05.09.1983

Der herbe Charme der Anarchie

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über das sterbende Liverpool *
Wenn man in Liverpool ankommt, oben in Lime Street Station oder unten am Pier Head, dem Landesteg des Mersey, glaubt man, sich in der Adresse geirrt zu haben.
Liverpool, die sterbende Stadt, eine Ruine des Industriezeitalters, eine Hafenstadt in den allerletzten Zügen, wie die Zeitungen seit Jahren schreiben?
"Niemand kann leugnen, daß Liverpool nach wie vor eine bedeutende Weltstadt ist", heißt es im offiziellen Stadtführer trotzig.
Tatsächlich drängen sich dem ersten Blick die Wahrzeichen von Macht und Reichtum und Überfluß derart massiv auf, als wollten sie mit aller architektonischen Gewalt den zweiten Blick verhindern.
Am Fluß die palastähnlichen Klötze der Cunard-Reederei und der Liverpool Dock Company, die zusammen mit dem monströs verspielten Gebäude der Hafenverwaltung den Himmel stürmen.
Gleich dahinter zerstreut das Bankenviertel mit den unverrückbaren Festungen und den von Säulen getragenen Tempeln des Kapitals jeden Zweifel an der Unvergänglichkeit des Reichtums in Liverpool.
Nicht anders spottet das vor klassizistischer Wucht starrende Zentrum rund um Lime Street Station aller Beschreibungen der im Todeskampf liegenden Stadt.
Die Bibliothek, die Walker Art Gallery, Town Hall und St. Georges's Hall, ein einziges architektonisches Muskelspiel mit Kuppeln, Säulengängen und Portalen; die monumentalen viktorianischen Kaufhäuser von einer Sauriern ähnlichen Übermacht; die auf Hügeln thronenden Kathedralen und die Kirchen, die von Banken nicht zu unterscheiden sind: "Boom Town" wurde Liverpool genannt, und so, mit imperialer Aufsteiger-Gebärde, stellt sich die Stadt dem ersten Blick auch heute noch dar.
Fußgängerzone und Fernsehturm, Shopping Centre und Stadtautobahn - es scheint alles seine großstädtische Ordnung zu haben in Liverpool.
Merkwürdig nur die vielen wilden Grünflächen mitten in der Stadt, auf denen es vor sich hin kokelt wie an den gerade verlassenen Lagerstätten in Wildwest-Filmen.
Aber an Trümmergrundstücke und an gepflegte Rasenanlagen, die einmal dicht besiedelte Straßen waren, hat man sich dann schnell gewöhnt in Liverpool. Keine hundert Meter kann man gehen, ohne auf die Spuren einer geheimnisvollen Verwüstung zu stoßen.
Kein Erdbeben hat die Stadt heimgesucht und keine biblische Feuersbrunst. Dennoch gleichen ganze Viertel antiken Metropolen, die heute nur noch im Lexikon oder in der Phantasie von Archäologen existieren.
Die Gegend um Scotland Road im Stadtteil Everton zum Beispiel war vor zehn Jahren ein geschäftiges, dicht besiedeltes
Arbeiterviertel in Liverpool. Heute ist Scotland Road Stadtautobahn, umgeben von Grünflächen mit Bänken, auf denen niemand sitzt.
Wo das Geld für den Abriß fehlte, stehen mit Wellblech verbarrikadierte Ruinen von Geschäften und Mietskasernen mutwillig herum wie Kulissen einer Filmstadt, in der schon lange nicht mehr gedreht wird.
Daß in Scotland Road gestern noch leibhaftige Menschen wirklich gelebt, getrunken, eingekauft, gestritten, geheiratet, ferngesehen, Kinder gezeugt haben und gestorben sind, diese Vorstellung wird vollends unvorstellbar, wenn mitten im Niemandsland die Zentral-Institution des englischen Alltags unvermittelt und so lebendig dasteht, als habe sich hier nichts verändert: in "Grosvenor", der Bingo-Halle, wird immer noch gespielt.
"Nothing is real" haben schon Anfang der 60er Jahre die Beatles über ihre Heimatstadt Liverpool gesungen, die heute mit dem Leben der legendären Pilzköpfe ein bescheidenes Andenken-Geschäft betreibt.
Aus den Docks und den Hafenbecken hat sich der River Mersey zurückgezogen. An den Kais der von eisernen Säulen getragenen Lagerhallen, wo vor zwanzig Jahren noch die Schiffe aus Amerika und aus dem Commonwealth festgemacht haben, könnte man heute mit dem Lastwagen vorfahren: der Fluß ist hier nur noch Schlick und Steppe.
Die riesigen Poller, an denen die Schiffe vertäut wurden, und die Ankerwinden stehen hilflos und lächerlich da wie ein Rolls-Royce, dem das Benzin ausgegangen ist. Daß die Reeder und die Kaufleute an Liverpools Hafen einmal klotzig verdient haben, sieht man ihren Häusern in der Princes Avenue an.
Versteckt hinter üppig wuchernden Holunder- und Rotdornsträuchern liegen die Villen mit kunstvollen Portalen und Erkertürmen. An den eingestürzten Decken sind noch die Stuck-Ornamente zu erkennen, wenn sie nicht von morschen Dachbalken getroffen oder von Abfallsäcken zugedeckt worden sind.
Bürgerinitiativen zur Erhaltung Liverpools gibt es so wenig wie staatstragende alternative Gruppen, die womöglich instandbesetzen, was die Nutznießer des Rentabilitätsprinzips in der unrentabel gewordenen Stadt haben verkommen lassen.
Was hier verfällt, wird nicht renoviert, wo hier Geschäfte schließen, eröffnen keine neuen. Und der abends wie eine Sehenswürdigkeit angestrahlte Fernsehturm scheint gleich als Ruine konzipiert worden zu sein: als abgebrochener Stumpf mit Aussichtsrestaurant ragt das Prestigeobjekt hilfesuchend zum Himmel. Der herbe Charme der Anarchie, durch den das sterbende Liverpool lebt, prägt vor allem auch jene Stadtteile, in denen man die Bewohner aus den eingeäscherten Slums in "moderne" Wohnfabriken umsiedelte.
In William Henry Street beispielsweise, mitten im ehemaligen Liverpool zwischen Everton und Anfield, wurden Anfang der 70er Jahre drei 20stöckige Hochhäuser errichtet. Sie stehen immer noch da, aber seit fünf Jahren wohnt dort keine Menschenseele mehr.
Die Betonzellen sind noch schwarz von den Bränden, die die Mieter in ihrem eigenen Heim gelegt haben. Ja, erklärt ein Anwohner mit hochgezogenen Augenbrauen, das sind "our worldfamous piggeries", das sind unsere weltberühmten Schweineställe.
1981 sollten sie versteigert werden, das Höchstgebot betrug ein englisches Pfund.
Den Entwicklungen in Europa war Liverpool schon immer voraus. Die ersten Docks wurden am Mersey gebaut, die erste Eisenbahnstrecke der Welt führte von Liverpool nach Manchester, die legendären Schiffsriesen wie die "Titanic" wurden in Liverpool ausgebrütet.
Während im übrigen Europa die Städte mit der Industrialisierung vergleichsweise natürlich wuchsen, verwandelte sich Liverpool über Nacht von einem Fischerdorf in eine tosende Hafenstadt. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts lebten
800 Leute in Liverpool, 200 Jahre später waren es 700 000. Allein zwischen 1800 und 1850 wuchs die Bevölkerung um 300 000.
In demselben rasenden Tempo, in dem Liverpool mit der Hafenkonjunktur, mit dem rapide wachsenden Sklaven- und Baumwollhandel mit Amerika und den Westindischen Inseln in die Höhe schoß, mit derselben Schnelligkeit schrumpfte es auch wieder, als die Entwicklung des Hafens von der Goldgrube zum nutzlosen Schlickloch nicht mehr aufzuhalten war.
Spätestens in den 60er Jahren, als Europa die Bestimmung des britischen Handels wurde, war es mit der Herrlichkeit des Hafens in Liverpool endgültig vorüber. Die Stadt lag plötzlich auf der falschen, auf der Europa abgewandten Seite der britischen Insel. Liverpool hatte keinen ökonomischen Sinn und Nutzen mehr.
250 000 Einwohner, ein Drittel der Bevölkerung, verließen in den letzten zwanzig Jahren die Stadt, 20 Prozent der Nutzflächen stehen leer oder sind verwahrlost.
Die Leute im Pub, nach der Zukunft ihrer Stadt befragt, blicken einen erstaunt an, als ob man nicht ganz richtig im Kopf wäre: "Liverpool? It's finished."
Tatsächlich soll die Stadt bis zum nächsten Jahr in ein "Gartenparadies", wie die Prospekte schwärmen, verwandelt werden. 1984 findet in Liverpool die Internationale Gartenbauausstellung statt. Delphi und Pompeji könnten nicht besser geeignet sein.
Die Ratsherren von Liverpool, tugendreiche Sklavenhändler durch die Bank, hatten es schon im 18. Jahrhundert geahnt.
Als ihre damals wichtigste Einnahmequelle - Liverpool beherrschte nicht weniger als 50 Prozent des Weltsklavenhandels - von den politischen Gegnern der Sklaverei zunehmend bedroht wurde, prophezeiten sie: "Wenn es mit unserem Sklavenhandel vorbei ist, dann ist es auch mit uns vorbei. Die Schiffe werden nicht mehr stolz ihre Segel blähen. Gras wird auf unseren Straßen wachsen, und die Kühe werden darauf weiden."
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 36/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der herbe Charme der Anarchie

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte