04.07.1983

RECHTSRADIKALEEi im Nest

In München steht ein halbes Dutzend Neonazis vor Gericht. Laut Anklage wollte die „Gruppe Omega“ Staatsanwälte liquidieren und aus Banküberfällen einen neuen „Völkischen Beobachter“ finanzieren. *
Im Gerichtssaal überkommen Friedhelm Busse, Gründer und Führer der rechtsextremen "Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands" (VSBD), zwischendurch auch mal Wehleidigkeiten.
Busse klagt über Kreislaufstörungen, Zahnausfall und Selbstmordabsichten während seiner Untersuchungshaft in München-Stadelheim: "Ich hatte die Klinge schon angesetzt." Ursache seien die "KZ-ähnlichen Zustände" im Knast.
Die meist jugendlichen Anhänger im Zuhörerraum, reichlich mit Nazi-Emblemen bestückt und aus Busses Schulungsbriefen im Zusammenhang mit Konzentrationslagern auf die "6-Millionen-Lüge" eingestimmt, zeigen für den schwächlichen Auftritt ihres Führers wenig Verständnis. "Ja, ihr müßt bedenken", beschwichtigt Busse sie da eilfertig, "ich bin immerhin schon 54 Jahre alt."
Das Alter hat den gelernten Schriftsetzer nicht davor bewahrt, daß er nun mit Gesinnungsgenossen auf der Anklagebank sitzt, die bis auf einen nicht mal halb so alt sind wie er. Zwei weitere seiner jungen Anhänger, der 24jährige Klaus Ludwig Uhl und der 21jährige Kurt Wolfgram, waren bei einem spektakulären Polizeieinsatz in München im Oktober 1981 erschossen worden.
Busses Garage in München-Neubiberg hatte damals als Waffenlager für Maschinenpistolen, Handgranaten, Dynamitstangen
und anderes Schießzeug gedient, und in seiner Wohnung hatten fünf junge Neonazis Quartier genommen: die beiden später Erschossenen sowie der 22jährige Peter Fabel aus Bremen, der 20jährige Franzose Pascal Coletta und der heute 19jährige Peter Hamberger, alle drei nun in München mitangeklagt.
In Paris hatten sich die jungen Leute bei harten Getränken zu einer "Gruppe Omega" zusammengefunden. Der Name, gab Hamberger zu Protokoll, war "so ein wunderbarer, nichtssagender Ausdruck, der weder links noch rechts einzuordnen ist".
Beim Waffenreinigen in der Garage, bei Spaziergängen im Truderinger Forst und beim Besuch eines James-Bond-Films in der Münchner City machten sich Busses Freunde scharf für den ersten Einsatz: Überfallen werden sollte eine Filiale der Nassauischen Sparkasse im Westerwald, wo einen Monat zuvor Wolfgram und das jetzt in München mitangeklagte Ehepaar Klaus-Dieter und Christiane Hewicker schon einmal 72 811 Mark erbeutet hatten.
Überdies plante die "Gruppe Omega" laut Anklage, Verräter aus den eigenen Reihen zu liquidieren, Staatsanwälte und Richter durch Anschläge zu ermorden und Nazi-Gedenktage lautstark zu untermalen. So sollte Wolfgram am Tag der Nürnberger Urteile mit einer Luftmine eine Autobahnbrücke hochjagen; das Vorhaben mißlang.
Auch der zweite geplante Bankraub im Westerwald schlug fehl. Führer Busse hatte sich bereits einen Beuteanteil von 25 000 Mark ausbedungen, um damit eine Druckmaschine zu kaufen. Darauf sollte nach fast einem halben Jahrhundert Pause das Nazi-Blatt "Völkischer Beobachter" wieder gedruckt werden.
Dem Schriftsetzer aus Neubiberg aber war offenbar entgangen, daß sein Untermieter Ahmed Famili, den er schon seit 1975 als Geschäftspartner kannte, nicht eben der rechte Mann war.
Famili, ein V-Mann der Kriminalpolizei, besorgte für die fünf Busse-Gäste nicht nur einen gebrauchten Citroen GS, sondern informierte auch seine Auftraggeber. So konnten die fünf "Omega"-Terroristen schon kurz nach dem Start in München von einem Sondereinsatzkommando abgefangen werden. Eine wahrscheinlich zufällig gezündete Handgranate löste ein Feuergefecht aus, bei dem die beiden Neonazis getötet wurden.
In den ersten Verhandlungstagen vor dem 3. Senat des Bayerischen Obersten Landesgerichts fand Busse sogleich den rechten Ton. Nicht einmal die "Adolf-Hitler-Schulen", berichtete er, konnten ihn, den Sohn eines SA-Offiziers, integrieren; denn: "Friedhelm neigt zu Widerspruch und selbständigem Denken."
Auch bei der NPD hielt es den rechtsradikalen Schriftsetzer, der sogar seinen Weihnachtsbaum mit Odalsrunen behängte, nicht lange. So gründete er seine eigene "Partei der Arbeit" und später dazu die VSBD - beide laut Busse nicht weniger als "die Vorhut der sozialen Revolution in Deutschland".
Weder der "Voralpen-Ayatollah Franz Josef Strauß" noch der "rechtsreaktionäre Dr. Frey von der 'Nationalzeitung'" sind Busse rechts genug. Höchstens seinen rigorosen Antikommunismus, seinen Abscheu gegen diese "spätmittelalterliche Form der Pest", mag er mit ihnen teilen.
Von Busses Antikommunismus abgestoßen wurde wiederum ein Mitstreiter, der die "Länder des Ostens" für den "effektivsten Anwalt der Entrechteten und Enterbten unserer Erde" hält: der mehrfach vorbestrafte Nazi-Aktivist Hewicker. Der hat sich inzwischen von dem "kleinbürgerlichen Radikalismus neonazistischer Gruppen" a la Busse losgesagt und sich samt Ehefrau dem "antiimperialistischen Befreiungskampf" angeschlossen.
Verabschiedet von seinem Mentor Busse hat sich auch Hamberger: Er ist nach seinen Geständnissen in einer derart schlechten psychischen Verfassung, daß er vorerst als Zeuge wie als Angeklagter aus dem Prozeß ausscheren muß; seine Aussagen wurden von einem Vernehmungsbeamten dem Gericht vorgetragen.
Busse, der sich noch bis in den September vor Gericht verantworten muß, läßt nun dem Zorn über seine ungetreue Gefolgschaft, vor allem über den Ex-Untermieter Famili, freien Lauf.
Noch heute kann der Führer nicht fassen, "daß ausgerechnet ich mir so ein Kuckucksei ins Nest geholt habe".

DER SPIEGEL 27/1983
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