind als die der Menschen aus der realen Umgebung, kann es nicht überraschen, daß der kleine Pupkin nach seiner Begegnung mit dem leibhaftigen Langford davon überzeugt ist, der Showman sei von nun an sein Freund.
Die Illusion, bald am Ziel seiner Träume, nämlich "King of Comedy" zu sein, treibt Rupert in wilde Halluzinationen: Er trifft sich mit Langford zum Essen, die beiden Kollegen fachsimpeln, machen sich Komplimente und verteilen Autogramme.
Die Wirklichkeit aber ist brutal: Im steril gestylten, von gedämpfter Musiksoße berieselten Langford-Büro wird Rupert immer wieder von einer eiskalt freundlichen Sekretärin abgewiesen und schließlich von Haus-Bullen vor die Tür gesetzt.
Als Rupert in Langfords Landhaus eindringt und der griesgrämige TV-Star ihn gnadenlos abfahren läßt, verwandelt sich der Fan in einen böse enttäuschten Widersacher: "So ist das also, wenn man berühmt ist."
Pupkin prophezeit höhnisch, während er hinausgeworfen wird, daß er trotzdem ein ganz Großer werde, und der rüde Jerry schimpft hinter ihm her: "Dann werden Sie auch Idioten wie Sie am Hals haben, die Ihnen das Leben zur Hölle machen."
Aber richtig zur Hölle macht Pupkin dem Idol das Leben erst, als er ihn zusammen mit einer anderen Langford-Verehrerin kidnappt. Er erpreßt die Fernsehstation und kriegt seinen Auftritt. Unter dröhnendem Gelächter des Publikums erzählt er Anekdoten aus einer kaputten Kindheit in New Jersey und ist der neue Star der Nation.
Weil in diesem neuen, teilweise bitterbösen Film Scorseses Jerry Lewis den Talkmaster Langford spielt, ist eine Warnung nötig. Zwar steckt die Geschichte, von dem früheren "Newsweek"-Kritiker Paul D. Zimmerman geschrieben, voller sarkastischem Witz, eine Komödie von der üblichen Sorte ist sie aber nicht.
Jerry Lewis nämlich führt eine Figur vor, die kaum zum Lachen reizt. Er ist der einsame Fernseh-Superstar, dem das ganze Showbusiness sichtlich auf die Nerven geht. Auf der Straße wird er von Fans gejagt, und nachts sitzt er mürrisch und allein in seiner Wohnung vorm Fernseher.
Scorsese, der präzise Beobachter amerikanischer Wahn-Entgleisungen, ist sich allerdings zu schade für das sentimentale Klischee von der Einsamkeit der Männer an der Spitze. Am Beispiel Pupkin-De Niro zeigt er, daß die Einsamkeit ganz unten genauso groß ist. Arnd Schirmer

DER SPIEGEL 10/1983
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