27.06.1983

OPERTrouble in Texas

Leonard Bernsteins erste abendfüllende Oper hat sich als Flop der Saison erwiesen: ein Psycho-Melodram voll anzüglicher Peinlichkeiten. *
Nun hätten sie doch so glücklich sein können, Sam und Dinah, das junge Ehepaar mit dem weißen Häuschen in der properen amerikanischen Vorstadt.
Aber nein. Frust schon beim Frühstück, Frust noch am Feierabend und den bösen langen Tag hindurch aneinander vorbeisingen: er am Schreibtisch oder im Club, sie im Kino oder auf der Couch des Psychiaters, dem sie ständig mit ihrer Sehnsucht nach einem "stillen Örtchen" in den Ohren liegt.
Das hat sie nun, 31 Jahre später, endlich gefunden. Nachdem Leonard Bernstein seine Dinah 1952, in dem sketchhaften Einakter "Trouble in Tahiti", beim Seelendoktor hatte auspacken lassen, hat er sie jetzt zur letzten Ruhe gebettet - in einer abendfüllenden Fortsetzung, die beide am vorletzten Wochenende in Houston (Texas) aufgeführt wurden. Titel des Nachtrags, der Weltpremiere hatte: "A Quiet Place", ein ruhiger Ort, nach Bernsteins Eigenlob endlich "eine amerikanische Oper, die niemanden unberührt läßt".
Dinah hat sich im Suff, vielleicht gar mit selbstmörderischer Absicht, in den Tod gefahren. So liegt sie nun beim Leichenbestatter im Sarg, und ihre Lieben eilen herbei, der Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen - 105 Minuten lang, 105 Minuten zuviel.
Denn zur Ruhe läßt es Bernstein gar nicht erst kommen. Statt in Würde trauern zu können, müssen die Hinterbliebenen erst einmal alle ihren kleinen privaten
Strindberg kreißen lassen, und dabei tun sich wahre Abgründe auf.
Sam ist - wie sein Stammvater Bernstein, 64 - im Lauf der Zeit ergraut und versteht die Welt nicht mehr: Seine Kinder sind ihm entfremdet, allerlei Abartiges hat die Sippschaft zerstört. So ist Tochter Dede zwar mit ihrem Gatten im Totenhaus aufgekreuzt, aber dieser Francois fühlt sich ganz offenbar mehr zu Junior hingezogen, also zu einem Kerl. Der wiederum ist, dank der Fügung des lebensnahen Librettos, Sams Sohn, folglich Dedes Bruder, ein Psychopath und überhaupt ein ganz Schlimmer, der es, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch noch inzestuös mit seiner Schwester treibt. Texanische Wälsungen.
Da, just bei den Funeralien, deutet sich eine Wende an. Die tote Schwiegermutter vor seinem geistigen Auge, wird Francois plötzlich zum erstenmal richtig scharf auf seine Frau, was einzig Junior, versteht sich, nicht so gern sieht. Von seinem Gespielen schnöde im Stich gelassen, greift er zum nächstliegenden Ballermann und fuchtelt gefährlich damit herum.
Doch eine weitere Leiche bleibt der Trauergesellschaft erspart. Im Gegenteil: Die Liebe (welcher Spielart auch immer), die schon so viele und vor allem bessere Opern zu einem glücklichen Ende kommen ließ, bricht sich Bahn. Der alte Sam, diese Seele von Mensch, versöhnt sich mit den verkorksten Seinen, und aus dem kaputten Stammbaum tönt ihm das erlösende "Daddy" entgegen.
Geschichten, in denen sich die Probleme der Zeit so hautnah reiben, fallen auch einem Bernstein nicht in den Schoß. Das Schicksal des Dinah-Clans jedenfalls, so rief der Komponist noch vor der Premiere in Houston der Kulturwelt offenherzig in Erinnerung, sei durchaus auch von Autobiographischem geprägt worden; schließlich sei ihm die Ehefrau und seinem Librettisten Stephen Wadsworth, 30, die Schwester gestorben.
Für Bernstein hatte sich Wadsworth allerdings auch noch durch andere Eigenheiten als Autor qualifiziert. Seit Wadsworth nämlich im Alter von drei Jahren in der Metropolitan Opera Mozarts "Don Giovanni" gehört hatte, hielt er sich für einen wahren Opernnarren, und solche Fans sind bei der erstbesten Gelegenheit schnell bei der Hand, die ganze Gattung zu desavouieren.
Anders als seinerzeit Bernstein, der sich selbst einen braven Reim auf den "Trouble in Tahiti" gemacht hatte, mischte Librettist Wadsworth modischen Slang mit vulgären Intermezzi zu einem familiären Sittenbild, dem es auch nicht an einer einzigen Peinlichkeit mangelt. Heraus kam "Lenny's Grand Soap Opera" ("Newsweek"), die "eine grandiose Pleite zu nennen, noch freundlich wäre" ("The New York Times").
Bernstein seinerseits tat alles, um Wadsworths Phantastereien vollends zu verschmalzen. Hatte der Youngster Lenny, der 1952 ja erst anfing, durch das semisymphonische Entertainment Amerikas zu glamourn, den "Trouble in Tahiti" noch mit swinging Pfiff und kleiner Jazz-Begleitung getönt, so fuhr er für die schicksalsschwangere Fortsetzung großes Orchester auf.
Das dräut jetzt und brodelt und schwellt und schluchzt, als hätten sich in Houstons Orchestergraben Puccini, Mahler und Alban Berg zum gemeinsamen Requiem auf die unglückliche Dinah
zusammengetan. Weinerlicher Schönklang steht neben ein paar seriellen Eskapaden, "aber ein witziges Zitat aus dem Violinkonzert von Mendelssohn", so meldete die "Süddeutsche Zeitung", "überstrahlt alle andere Musik des Abends".
Schlimm nur, daß dieser Plot nicht schon in Houston seine letzte Ruhe finden kann. Im Herbst wird das Stück im (finanziell an der Auftragskomposition beteiligten) Kennedy Center Washington D. C. aufgeführt werden, im nächsten Juni muß auch noch die Mailänder Scala den Flop über sich ergehen lassen, die gleichfalls ihr Scherflein zu Dinahs Totenfeier beigesteuert hat.
Doch wie man den Musikbetrieb kennt, wird sich die hochgerühmte "erste transatlantische Dreifach-Bestellung", die so erbärmlich in die Hosen ging, für Bernstein doch noch als Bonanza erweisen.

DER SPIEGEL 26/1983
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