16.05.1983

Das Gefängnis der Aufbruchzeit

SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über Klaus Bädekerl: „Ein Kilo Schnee von gestern“ Klaus Bädekerl, 35, veröffentlichte 1979 den Erzählungsband „Alles über Geld und Liebe“. Mit Regisseur Hans W. Geissendörfer schrieb er Drehbücher für den Film „Die gläserne Zelle“ und für die ARD-Krimiserie „Lobster“ Bädekerl lebt als freier Autor in München. *
Der erste Roman des Erzählers Klaus Bädekerl ist, vordergründig gesehen, einfach eine gut gebaute, spannend zu lesende Action-Story.
Ulrich, ein in die Jahre gekommener Student, der aus der Apo als Dealer hervorgegangen ist, will ein letztes Kokain-Geschäft machen, um dann auf dem Land ein neues Leben zu beginnen.
Er fliegt nach Bolivien, zu seinem Freund Emilio, von dem Ulrich seit Jahren den Stoff bezieht. Doch Emilio ist nicht aufzufinden, unter seiner Telephonnummer meldet sich eine Frau, die keinen Emilio Herrera kennt.
Dafür trifft Ulrich in den Straßen von La Paz zufällig eine Kommilitonin aus Apo-Zeiten, Ana Maria, die sich inzwischen den bolivianischen Guerrilleros angeschlossen hat. Mit ihr hatte er einst in Berlin an einem Seminar über das Che-Guevara-Zitat "Die Guerilla ist die Avantgarde des Volkes" teilgenommen, und der anti-imperialistische Kämpfer von einst soll jetzt den in einer Zahnpastatube verborgenen Mikrofilm aus Solidarität nach Deutschland schmuggeln.
So sehr ihm inzwischen "die Revolution in einem kleinen Andenstaat gestohlen bleiben" kann, so wenig will er andererseits als Abtrünniger gelten - Ulrich willigt nach längerem Zögern ein.
Wenig später wird er verhaftet und vom Chef der Sicherheitspolizei verhört. Der Chef der Sicherheitspolizei aber ist kein anderer als Ulrichs Freund Emilio, mit dem er vor Jahren, als sie am Rio Tipuani auf Goldsuche gegangen waren, Blutsbrüderschaft geschlossen hatte.
Auf diese private Weise in die bolivianische Innenpolitik verstrickt, taumelt Ulrich widerstandslos zwischen den Fronten hin und her. Für Emilio hat er die Guerillakämpferin Ana Maria auszuspionieren, Ana Maria ist er mit Auskünften über Emilio bei der Vorbereitung des von der Guerilla geplanten Attentats auf seinen Freund, den Sicherheitschef, behilflich.
Die Geschichte endet blutrünstig und märchenhaft zugleich. Ana Maria und zwei ihrer Genossen werden ermordet, Ulrich bekommt das Kilo Kokain, unbehelligt passiert er den Zoll in Berlin-Tegel und kauft sich von dem Erlös, wie geplant, das alte Bauernhaus im Taunus, um daselbst ein neues Leben zu beginnen.
Die Spannung dieses Romans entsteht dennoch nicht durch den rastlosen Handlungsablauf, sondern durch Ulrich, die Hauptfigur, die in allen Verstrickungen und Bedrängnissen eigentümlich teilnahmslos wirkt.
Die Existenz, aus der er in ein neues Leben umsteigen will, ist verwaist, Ulrich spielt in seinem eigenen Leben nur mehr die Rolle eines lustlosen Mitläufers, der "keine Wunschträume mehr" hat und keine Pläne mehr, "was er werden wollte".
"Außer mit Fernsehen vertrieb er sich die Zeit mit Essen und Schlafen." Immer wieder vom Video-Band "Der Schatz der Sierra Madre", vom Plattenspieler die alten Dylan-Lieder, gelegentlich eine Spritztour im Mercedes-Coupe wie zu den Zeiten, als man noch spontan war, und zwischendurch immer wieder ein Sniff, eine Nase Kokain.
Abwechslung in dieses die Aufbruchszeit mumifizierende Leben bringt Ulrich durch Versuche, das Rauchen aufzugeben oder keinen Alkohol mehr zu trinken.
Weil Bädekerl das in antibürgerlichen Ritualen erstarrte Leben seines Protagonisten weder nostalgisch verklärt noch moralisierend als Identitätskrise eines Apo-Veteranen beschreibt, weil er sich mit klaglosem Realismus in diesem Leerlauf einrichtet, entsteht ganz beiläufig das Porträt des fürs linke Szenen-Milieu typischen Zeitgenossen, der seine Tage damit verbringt, sich zu langweilen, ohne dabei die alternative Lebensroutine einzubüßen.
In den Kneipen sitzen "die schicken Punks mit den türkisfarbenen Drinks" und nicken stumm im Takt der Musik; andere kommunizieren mit dem Ventilator an der Decke; Ulrich zieht ein Lokal weiter, ob da vielleicht was los ist. Die Nacht endet im Bett einer namenlosen Frau. Man schläft zusammen, "eine Zigarettenlänge später" geht Ulrich nach Hause. Wieder ist ein Tag vorbei.
Das ganze Ausmaß von Leere, Langeweile und Ereignislosigkeit offenbart sich aber erst, als Ulrich in Bolivien sein letztes Drogengeschäft unter scheinbar dramatischen Begleitumständen abwickelt.
Obwohl es in dieser Geschichte von Geheimdienstleuten und verdächtigen Gestalten nur so wimmelt, obwohl an nymphomanen Schönheiten, gefährlichen Stromschnellen, konspirativen Zusammenkünften und jähen Szenenwechseln kein Mangel ist, wird man während der Lektüre dennoch das komische Gefühl nicht los, daß nichts passiert.
Tatsächlich setzt Ulrich in Bolivien nur das Berliner Leben, das Leben in einer abgelaufenen Zeit fort.
Genauso wie vor zehn Jahren, als er zum erstenmal nach La Paz gekommen war und Emilio kennengelernt hatte, werden auch jetzt wieder die alten Rituale der Männerfreundschaft zelebriert.
Man hört zusammen die ewigen Lieblingslieder von den "Kinks" und den "Doors"; an einem Wochenende gehen sie auf Goldsuche, weil sie vor zehn Jahren schon Gold gesucht hatten. Wie immer werden die Frauen zwischen Ulrich und Emilio blutsbrüderlich geteilt und gemeinsam gefickt, wie eh und je erteilen sie anschließend Zensuren für Arsch und Titten.
Was gemeinhin im Geruch des exotischen Abenteuers oder aufregender Zwielichtigkeit steht, wird in Bädekerls Roman zur komischen Fassade einer unbewegten Existenz.
Die Qualität dieses Romans liegt nicht zuletzt darin, daß Bädekerl die exemplarische Darstellung der dem Stumpfsinn des bloßen Weiterlebens verfallenen Aussteiger-Generation dadurch gelingt, daß er nicht exemplarisch, sondern sorgfältig, dem Detail verpflichtet, erzählt.

DER SPIEGEL 20/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Das Gefängnis der Aufbruchzeit