07.03.1983

Bücher Theorie des Geschmacks

Pierre Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 880 Seiten; 98 Mark (Leinen), 58 Mark (kartoniert).
Der Franzose Pierre Bourdieu, 52, ist einer der schillerndsten europäischen Kultursoziologen. Einige seiner mitunter dickleibigen Bücher tragen so akademische Titel wie "Zur Soziologie der symbolischen Formen" (1974) oder "Entwurf einer Theorie der Praxis" (1976). Aber hinter diesen Radebrechern, die nicht eben auf eleganten Stil und das reine Lesevergnügen schließen lassen, verschanzt sich ein gelegentlich ganz gewitzter Provokateur.
Zu der Zeit beispielsweise, als die Modeschöpfer der Apo den Parka zur Garderobe der Saison ausriefen, hat sich der Linke Bourdieu in seiner Zeitschrift "Actes de la recherche en sciences sociales" mit feinsinnigen Studien zur Haute Couture abgeplagt. Außerdem ist er ein intimer Kenner der Laienphotographie. Nur in eine Schublade paßt er nicht. Man verdächtigt ihn, ein Strukturalist zu sein, aber wenn ihm das zu Ohren kommt, soll er, entsetzt, die Flucht ergreifen.
Bourdieus neuer Foliant ist ein Sittenspiegel. Er könnte, in Anspielung auf zwei historische Prachtbände des deutschen Kollegen Norbert Elias, auch "Über den Prozeß der Zivilisation" heißen - und zwar der vergangenen 20 Jahre. Thema nämlich ist der zeitgenössische Geschmack, sind die Vorlieben für Möbel und Sport, für Eßgewohnheiten und Redeweisen, für die Selbst- und Fremdbilder des Körpers, für eheliche Treue, Streiks und Antibabypille.
Ein lateinisches Sprichwort orakelt, über Geschmack lasse sich nicht streiten. "Die feinen Unterschiede" sind ein einziger nagender Zweifel daran. Für den Materialisten Bourdieu wird der Hedonismus der Lebensstile von der sozialen Klassenlage diktiert. Bis in die Prozente hinter dem Komma penibel, fertigt der Autor Listen zur Frage, welchen Bürger warum Mozarts "Kleine Nachtmusik", Verdis Oper "La Traviata" oder Allotrias wie "An der schönen blauen Donau" entzücken; wer Breughel-Imitationen übers Sofa hängt oder, umgeben von Wandtellern aus dem letzten Urlaub, lieber in Comics blättert; wer sich mit Visconti unterhält oder den "Würgeengel" schon siebenmal gesehen hat.
Aber Bourdieu ist nicht nur ein geduldiger Faktensammler. Der psychoanalytisch interessierte Forscher hat auch ein Gespür für die verborgene Ästhetik des Alltags. Zu den schönsten Stellen seines Buches zählen die Passagen, in denen er zeigt, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse die scheinbar privatesten Lebensäußerungen prägen - wie sie sich durch die Hintertür meist "unbewußter körperlicher Empfindungen aufzwingen: dem diskreten Gleiten über den beigefarbenen Teppichboden ebenso wie dem kalten, nüchternen Kontakt mit grellfarbenem Linoleum, dem durchdringenden Geruch von Putzmitteln wie dem unmerklichen Duft von Parfum".
Ein materialreiches Buch, aber auch ein schwieriges: vollgestopft mit Diagrammen und Tabellen, in komplizierter Gedankenakrobatik um wissenschaftliche Präzision besorgt. Zudem hat der fleißige Autor ausschließlich französische Umfragen ausgewertet: Bei den Musikvorlieben fällt natürlich der Name Jacques Brel, ein Kriterium für das "Wohlgefallen" an moderner Kunst sind Besuche im Louvre. Aber wer sich trotzdem nicht abschrecken läßt und das voluminöse Bündel aufschnürt, der entdeckt S.232 auch deutsche Attitüden: Die "lebensfrohe Krankenschwester", die Bourdieu auf Seite 556 porträtiert (Fahrerin einer gebrauchten "Ente", Dario-Fo-Plakate an der Wand) ist ebenso in Hamburg zu Hause.
Pierre Bourdieu selbst ist ein linker Bourgeois: der ästhetisch gebildete Feingeist und hartgesottene Klassenkämpfer in einer Person. Natürlicher Feind dieser seltenen Verbindung ist der Kleinbürger. Mit dessen ambitioniertem Geschmack geht Bourdieu schon darum ins Gericht, weil sich der Kleinbürger erdreistet, über den groben Geschmack des Arbeiters die Nase zu rümpfen. Auf diesen dummen Dünkel antwortet der sonst seitenlang differenzierende Bourdieu - als gäbe es nicht den sprichwörtlichen Kitsch der Blümchentapete - mit unverhohlenem Proletkult. Im Streit der Geschmäcker gelten für Bourdieu, im Zweifel, die großen, nicht die feinen Unterschiede.

DER SPIEGEL 10/1983
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