16.05.1983

Südseealpträume im Bunker

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über das 36. Internationale Filmfestival von Cannes *
Die 36. Internationalen Filmfestspiele in Cannes begannen als Kampf gegen die Tücken des pompösen Festspielpalastes.
Aus der Baugrube im Hafen von Cannes ist ein Betonklotz von bemerkenswerter Häßlichkeit emporgewachsen, lehmfarben, riesig und schroff. Inzwischen zieren ihn ein paar satte rote Kleckse, die von dagegengeschleuderten Farbbeuteln stammen.
Die Kleckse erinnern daran, daß die Polizei schon an einem der ersten Festivaltage auch ein ansehnliches Einsatzschauspiel geboten hat, Stöcke und Tränengas gegen Studenten, die mit Film nichts im Sinn hatten, sondern - friedlicher als in anderen französischen Städten - nur Publikum für ihre Proteste gegen eine Studienreform suchten.
Das Bauwerk heißt offiziell "Palais des Festivals", wird aber allgemein "Le Bunker" genannt. Es ist ein Kongreßzentrum samt Nachtklub und Spielkasino. Dem Messerummel ist es angemessen; doch größere Menschenmengen stauen sich heillos auf seinen Treppen, und zur Vorführung von Filmen sind seine breiten Auditorien (das größte mit 2400 Plätzen) so wenig geeignet, daß der technische Direktor nach fünf Festivaltagen entnervt zurücktreten wollte. Nur eine Streikdrohung seiner Untergebenen hielt ihn im Amt.
In den paar Dutzend Filmen, den ernsthafteren, komplizierteren, persönlicheren, die aus allen Ecken der Welt zu einem Festivalprogramm zusammengeklaubt wurden, kann nur wenig Zukunft sichtbar werden; sie erzählen ja schon immer weniger vom gegenwärtigen Zustand der Welt. Die Zeit scheint stillzustehen im Kino; Filme sehen nun schon ziemlich lange so aus, wie sie nun schon ziemlich lange aussehen; immer öfter sind die "altmodischen" die angenehmsten.
Und die Exoten? Sehen da Filme vielleicht nicht tatsächlich anders als andere aus? Ein wuchtiger Maori-Häuptling mit wilder Mähne und Kriegsbemalung flaniert über den Strandboulevard von Cannes. Auch in Neuseeland werden neuerdings Filme gedreht; der Häuptling (im täglichen Leben Gewerkschaftsführer, denn Maori-Berufsschauspieler gibt es natürlich nicht) wirbt in Cannes für "Utu" (Rache): Da spielt er einen Maori-Soldaten in der britischen Kolonialarmee, vor gut 100 Jahren, der aus gekränkter Ehre desertiert, zu seinen "wilden" Brüdern im Urwald überläuft und den letzten großen Maori-Aufstand gegen die weiße Herrschaft in Gang bringt; klar, daß er in einem Massaker endet.
Der neuseeländische Film "Utu" von Geoff Murphy ist voll Sentiment für die Maori-Kultur; doch ehe der Maori wieder zur Besinnung auf sich selbst kommen könnte, ist Hollywood schon da gewesen. Der Film ist - mit allen Verwicklungen, allen Wirkungsklischees, allen komischen und erotischen Zutaten - ein gekonnter Abklatsch von hundert Hollywood-Western (mit dem einzigen Unterschied, daß statt Indianern Maori ihr Kriegsgeheul anstimmen).
Es gibt Filme, dennoch, die wirklich anders aussehen, zum Beispiel, weil ihr Blick gierig, neu-gierig auf Vorgänge gerichtet ist, nicht auf abrufbare Wirkungen, nicht auf Bestätigung, sondern auf das Unerhörte einer Geschichte; deswegen sind sie nicht unbedingt angenehm.
Teils in Neuseeland, teils auf der Südseeinsel Rarotonga hat der Japaner Nagisa Oshima (in seiner Heimat wenig geliebt, weil er das Unerhörte macht) nach fünf Jahren Pause einen neuen Film gedreht, seinen ersten außerhalb Japans. So ist auch das Thema, erstmals bei ihm, der Zusammenprall zweier Kulturen, der europäischen und der japanischen, ihre verständnislos blutige Kollision in einem Krieg - und Oshima spürt dabei einer verschwiegenen, "schändlichen" Affinität zwischen den Feinden nach.
Ein Kriegsfilm ohne Krieg, ohne einen Schuß Pulver, ohne das Schlachtfeuerwerk, das im Kino doch immer erhebend wirkt, und ohne eine Frau. Schauplatz von Oshimas "Merry Christmas, Mr. Lawrence" (nach einem Buch des Südafrikaners Laurens van der Post) ist ein japanisches Kriegsgefangenenlager auf Java, im Jahre 1942, wo etwa 600 Soldaten, hauptsächlich britische, schmoren und geschmort werden.
Der Zusammenstoß zweier Kulturen stellt sich also als Begegnung zwischen zwei Formen von Militarismus dar - die sportlich-lässige Sturheit der Briten gegen den asketischen Samurai-Fanatismus der Japaner -, und mit List hat Oshima die Helden des tödlichen Zweikampfes, der sich daraus entwickelt, mit zwei nationalen Popmusik-Idolen besetzt: der Engländer David Bowie gegen den Japaner Ryuichi Sakamoto (der auch die Musik für den Film geschrieben hat).
Sakamoto, ein Mensch mit einem schmalen, ernsten Kindergesicht, stellt den Lagerkommandanten als eisigen Todesengel dar. Er versucht mit solcher Besessenheit, den Stolz eines Einzelnen unter diesen 600 Gefangenen zu brechen - durch falsche Anklage, durch Schindereien, durch eine vorgetäuschte Erschießung -, daß für einen so persönlichen teilnahmevollen Haß bald nur noch eine Erklärung bleibt: Liebe. David Bowies Haare sind ein bißchen zu goldblond, seine blauen Augen ein bißchen zu unwirklich schillernd; bevor der Japaner ihn sterben läßt, schneidet er ihm eine Locke ab, die will er selbst mit ins Grab nehmen.
Oshimas Film ist merkwürdig sentimental, wenn er zurückblendet in die Kindheits- und Internatswelt seines britischen
Helden und dessen Stolz, dessen Selbsthaß, dessen Angst vor dem Singen ergründen will; doch der Film hat eine lakonische Kraft und Wucht, einen Sinn für das Unerhörte, wenn er in seinem eigentlichen Schauplatz militärisches Zeremoniell so in Szene setzt, daß maskierte erotische Rituale darin sichtbar werden.
Oshima beginnt mit einer grausigen Harakiri-Szene: Ein koreanischer Wachoffizier muß sich, vor versammelter Truppe, selbst entleiben, weil er einen Kriegsgefangenen vergewaltigt haben soll - als er verblutet ist, hat sich auch sein "Opfer", durch Abbeißen der Zunge, selbst umgebracht. Mit diesem monströsen Liebestod ist das Thema des großen Duells vorgegeben: Unter dem Zackigen, Männlich-Martialischen, unter dem Fanatismus von Offiziersehre und Stolz scheinen verleugnete Homosexualität, Masochismus und ein abgründiger Selbsthaß hervor. Weil die beiden Helden einander erkennen, müssen sie einander vernichten - ihr Kuß vor versammelter Truppe ist auch eine Vergewaltigung, auch ein Harakiri.
Noch mal - von Neuseeland über Java oder Japan nach Indien - die Briten und ihr verflossener Imperialismus, ihre Selbstherrlichkeit auf fremdem Kulturgelände. Seit 20 Jahren dreht der Amerikaner James Ivory in Indien Filme, leise, einfühlsame, unsensationelle, die mit Ironie auf die leuchtende Kolonialzeit zurückschauen und vom Fortleben des britischen Wesens im heutigen Indien erzählen. So angenehm leise und doch bestimmt hat sich auch Ivorys jüngster Film "Heat and Dust" im Trubel von Cannes seinen Raum geschaffen.
Er handelt von zwei jungen Engländerinnen in Indien und verwebten Geschichten, die über gut 50 Jahre vor- und zurückspringen, zu einem kuriosen Roman. Die eine Frau ist in den zwanziger Jahren nach Indien gekommen, brav verheiratet mit einem Kolonialbeamten; sie hat in vielen Briefen nach Hause von teetrinkenden Damenkränzchen unter Palmen berichtet und ziemlich verschwiegen, wie sie langsam der Hitze erlag, der fremden Sinnlichkeit und besonders dem schon etwas halbseidenen Charme eines Provinz-Maharadschas.
Die andere Frau macht sich heute, mit diesen Briefen ihrer Großtante als Wegweiser, zu einem Indien-Trip auf; sie dringt - zeitweise mit einem sprücheklopfenden Sanjasin im Schlepptau - tiefer und tiefer in ein sehr anderes, grelleres, elenderes Indien ein, und sie entschwindet am Ende Richtung Himalaja, stolz das indische Kind im Bauch, das ihre Großtante aus Scham und Angst hat abtreiben lassen:
Das klingt merkwürdig, bleibt merkwürdig und gewinnt doch durch die Zärtlichkeit, mit der Ivory erzählt, so etwas wie eine poetische Plausibilität.
Die Briten, ein letztes Mal: In Cannes ist, endlich und verdient, die anarchische Nonsens-Bande "Monty Python", deren komischer Furor den "Bunker" doch eigentlich sprengen müßte, zu höheren Festival-Weihen gekommen. Ihr neuer Film (natürlich veralbert er mit besonderer Lust Kolonialismus und Militarismus) heißt schlicht und redlich "Der Sinn des Lebens" und läßt diesbezüglich keine Fragen offen.

DER SPIEGEL 20/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie