14.03.1983

UHRENScheußliches Ding

Billigproduzenten aus Fernost haben den Markt überrannt, die deutschen Uhrenfabrikanten kämpfen ums Überleben.
Vor 15 Jahren arbeiteten bei den Pforzheimer Uhren-Rohwerken Porta (PUW) 600 Leute. Damals bestand ein Uhrwerk aus etwa 200 Einzelteilen.
Heute besteht eine Uhr nicht einmal mehr aus 100 Teilen. Bei den PUW sind kaum 300 Menschen beschäftigt - und noch vor Jahresende wird die Fertigung mechanischer Uhrwerke eingestellt.
Die Produktion lohnt nicht mehr. Für Porta-Geschäftsführer Klaus Wehner ist es "das Ende einer Epoche".
Die Zeit der mechanischen Ticktackuhren ist in der Tat abgelaufen. Auch die 18 000 Rohwerke, die heute noch Tag für Tag bei Porta gefertigt werden, sind fast ausschließlich für elektronische Quarzuhren, allerdings mit Zifferblatt und Zeigern, bestimmt.
Von einer Vielzahl von Herstellern, die vor allem im sogenannten Uhrengürtel von Pforzheim bis Villingen für deutsche Wertarbeit sorgten, ist PUW als einziger Produzent von Armbanduhrwerken übriggeblieben. Auch Junghans, der zur Diehl-Gruppe gehörende größte deutsche Uhrenfabrikant, will künftig seine Quarzwerke von Porta beziehen.
Nach dem Wandel in der Uhrentechnologie haben die Deutschen, einst hochgerühmt für ihre feinmechanischen Produkte, auf dem Markt für Armbanduhren nur noch wenig zu sagen. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", bekennt Rudolf Busch, bei Junghans verantwortlich für Produktentwicklung und Marketing.
Zwar kaufte im vergangenen Jahr fast jeder dritte Bundesbürger eine Armbanduhr. Aber von den abgesetzten 18 Millionen Stück kamen rund zwei Drittel allein aus der britischen Kronkolonie Hongkong. Nahezu zweieinhalb Millionen drückten die Japaner erfolgreich auf den deutschen Markt, eine dreiviertel Million kam aus Taiwan.
Gegen die Massenlieferungen aus Fernost wirkt die Produktionsziffer deutscher Fabrikanten sehr bescheiden. Rund 3,8 Millionen Uhren bauten sie letztes Jahr zusammen, zwei Millionen weniger als noch 1980.
"Der Markt ist so besetzt", weiß Otto Hott, stellvertretender Geschäftsführer der Uhrenfabrik Kienzle, "daß man sich nur über Verdrängung Platz schaffen kann." Da aber haben schon seit Jahren die Asiaten die härteren Ellenbogen. Ihnen half die neue Technologie, die schlagartig die Produktion vereinfachte.
Innerhalb eines Jahrzehnts setzten sich die Quarzuhren durch. Sie werden nicht mehr von einem Federwerk mit Unruh und vielen kleinen Zahnrädchen getrieben, sondern von einer Batterie, die ein Stück Quarz in Schwingungen versetzt. Diese Schwingungen teilen die Zeit in Sekunden, Minuten und Stunden.
Dieser einfache Mechanismus steckt heute auch in den Uhren, die analog auf herkömmliche Art mit Zeigern und Zifferblatt die Zeit angeben. Digitaluhren, die nur Ziffern zeigen, sind darüber hinaus oft vollgestopft mit zusätzlichen Funktionen - mit Wecksignalen und Stoppvorrichtung, mit elektronischem Minirechner und Computerspielen.
Zaghaft nur und widerwillig stellten sich die auf ihr handwerkliches Können stolzen Uhrenmanufakturen auf die neue Technologie ein. Die Uhr mit Digitalanzeige jedoch blieb für die traditionellen Hersteller, so Junghans-Geschäftsführer Günther Herrmann, "ein scheußliches Ding". Sie setzten denn auch weiterhin wenigstens beim Äußeren der Uhr auf Althergebrachtes.
Bei der Quarz-Analog-Uhr, die mehr Fertigungsgeschick, vor allem aber mehr Geschmack und Können bei der Gestaltung erfordert, fühlten sich die Deutschen - wie ihre Schweizer Kollegen - lange den simplen Elektronikbastlern aus Fernost überlegen. Dann allerdings wurden sie auch hier, gesteht Herrmann, "von den Japanern kräftig verhauen".
Ausgerechnet in jenem Bereich, in dem sich deutsche Uhrmacher noch stark fühlten, wurden sie von japanischen Konkurrenten wie Seiko und Citizen in die Ecke gedrängt: bei den Armbanduhren der mittleren und gehobenen Preisklasse zwischen etwa 100 und 350 Mark. Und die Japaner haben, das geben Spitzenmanager der Branche heute unumwunden zu, bei Deutschen und Schweizern nicht nur abgekupfert. "Sie haben Maßstäbe gesetzt", sagt Kienzle-Geschäftsführer Alfred Reif.
Deutsche Firmen wie Junghans brauchten fünf Jahre für die Entwicklung eines besonders flachen Werkes. Als die Deutschen soweit waren, hatten die Japaner längst mit flachen Uhren den Markt besetzt.
So fielen die deutschen Produzenten rasch hinter den Konkurrenten zurück. Innerhalb von zehn Jahren schrumpfte die Zahl der Beschäftigten um mehr als die Hälfte auf etwa 16 000. Dutzende von Firmen können nur mit Kurzarbeit überleben, Branchenführer Junghans machte in den vergangenen beiden Jahren nur noch Verlust.
Erschwerend kam für die deutschen Hersteller hinzu, daß elektronische Bauteile, wie integrierte Schaltkreise, die vor allem in asiatischen Niedriglohnländern produziert werden, ständig und drastisch billiger wurden. Innerhalb nur eines Jahres sackten die Preise um rund 25 Prozent.
Hauptnutznießer sind aber die Hersteller billiger Digitalzeitmesser, die schnell und ohne größeren Aufwand montiert werden. Die Fertigung einer Digital-Quarzuhr erfordert nicht einmal halb soviel Zeit wie die Herstellung einer Analoguhr, die noch vergleichsweise viele mechanische Teile enthält.
Diese Chance, aus Bauteilen im Wert von Pfennigen Uhren auf simple Weise zusammenzubauen, nutzten vor allem die Hongkong-Chinesen. Noch 1970 gab es in Hongkong knapp 150 Uhrenfabriken mit 7000 Beschäftigten. Im vergangenen Jahr fanden schon 32 000 Chinesen in 770 Uhrenfabriken Arbeit.
Hongkong ist inzwischen nach Japan der größte Uhrenproduzent der Welt. Im S.77 Export steht die britische Kronkolonie sogar auf Platz eins der Weltrangliste.
So rasch weiteten die Hongkong-Chinesen ihre Kapazitäten aus, daß sie Millionen ihrer Uhren schon nicht mehr loswerden. Deshalb versuchen sie, zu Niedrigstpreisen ihre Ware zu verschleudern. In deutschen Kaufhäusern und Supermärkten sind Digitaluhren aus Hongkong schon für zehn Mark zu haben.
Binnen zwei Jahren drückten die Hongkong-Produzenten gut 61 Prozent mehr Armbanduhren auf den bundesdeutschen Markt. Der Wert dieser Importe aus Hongkong stieg aber noch nicht einmal um sieben Prozent.
Insgesamt liegen derzeit mindestens 80 Millionen Armbanduhren, etwa ein Viertel der Weltjahresproduktion, auf Lager, und das ist keineswegs nur billige Ramschware. Die Japaner nämlich haben große Überkapazitäten für die Fertigung höherwertiger Uhren aufgebaut. Das hat, ähnlich wie bei Videorecordern, auch bei Qualitätsuhren zu einem "Preiskampf bis aufs Messer" (Junghans-Sprecher Christoph Weise) geführt.
Dabei sind die Konkurrenten aus Fernost, behaupten deutsche Produzenten, im Vorteil: Eine Armbanduhr, deren Herstellung in der Bundesrepublik 100 Mark kostet, fertigen die Japaner für nur 60 Mark. Der Grund: niedrigere Lohnnebenkosten, billige Teilefertigung in den Niedriglohnländern vor der Haustür, sehr hohe Stückzahlen.
Wie billig die Japaner produzieren können, bekommen die deutschen Uhrenhersteller inzwischen auch auf einem Produktionssektor zu spüren, der heute ihr Hauptgeschäft ist - bei den sogenannten Großuhren vom Wecker bis zur Wohnzimmer-Standuhr. Innerhalb kurzer Zeit haben die Japaner die Preise für Großuhren kräftig nach unten gedrückt.
Bitter für die Deutschen, die etwa sechsmal so viele Großuhren produzieren wie Armbanduhren und damit 70 Prozent ihres Umsatzes erzielen. Sie sind neben den Japanern die einzigen bedeutenden Hersteller von Großuhren und verkaufen bislang mehr ins Ausland, als sie von dort beziehen.
Deutsche Produkte, so will die Uhrenbranche jetzt den Verbrauchern klarmachen, sollen "mehr als Zeit" bieten. Sie setzen auf Qualität und Aussehen.
Kienzle hofft so bei Großuhren die fernöstlichen Konkurrenten schlagen zu können. Junghans will auch mit Armbanduhren Boden zurückgewinnen.
"Wir müssen uns auf das Image einer Marke besinnen", sagt Junghans-Manager Berthold Korzus. Die Firma will mit anspruchsvollen Uhren den Wünschen der Käufer entgegenkommen, die wieder mehr nach Analoguhren fragen. Der Verbraucher wird künftig neben Standarduhren zwischen 100 und 250 Mark auch Edleres bis zu 680 Mark erwerben können.
Ganz anders wollen manche Schweizer Uhrenproduzenten den fast schon verlorenen Überlebenskampf bestehen. Sie versuchen, auf dem Feld mitzuhalten, auf dem die Konkurrenten aus Fernost am stärksten sind - bei den Billiggeräten.
Der Uhrenkonzern Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG (Asuag) möchte mit seiner neuentwickelten Billig-Uhr "Swatch" die Hongkong-Chinesen das Fürchten lehren. Die Quarz-Analog-Uhr soll weniger als 50 Mark kosten.
Die Schweizer hoffen dennoch dabei zurechtzukommen: Die "Swatch" wird vollautomatisch produziert.

DER SPIEGEL 11/1983
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