04.07.1983

„Ich werde nicht um Gnade bitten“

Brief aus dem Warschauer Mokotow-Gefängnis / Von Adam Michnik Der Warschauer Historiker Adam Michnik, 37, gehörte zum „Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung“ (KOR), das die Gewerkschaft „Solidarnosc“ vorbereitete. Seit dem Kriegsrecht in Polen 1981 in Haft, schrieb er aus dem Gefängnis einen Brief, der demnächst in der Pariser Zeitschrift „Kultura“ veröffentlicht wird. Auszüge: *
Vor dem ersten Besuch des Papstes in Polen veröffentlichte ich im SPIEGEL einen Artikel, in dem ich ziemlich taktlos über die fatale Wirtschaftslage des Landes schrieb und einen baldigen Sturz der Führungsmannschaft von Edward Gierek voraussagte.
Später erzählten mir westliche Journalisten über die Empörung, mit der Herr Wojciechowski, damaliger Chef der "Interpress"-Agentur, wie auch Pfarrer Orszulik, Direktor des Pressebüros des Episkopats, auf jenen SPIEGEL-Artikel reagiert haben.
Unabhängig voneinander erklärten sie, der Autor des Artikels sei Trotzkist oder - ich erinnere mich nicht mehr so genau - Stalinist. So war die Sprache der Epoche. Zu einem Agenten von Ronald Reagan wurde ich erst später befördert. Es wäre übrigens interessant zu wissen, wie die Reaktion der beiden Herren nun auf diese Reflexionen ausfallen wird.
Ich bitte, den persönlichen Ton dieser Sätze zu entschuldigen. Am Ort, an dem ich sie schreibe, hinter den Gittern des Mokotow-Gefängnisses, in der dunklen Schlucht des MSW-Sonderblocks, _(MSW (Ministerstwo Spraw Wewngtrznych): ) _(Innenministerium. )
fällt es schwer, sich an die Stilregeln politischer Essayistik zu halten.
Nach wie vor ist Polen für die Feldherren im Kreml ein Explosionsherd und eine harte Nuß. Ihr strategisches Ziel ist, Polen im "Sozialistischen Lager" festzuhalten, Stabilisierung und Ruhe zu erreichen.
Sie haben es um so nötiger, als keine Anzeichen einer Erholung der sowjetischen Konjunktur in Afghanistan und im Iran, im Nahen Osten oder in den Beziehungen zu den USA zu sehen sind. Ihre Unruhe steigert sich durch die Wirtschaftskrise in anderen Ostblockstaaten und durch das - diese Krise begleitende - Gespenst gesellschaftlicher Explosionen.
Die Politik von Jaruzelski und Rakowski, militärische Operationsgruppen und leere Phrasen, hat nicht zu der erwarteten Normalisierung geführt. Wenn die Sowjet-Union Stabilität in Polen wünscht, dann muß sie sich nach neuen Methoden umschauen, sie kann nicht den Kuchen aufessen und ihn dann weiterhin behalten.
Diese neuen Methoden könnten sowjetische Unterstützung für polnische "Betonköpfe" (Fürsprecher einer neostalinistischen Gewalt-Politik - Red.) bedeuten, und gerade in diese Richtung scheint ein Großteil der sowjetischen Führung zu denken.
Man kann also vermuten, daß Polen in den nächsten Jahren eine Regierung haben wird, unter der man sich an Jaruzelski als an einen sozialdemokratischen Weichling erinnert, so etwa, wie uns heute Edward Gierek im Vergleich zu Jaruzelski als eine Art britischer Liberaler vorkommt.
Für Polen wird das eine sehr schwere Zeit sein, aber Moskau wird seine politischen Ziele nicht erreichen. Im Gegenteil: Unter einer "Beton"-Herrschaft gerät Polen nicht nur zu einem Pulverfaß - das ist es bereits heute -, sondern zu einem Pulverfaß mit brennender Lunte.
Nach einiger Zeit - ich prophezeie keine allzu lange Zeit - wird das von "Betonköpfen" regierte Polen schon wieder zu einem Land brennender Parteikomitees. Ein solches Polen kann eine Explosion im ganzen Ostblock auslösen, worauf vielleicht manche US-Befürworter eines harten Kurses spekulieren.
Theoretisch sind andere Varianten nicht auszuschließen, etwa daß an das Ruder des sowjetischen Staatsschiffs Menschen mit politischer Vorstellungskraft gelangen, sei es auch nur mit so einer wie der von Chruschtschow, der es nach Stalins Tod immerhin schaffte, in der sowjetischen Innenpolitik und in den internationalen Beziehungen das strategische Programm des Tauwetters durchzusetzen.
Heute könnte das Motiv für eine solche Strategie die Sorge um Erhaltung des Friedens und Aufrechterhaltung des Besitzstandes der Großmacht sein. Ich bin sicher, daß kein Mensch in Moskau heute glaubt, die Sowjet-Union würde aus einem globalen Konflikt als Sieger hervorgehen können.
Unter einer solchen Konstellation könnte sich für Polen die Chance einer Demokratisierung eröffnen, einer Reformpolitik und einer nationalen Verständigung.
Das ist, ich weiß, eine ferne Perspektive. Wie könnte man aber an diesem Ort, aus dem Mokotow-Gefängnis, nicht nach Fünkchen von Hoffnung in einer sich wandelnden Welt suchen? Und wenn man selbst die Welt schon nicht ändern kann, sollte man wenigstens versuchen, sie sich zu erklären. Sie forscht nach Wegen zum Frieden und zur Verständigung, da könnte es ja sein, daß einer dieser Wege durch Polen führt.
Ist in Polen eine Verständigung möglich? Nein, so lange nicht, wie die regierenden Kommunisten nicht dem Willen des Volkes nachgeben, sich selbst zu verwirklichen. Doch diese Verständigung, soviel weiß ich, ist eine zwingende Notwendigkeit nicht nur für Polen, sondern für den Frieden in der Welt.
Der Papst hat sich am Jahresanfang mit starkem Nachdruck gegen Kriegsmethoden,
Kriegszustände, gegen jene ausgesprochen, "die es vorziehen, sich der Waffen zu bedienen, statt nach Verständigung zu suchen". Er plädierte für einen "Dialog zugunsten des Friedens", ein Zwiegespräch ohne Lüge und Gewalt.
Die Voraussetzung dafür ist nun einmal das Vorhandensein von Gesprächspartnern. Die "Solidarnosc", in den Untergrund verdrängt, verleumdet und verfolgt, zahlt heute den höchsten Preis für ihren Versuch, die Chance für einen künftigen Dialog aufrechtzuerhalten, die Hoffnung auf den Frieden und die Verständigung nicht begraben zu lassen. Es wäre zu begrüßen, wenn Teilnehmer von Friedensbewegungen in den Ländern des Westens sich dieser Dimension der "Solidarnosc"-Aktivitäten voll bewußt würden.
Es ist ja nicht auszuschließen, daß eine friedliche Lösung des Konfliktes in Polen zu einem Ausgangspunkt für die Überwindung internationaler Spannungen wird, zu einer Quelle der Kraft für all jene, die Gespräche am Konferenztisch - sollen sie noch so mühsam und schwierig sein - höher schätzen als einen Dialog mit Hilfe von Gummiknüppeln und Tränengasgranaten, Panzern und Kanonenkugeln, und am Ende mit Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen.
Ich muß diese Reflexionen nun abschließen. Heute nacht, in ein paar Stunden, ist die letzte Gelegenheit, den Text auf die andere, um einige Grade freiere Seite meiner Mauer zu befördern.
Noch eines. Andropow korrespondiert mit einer zehnjährigen Amerikanerin, mit der er sich gemeinsam um die Rettung des Weltfriedens sorgt, während sowjetische Sportler und Feuerwehrleute Anti-Kriegsappelle an die Welt senden. Das kennzeichnet den Ernst der Lage.
Als die Sowjet-Union sich stark fühlte, griff sie den Weltimperialismus an und verkündete sein nahes Ende; wenn sie sich schwach fühlt, kämpft sie beharrlich für den Frieden. Diese Friedensappelle, verbunden mit Artikeln sowjetischer Journalisten über die Konterrevolution in Polen - sie verkünden den Polen nichts Gutes.
In Sonderheit den Häftlingen von Jaruzelski. Deshalb zum Schluß ein Wörtchen in eigener Sache. In der Haft befinde ich mich seit 18 Monaten. Zuerst war ich unter den Internierten in Bialoleka, dann wurde ich, zusammen mit anderen KOR-Leuten, in das Mokotow-Gefängnis überführt, unter dem Verdacht der Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes des Systems der Volksrepublik Polen und der Schwächung ihrer Verteidigungskraft.
Seit Februar mache ich mich mit dem in 40 dicken Bänden gesammelten Beweismaterial bekannt. Funktionäre des Innenministeriums und Militärstaatsanwälte haben sich keine Mühe gegeben, die Beschuldigungen irgendwie notdürftig glaubhafter zu machen, deren Absurdität aus jeder Seite strahlt.
Dies scheint der Grund zu sein, weshalb sie mir diese Akten rasch wegnehmen wollen; sie möchten nicht, daß ich sie aufmerksam durchstudiere. Die Zeit drängt, der fällige Schauprozeß muß zum vorgegebenen Termin stattfinden.
Und siehe da, der Staatsanwalt kündigte mir an, er würde die Anklageschrift an das Gericht schicken, ohne sich darum zu kümmern, ob ich mich mit dem Beweismaterial bekanntgemacht habe. Nicht einmal ihre eigenen Gesetze, die sie zur eigenen Bequemlichkeit der Gesellschaft aufgezwungen haben, können sie respektieren.
Dieser Prozeß wird eine stümperhafte Kopie der stalinistischen Prozesse sein - mit deren absurder Konstruktion von Schuldvorwürfen und dem bereits zuvor aufgeschriebenen Urteil.
Ich mache mir keine Illusionen. Das Urteil wird sicher hoch sein, einige Jahre mindestens. Ich glaube nicht, von irgendeiner Amnestie erfaßt zu werden, sicherlich werde ich geraume Zeit hinter Gittern verbringen müssen.
Ich werde allerdings keine Bitte um Gnade abfassen. Nicht deswegen war ich im KOR und in der "Solidarnosc", um jetzt Jaruzelski um Gnade zu bitten, sondern daß mein Volk niemals und niemanden mehr um Gnade zu bitten braucht.
MSW (Ministerstwo Spraw Wewngtrznych): Innenministerium.

DER SPIEGEL 27/1983
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