07.03.1983

BÜCHERMystische Verzückung

Peter Scholl-Latour: „Allah ist mit den Standhaften“. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 766 Seiten; 39,80 Mark.
Beim Anflug auf Teheran startete die Boeing 747 der Air France mit dem aus Frankreich heimkehrenden Ajatollah Chomeini zweimal durch - der Pilot wollte sich vergewissern, daß die Piste nicht blockiert war. Für alle Fälle hatte die Maschine Treibstoff zum Rückflug bis Ankara an Bord.
Auch der bärtige Prophet der islamischen Revolution war sich seiner Sache keineswegs sicher. Deshalb trat, während die Maschine noch in der Luft war, Chomeini-Berater Sadegh Tabatabai (jener, der jetzt in Düsseldorf vor Gericht steht) an einen der mitfliegenden Journalisten heran und übergab ihm eine gelbe Dokumentenmappe: "Nehmen Sie bitte diese Papiere an sich und verstecken Sie sie. Falls wir nach der Landung verhaftet werden, behalten Sie sie; wenn uns nichts passiert, geben Sie sie mir bitte zurück."
Der so beehrte Journalist, Fernsehkorrespondent Peter Scholl-Latour, hatte die Mappe zuvor in den Händen Chomeinis gesehen, der sie Tabatabai übergab, bevor er sich im Oberdeck der Boeing von dem Deutschen beim Gebet filmen ließ.
Scholl-Latour: "Er zögerte nicht lange, in welcher Richtung sich die heilige Kaaba von Mekka befand ... Ich blickte zum Bordfenster hinaus. Die aufgehende Sonne erleuchtete eine wildzerklüftete, S.229 völlig unbewohnte Gebirgswelt und tauchte den Schnee der Gipfel in flüssiges Gold. Unter uns rollte die rauhe Landschaft Persisch-Kurdistans und Aserbeidschans ab. In diesem Moment kam mir nicht der scheppernde Ruf eines Muezzin in den Sinn, sondern der Paukenschlag der Ouvertüre von Richard Strauss: 'Also sprach Zarathustra."
Die Heimflug-Szene mit dem Ajatollah fasziniert dank Scholl-Latours Begabung, politische Nachricht, Naturerlebnis und historische Dimension erzählerisch mit leichter Hand zu verbinden, und das wird über fast 800 Seiten durchgehalten.
Wenn sich schon Scholl-Latours "Der Tod im Reisfeld" mit dem nicht gerade aktuellen Thema Indochinakrieg monatelang auf den Bestsellerlisten hielt, läßt sich für sein neues Buch ein vergleichbarer Erfolg mit Sicherheit voraussagen.
Denn das Thema "Allah ist mit den Standhaften. Begegnungen mit der islamischen Revolution" ist von zwingender, oft beklemmender Aktualität auch dort, wo der Autor Ereignisse und Erlebnisse aufbereitet, die über 30 Jahre zurückliegen.
An die 100 Einzelberichte aus seiner Reportertätigkeit in Moslemländern von der Westküste Afrikas bis nach Südostasien reiht Scholl-Latour, 58, aneinander, ein Kaleidoskop von Szenen, deren schneller Wechsel dem Leser beinahe den Atem nimmt: der Autor gefangen bei den moslemischen Moro-Rebellen auf den Philippinen, beim Trinkgelage mit marokkanischen Offizieren an der Sahara-Front, bei den Schiiten im Libanon oder den Rebellen in Afghanistan.
Schauplätze wie Tunesien, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, Usbekistan und Pakistan rauschen vorüber, oft mit zufälligen, beiläufigen Ereignissen, bedingt durch Scholls Fernsehreportagen, aber nie akademisch abgehandelt, immer erzählerisch nachvollzogen und mit einer stets erkennbaren Gemeinsamkeit: Begegnungen mit jener religiösen Erweckungsbewegung des islamischen Fundamentalismus, der den Moslems gegen Verweltlichung und Verwestlichung die Rückkehr zur eigenen Kultur predigt - eine "Kulturrevolution".
In der algerischen Wüste gestehen dem Reporter zwei christliche Eremiten von der Gemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Heiligen Herzen Jesu", welchen Glaubensanfechtungen in dieser Weltgegend auch gestandene Christen ausgesetzt sind: "Unsere Halluzinationen sind nicht die des Säulenheiligen Antonius aus der thebaischen Wüste ... Aber die Einzigkeit Gottes macht uns zu schaffen, wie der Islam sie so triumphierend, absolut und abstrakt verkündet."
Sowenig sich der Orientwanderer Scholl-Latour scheut, beim Anblick erhabener Landschaften selbst in "mystische Verzückung" zu verfallen, so nüchtern und sicher urteilt er - wobei seine Sicherheit nie arrogant wirkt - etwa über Gaddafi: "Das Verwirrende an (ihm) lag auch darin, daß keine systematische Verteufelung auf ihn paßte und daß man diesem inspirierten Querulanten eine gewisse Sympathie nicht verweigern konnte."
Oder über Chomeinis "System der institutionalisierten Heiligkeit": "Hier war der westlichen Rationalität, die die S.230 Pahlewi-Herrscher so mühselig in Persien einführen wollten, ein Riegel vorgeschoben worden. Hier traten im Gewande der Mystik uralte Realitäten zu Tage."
Was hat in einer Darstellung solcher höchst gegenwärtigen Phänomene ein langes Kapitel über Frankreichs Algerien-Krieg zu suchen? Für den Kriegsreporter Scholl-Latour, der in Algerien französische Kolonialoffiziere aus Indochina wiedertraf, sehr viel.
Denn die Kolonialmacht Frankreich bereitete im nordafrikanischen Maghreb unter dem Anschein, den Islam zu respektieren, in Wahrheit einer Säkularisation den Weg, gegen die viele Moslems schon aufbegehrten, als von Chomeini noch nicht die Rede war. Bei Abzug der Franzosen gab es in der Hauptstadt Algier noch zwölf Moscheen, heute sind es etwa 200. In "wilden Moscheen" predigen fromme Fundamentalisten, denen die offiziellen Religionsgelehrten zu lasch sind, die rechte Lehre.
Welche Lehre? In der Scharia-Fakultät der Jordan University beklagt Scheich Keilani die Verwirrungen der Gläubigen und die Beispiele verdammenswerten religiösen Opportunismus im Dienst korrupter Potentaten: daß die berühmte Al-Azhar-Universität in Kairo Sadats Camp-David-Frieden gebilligt habe und die Religionsgelehrten von Damaskus dem alawitischen Ketzer Assad bestätigt hätten, ein rechtgläubiger Moslem zu sein, obschon er etwa die syrische Stadt Hama in Trümmer legen ließ.
Scholl-Latour in den Ruinen von Hama, nachdem Regierungstruppen den Aufstand rechter Moslembrüder gegen das verweltlichte Regime Assads brutal niedergeschlagen hatten: die Straßen fast menschenleer, die Häuser in Schutt, "wie eine deutsche Mittelstadt nach einem Flächenbombardement des Zweiten Weltkriegs", rund 10 000 Tote.
Gerade Assad, laizistischer Präsident des absurderweise mit dem Ajatollah-Regime befreundeten sozialistischen Syrien, hat in den Augen des Beobachters Scholl-Latour seine Meriten - sogar für den Westen: Er blockte bisher den moslemischen Fundamentalismus auf seinem Marsch von Ost nach West ab.
"Vers l'Orient complique je partais avec des idees simples" (In den komplizierten Orient reiste ich mit einfachen Vorstellungen) - diesen Satz des von ihm bewunderten de Gaulle stellt Scholl-Latour, selbst studierter Orientalist, einem Kapitel seiner Reportagen voran. Und mit den "einfachen Vorstellungen" über den Islam räumt sein Buch auf, vor allem mit jener, der islamische Fundamentalismus sei eine an die Person Chomeinis gebundene Erscheinung.
Sieht man von einem überraschend knappen und schwachen Kapitel über Ägypten ab, könnte hier das zugleich informativste wie auch lesbarste deutsche Buch über die Länder des Islam geschrieben worden sein.

DER SPIEGEL 10/1983
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